Rekord-Schiedsrichter Brych: "DFB-Pokal - das ist Spannung, Flutlicht, Emotionen, Drama" | OneFootball

Rekord-Schiedsrichter Brych: "DFB-Pokal - das ist Spannung, Flutlicht, Emotionen, Drama" | OneFootball

In partnership with

Yahoo sports
Icon: DFB

DFB

·29 August 2025

Rekord-Schiedsrichter Brych: "DFB-Pokal - das ist Spannung, Flutlicht, Emotionen, Drama"

Article image: Rekord-Schiedsrichter Brych: "DFB-Pokal - das ist Spannung, Flutlicht, Emotionen, Drama"

Dr. Felix Brych ist Bundesliga-Rekordschiedsrichter, war bei allen großen Turnieren als FIFA-Referee an der Pfeife, wurde siebenmal Deutschlands Schiedsrichter des Jahres und zweimal Weltschiedsrichter. Am Ende der vergangenen Saison beendete er seine aktive Karriere. Am Sonntag (ab 19 Uhr) lost er die zweite DFB-Pokalrunde aus. Vorher spricht Brych mit DFB.de über den Pokalwettbewerb,

DFB.de: Herr Dr. Brych, Sie sind sowohl in der Bundesliga mit 359 Spielen als auch in der Champions League mit 69 Partien Rekordschiedsrichter - im DFB-Pokal aber nicht. Wissen Sie, wie viele Spiele Sie im Pokal geleitet haben und wie viele Ihnen zum Rekord fehlen?


OneFootball Videos


Dr. Felix Brych: Das weiß ich leider überhaupt nicht. (lacht) Weder noch.

DFB.de: Dann klären wir Sie gern auf: Sie haben 42 Spiele im DFB-Pokal geleitet. Und es gibt mit Florian Meyer nur einen deutschen Schiedsrichter, der mehr Spiele geleitet hat, nämlich 46. Hinter Ihnen liegen übrigens Ihr alter und künftiger Chef Knut Kircher sowie Manuel Gräfe mit 41 Spielen.

Brych: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht. Aber dann befinde ich mich angesichts dieser Namen doch in sehr guter Gesellschaft.

DFB.de: Mit 42 Spielen haben Sie eine beeindruckende Zahl an DFB-Pokalspielen geleitet. Welche Szene oder Anekdote schießt Ihnen in den Kopf, wenn Sie an den Cupwettbewerb denken?

Brych: Da fallen mir natürlich die beiden Endspiele ein, die ich leiten durfte. Es war schon etwas Besonderes, dass ich nach dem Finale 2015 zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg auch das Finale 2021 zwischen Dortmund und RB Leipzig leiten durfte. Die Spiele und die Siegerehrungen einmal im vollen und einmal im leeren Olympiastadion zu erleben, war besonders. Gerade im vollen Stadion, das war schon toll. Und dann fällt mir noch ein Spiel in der ersten Runde ein: Ich habe mal Wehen Wiesbaden gegen den damaligen Deutschen Meister VfB Stuttgart gepfiffen. Ich habe damals vier Rote Karten gegeben - mein Kartenrekord! Spätestens da wusste ich, dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat.

DFB.de: DFB-Pokal bedeutet ja ganz oft auch Underdog gegen Favorit. Verändert sich dadurch etwas an Ihrer Rolle als Schiedsrichter oder an Ihrem Auftreten?

Brych: Nein, ich habe schnell gemerkt, dass man im Pokal wirklich jedes Spiel ernst nehmen muss. Der Underdog hat im heutigen Fußball immer eine Chance. Man sieht es jetzt auch, es gibt nur noch ganz wenige klare Ergebnisse. Ich habe 2003, also relativ früh in meiner Laufbahn, mal den damaligen Drittligisten TSG Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen gepfiffen. Damals war Hansi Flick noch Trainer in Hoffenheim, und sie haben die favorisierten Leverkusener im Achtelfinale geschlagen. Leverkusen hat zu dem Zeitpunkt auch schon Champions League gespielt. Seither wusste ich, dass der Kleine immer eine Chance gegen den Großen hat.

