Wochenschau: Ist das jetzt Christian Seifert oder Kanye West?

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Niklas Levinsohn

Artikelbild: Wochenschau: Ist das jetzt Christian Seifert oder Kanye West?

Christian Seifert hat eine Spitze in Richtung der Befürworter eines Saisonabbruchs geschossen. Warum das Quatsch ist, hat der FC Watford gezeigt.

„Corona ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“ – John Lennon. Mag sein, dass ein nicht ganz unerhebliches Wort in diesem angeblichen Zitat des früheren Beatles ausgetauscht wurde, aber wen kümmert das schon? Der Wert kluger Worte ist durch ihre Verinstagramisierung ohnehin ins Bodenlose gestürzt.

Darum soll es allerdings nicht gehen. Hier geht es schließlich immer noch um Fußball. Der, so er denn tatsächlich ein Spiegel der Gesellschaft ist, zurzeit ein bedenkliches Licht auf selbige wirft. Der Logik folgend besteht diese nämlich entweder aus schamlosen Opportunisten oder misstrauischen Zynikern. Vielleicht ist sogar von beiden etwas dabei.

DFL-Präsident Christian Seifert hatte mit Verweis auf Befürworter eines Saisonabbruches erst gestern in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ erklärt: „Blicken Sie nach England oder in die 3. Liga hierzulande, dann drängt sich der Eindruck auf: Je nach Tabellenplatz entdeckt man plötzlich die Moral.“

Gemessen daran, wie wohl überlegt und sich jeglicher Festlegung entziehend der 51-Jährige bisher in der Coronakrise aufgetreten war, ist das ein überraschend drastisch formulierter Gedanke. Einer, der sich die Frage gefallen lassen muss, ob er nicht vielleicht etwas misstrauisch und zynisch ist.

Denn klar mutet es erstmal verdächtig an, wenn der Einspruch gegen den Neustart vor allem aus dem Lager der Abstiegsgefährdeten kommt. Bloß könnten diese nicht genauso gut postulieren, dass aufs Weiterspielen pochende Klubs, denen ein erfolgreiches Saisonende in Aussicht steht, die Gesundheit ihrer Angestellten weniger wertschätzen als das Erreichen sportlicher Ziele? Könnten sie.

Insofern steht es dem DFL-Präsidenten nicht gut zu Gesicht, wenn er nun den Anschein erweckt, den Befürwortern eines Saisonabbruchs hintergründige Motive zusprechen zu wollen. Diese kommen und kamen nämlich nicht nur aus dem Tabellenkeller der 3. Liga, sondern auch aus der Politik und aus den aktiven Fanszenen aller professionellen Spielklassen in Deutschland.

Dass deren Bedenken nicht einfach aus der Luft gegriffen sind, hat erst diese Woche der Fall Troy Deeney bewiesen. Mit dem FC Watford steckt der Stürmer bis zum Hals im Abstiegsschlamassel. Nur das Torverhältnis hält die Hornets zurzeit über dem Strich. Entsprechend fiel das Echo auf Deeneys Erklärung aus, er werde aus Sorge um seine Familie vorerst nicht am Training teilnehmen.

Der 31-Jährige hat einen fünf Monate alten Sohn, der unter Atembeschwerden leidet. Und seit Kurzem mit Adrian Mariappa auch einen Teamkollegen, der positiv auf COVID-19 getestet wurde. Alte Sicherheiten gibt es nicht mehr. Weder im Mikrokosmos Profifußball noch für die Gesellschaft als Ganzes.

Natürlich muten die aktuellen Zahlen vielversprechend an. Doch nicht mal diejenigen, deren Beruf es ist, uns bestmöglich vorauszusagen, wo wir in vier bis sechs Monaten in dieser Pandemie stehen werden, können dazu eine verlässliche Prognose abgeben. Zu zahlreich sind die Unwägbarkeiten: Wie saisonal ist das Virus? Wird es eine zweite Welle geben?

Je nachdem wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen, sind durchaus Szenarien denkbar, in denen eben doch ein Abbruch hermuss. Sei er nun wie zuletzt ein temporärer oder diesmal eben final. Vielleicht wird man auch zurückschauen und zu der Feststellung kommen, dass es falsch war, den Spielbetrieb so früh überhaupt noch mal aufzunehmen.

Diejenigen, die die Rückkehr von Bundesliga und 2. Liga maßgeblich vorangetrieben haben, werden sich dann einen fairen Umgang mit ihren Entscheidungen wünschen. Das ist nur verständlich. Dazu müssen sie aber auch fair mit denen umgehen, die zurzeit auf der Verliererseite dieses Abwägungskampfes stehen. Und das „Blame Game“ Kanye West überlassen.