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·29 August 2025

Wriedt im Interview: "Das halbe Jahr in der Türkei hat mir geschadet"

Article image:Wriedt im Interview: "Das halbe Jahr in der Türkei hat mir geschadet"

Mit Kwasi Okyere Wriedt und der 3. Liga hat abermals das zusammengefunden, was zusammen gehört: Der frühere Drittliga-Torschützenkönig spricht im Interview mit liga3-online.de über chaotische Karriere-Entscheidungen, die Faszination Tivoli und die mögliche Rückkehr zu "Prime-Otschi".

"Merke, wie ich langsam wieder spritziger werde"

liga3-online.de: Als Drittliga-Torschützenkönig in die Eredivisie, danach zwei Stationen in der 2. Liga und über die Türkei zu Alemannia Aachen. Haben Sie sich in den letzten Jahren teilweise mehr als Groundhopper gefühlt, Herr Wriedt?


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Kwasi Okyere Wriedt: In die Groundhopper-Schiene würde ich mich selbst noch nicht einsortieren. Auch wenn ich verstehen kann, dass nach meiner extrem erfolgreichen Zeit in der U23 des FC Bayern dieser Eindruck von außen entsteht. Hinter jeder Entscheidung stand schon ein Plan, Erwartungen und gewisse Ziele. Mal war ich verletzt, mal hat es aus anderen Gründen nicht gepasst.

Besonders bei einem Wechsel an den Bosporus sind meist böse Überraschungen und Anekdoten vorprogrammiert, die viele Fußballer gerne ausradieren würden!

Hier muss ich mich leider anschließen. Du weißt, dass dort der Fußball nicht so strukturiert abläuft wie hier in Deutschland oder anderen europäischen Ligen. Gewisse Vorbehalte waren in meinem Kopf, und ich muss mich kritisch dafür hinterfragen, warum ich diesen Schritt trotzdem gegangen bin. Vor Ort war das Chaos noch viel größer, als ich es mir je hätte vorstellen können. Die Clubs wechseln ihre Präsidenten genauso schnell wie die Trainer. Zwischen diesen Machtkämpfen fällt es schier unmöglich, sich auf die fußballerischen Dinge zu konzentrieren.

Die große Fan-Base und den Tivoli nannten Sie als Hauptgründe für die Rückkehr in die 3. Liga. War die Premiere (2:4 gegen die TSG Hoffenheim II) so emotional wie Sie es sich ausgemalt hatten?

Schon die Kulisse beim Testspiel gegen Fortuna Düsseldorf (8.000 Zuschauer, Anm. d. Red.) hat mich beeindruckt. Dann waren im ersten Heimspiel über 20.000 Fans da. Hier hast du gemerkt: Diese Menschen sind so emotional mit diesem Klub verbunden und können mit ihrer Stimmung Spiele in unsere Richtung kippen lassen. Ohne die zweifelhafte Gelb-Rote Karte gegen Lamar Yarbrough wäre uns womöglich auch in dieser Situation noch ein Comeback gegen Hoffenheim gelungen.

Von Ihren Mitspielern werden Sie meist "Otschi" gerufen. Wie matcht der Spitzname eigentlich mit dem "Öcher" Dialekt?

Der kommt den Alemannia-Fans gut und flüssig über die Lippen. Mit dem vollen Namen hätten wohl einige eher Probleme. Daher trage ich diesen Spitznamen schon seit meiner Kindheit.

Alemannia-Coach Benedetto Muzzicato lobt im Interview ihre nach wie vor außergewöhnliche Präsenz in der Box, einige Fans hoffen auf den "Prime-Otschi" aus Bayern II-Zeiten (71 Tore in 98 Partien). Wie viel davon steckt heute noch in Ihnen?

Erst der Saisonstart in der 3. Liga hat mir gezeigt, wie sehr mir die Intensität aus dem halben Jahr in der Türkei geschadet hat. Aber da muss ich jetzt durch und merke, wie ich langsam wieder spritziger werde und in die Situationen komme, wo mich der Trainer sehen will. Ich bin jetzt 31, aber denke: Da ist noch was aus der Bayern-Zeit im Tank.

"Nach drei Spieltagen ist noch keiner auf- oder abgestiegen"

Nach einem Doppelpack unter der Woche im Mittelrhein-Pokal fanden Sie sich beim 0:2 gegen den TSV 1860 München wiederum in der "Joker"-Rolle wieder. Hatte das vorwiegend taktische Gründe?

Größtenteils ja. Benedetto Muzzicato ist ein sehr kommunikativer Coach, der mir seinen Matchplan gegen einen Aufstiegsfavoriten und die dafür bestmögliche Formation erklärt hat. Das klang alles sehr schlüssig und es brauchte in der Folge keine interne Diskussion. Ich kam dann in der Schlussviertelstunde von der Bank.

Leichter wird der Spielplan mit den Duellen bei Rot-Weiss Essen und Zweitliga-Absteiger SSV Ulm nicht. Wie soll der Turnaround gelingen?

Nach drei Spieltagen ist noch keiner auf- oder abgestiegen. Und jeder weiß zur Genüge, dass sich Trend- und Formkurven in der 3. Liga noch viel schneller ändern können. Erstmal fahren wir nach Essen, um die trotz der Niederlage starke Leistung aus dem 1860-Spiel zu bestätigen. Die Zuversicht und der mögliche Brustlöser-Effekt, der aus einem Sieg entstehen könnte, ist höher als die Nervosität.

Erinnern Sie sich an eine Saison bzw. frühere Station, wo Sie mit Klub ebenfalls den Start verpatzt hatten, aber der spätere Saisonverlauf erfolgreich war?

Auch da kann ich an meine Zeit beim FC Bayern mit der vielleicht größtmöglichen Achterbahn-Fahrt zurückdenken. Drei der ersten vier Spiele gingen verloren, zur Winterpause hingen wir dann im unteren Drittel fest. Von Rang 15 aus haben wir uns mit einer Rückrunde, wo von A bis Z wirklich alles gepasst hat, bis an die Spitze vorgearbeitet.

Das Paradebeispiel für das viel zitierte Bayern-Gen. Haben Sie sich das trotz der bewegten Transfer-Historie bewahrt?

Keine Frage: Das Bayern-Gen existiert rund um die Säbener Straße. Du merkst den Druck, in jedem Spiel der Favorit zu sein und konterst das irgendwann mit einer positiven Arroganz. Es hilft mir noch heute, die Schmerzgrenze zu verschieben und erfolgshungrig zu bleiben.

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