DFB.de: Spürt man das, wenn so ein Underdog kurz vor der Sensation steht? Verändert das etwas am Spiel oder an der Atmosphäre?

Brych: Ja, das spürt man. Da potenziert sich die Volksfeststimmung auf dem "Dorfsportplatz". Das war damals auch in Hoffenheim so, die haben noch in einem kleinen Stadion gespielt. Und ich weiß noch, die letzten fünf Minuten, da wurde jeder Befreiungsschlag wie ein Tor gefeiert. Dann kommt noch eine besondere, zusätzliche Thermik ins Spiel, weil der Favorit anfängt, mit der Brechstange zu agieren. Solche Spiele sind am Ende äußerst emotional für einen Schiedsrichter und auch sehr knifflig zu leiten.

DFB.de: Fällt Ihnen direkt ein Underdog ein, bei dem Sie sagen, der ist "typisch Pokal"?

Brych: Da fällt mir spontan der FC St. Pauli und ein spezielles Spiel ein. Sie haben 2006 im berühmten Schneespiel gegen den haushohen Favoriten Werder Bremen gewonnen - als Drittligist. Ganz nebenbei muss ich ehrlicherweise sagen, ich hätte das Spiel damals aufgrund der äußeren Bedingungen niemals anpfeifen dürfen. Damals im alten Millerntor-Stadion hat wirklich alles noch nach Amateurfußball gerochen. Aber mir fällt noch ein zweiter Ort ein.

DFB.de: Welcher?

Brych: In Lotte gab es eine ähnliche Situation. Auch in ihrem Stadion sollte auf einem unbespielbaren Platz gegen Borussia Dortmund gespielt werden. Ich habe das Spiel aber nicht angepfiffen - ich hatte meine Lehren aus dem St. Pauli-Spiel gezogen. Wir saßen in dieser Kabine, und draußen gab es kurz vor dem Anpfiff einen weiteren Schneesturm. Ich kam mir vor wie früher zu meinen Anfangszeiten im Amateurfußball und habe wieder meine Sachen gepackt. (lacht)

DFB.de: Ist es für einen Schiedsrichter anspruchsvoller, ein Pokalspiel mit klassischer Rollenverteilung, also Underdog gegen Favorit, zu leiten? Oder pfeift man lieber ein Spiel auf qualitativer Augenhöhe, wie Sie es aus der Bundesliga kennen?

Brych: Ich hatte immer lieber die Spiele auf Augenhöhe - auch in anderen Pokalwettbewerben. Da ist man automatisch fokussierter. Wenn der Favorit schnell 3:0 führt, dann kann die Konzentration unter Umständen nachlassen. Und umgekehrt, wenn der Underdog gut dagegenhält, wird's schwieriger. Da muss man hellwach sein. Das weiß man vorher nicht. Deswegen muss man sich als Schiri auf alle Eventualitäten einstellen.

DFB.de: Sie haben bereits den berühmten Satz gesagt: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Dementsprechend kann es zu einer Verlängerung oder sogar zum Elfmeterschießen kommen. Was schießt da einem Schiedsrichter als erstes durch den Kopf, wenn er weiß, hier geht's jetzt in die Verlängerung? "Mist, noch mindestens 30 Minuten länger bis zum Feierabend?"

Brych: Mir ist dann immer ein besonderes Verantwortungsgefühl in den Kopf geschossen. In der Verlängerung kann jetzt ein Pfiff das ganze Spiel kippen. Dieser Verantwortung wollte ich immer gerecht werden. Das heißt, in der Verlängerung habe ich einen noch größeren Fokus entwickelt und wirklich mit spitzen Fingern entschieden. Ich wollte keine überzogenen Entscheidungen mehr treffen - weder Rot noch Elfmeter. Ich habe auch noch mal zu meinen Assistenten gesagt: "Jetzt zählt jeder Pfiff."

DFB.de: Neben dem DFB-Pokal waren Sie auch in anderen europäischen Pokalwettbewerben im Einsatz, zum Beispiel in Griechenland. Ist das vergleichbar?

Brych: Eine Gemeinsamkeit haben die Spiele: Es sind K.o.-Spiele, und am Ende steht ein Ergebnis. Das heißt, man hat als Schiedsrichter eine übergeordnete Verantwortung. In der Bundesliga ist nächste Woche trotzdem wieder Spieltag, und alle Mannschaften dürfen mitspielen. Im Pokal ist es eben nicht der Fall. Da ist eine Mannschaft nicht mehr dabei, wenn sie verliert. Dieser Verantwortung war ich mir immer bewusst. Und je länger so ein Spiel gedauert hat und je umkämpfter es war, desto größer wurde mein Verantwortungsgefühl. Und natürlich wachsen auch mit jeder weiteren Runde bis ins Finale die Verantwortung und der Druck. Und dabei spielt es am Ende keine Rolle, ob es der Pokal in Deutschland oder in Griechenland ist.

DFB.de: Sie haben nun die Ehre, die zweite Runde im DFB-Pokal auslosen zu dürfen. Einfache Frage: Bereitet man sich darauf vor?

Brych: Nein, aber ich habe natürlich die erste Runde verfolgt und weiß, welche Mannschaften nun nicht mehr dabei sind beziehungsweise welche Mannschaften es in die zweite Runde geschafft haben. Dabei ist mir schon aufgefallen, dass die Bundesligateams das alles sehr seriös angenommen haben. So wenige Überraschungen wie dieses Jahr gab es, glaube ich, selten. Ich freue mich sehr, dass ich gefragt worden bin. Das ist für mich eine Ehre. Ich glaube, ich bin auch der erste Schiedsrichter, der so eine Auslosung vornehmen darf, und ich werde das ganz seriös machen. Aber auf eine Auslosung kann ich mich nicht vorbereiten, weil ich ja nicht weiß, wer in welcher Kugel steckt.

DFB.de: DFB-Pokal - wie würden Sie ihn beschreiben? Was macht er für sie aus?

Brych: Der DFB-Pokal ist ein ganz wichtiger und ein richtig spannender Wettbewerb, weil du als Mannschaft mit relativ wenigen Spielen auf eine ganz große Bühne kommen kannst. Spätestens im Viertel- oder Halbfinale guckt ganz Deutschland zu. Dazu kommt noch der kurze Weg nach Europa. Bielefeld hätte es als Drittligist fast geschafft. Ein weiterer Reiz des Wettbewerbs ist die Tatsache, dass es sofort losgeht. In jeder Runde fällt die Hälfte der Mannschaften raus. Das heißt, es ist unglaublich spannend. Generell bin ich der Meinung, dass K.o.-Spiele einfach ein unglaubliches Potenzial in sich bieten. Ich habe unglaublich gerne im Pokal gepfiffen, weil es wirklich emotional und von der Stimmung her einfach noch mal mehr ist als normaler Bundesligaalltag.

DFB.de: Was gehört für Sie zu einem perfekten Pokalabend dazu?

Brych: Spannung, möglichst enge Spiele, vielleicht sogar ein Elfmeterschießen. Flutlicht, Emotionen und, ja, Drama. (lacht) Das ist nie gut für den Schiri, aber es ist gut für den Wettbewerb. Ganz wichtig: Die schönen Tore möchte ich nicht vergessen. Im Pokal gibt es auch immer wieder ganz tolle Tore so wie jetzt auch in der ersten Runde. Ich denke an das Tor in Oldenburg von Delmenhorst. Der Pokal ist besonders, das habe ich - wie schon erwähnt - früh erkannt. Ich habe da mal in der zweiten Runde Frankfurt gegen Schalke gepfiffen, 6:0 haben die gewonnen. Das war ein Bundesligaduell. Es gibt also auch immer mal ganz komische Ergebnisse, man muss auf alles gefasst sein. Und diese Ungewissheit, die macht eben den Pokal so besonders.

View publisher imprint