Rund um das Spiel in Bochum

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Rund um den Brustring

Erneut spielt der VfB am Sonntag um 15.30 Uhr, diesmal bei Aufsteiger Bochum. Vor dem Duell im Ruhrstadion sprachen wir mit Sportjournalist und Bochum-Experte Philipp Rentsch (@p_rentsch), der unter anderem den Blog Tief im Westen betreibt.

Rund um den Brustring: Hallo Philipp und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Vor ziemlich genau fünf Jahren hast Du das schon Mal getan, damals noch als VfL-Reporter für Westline. Mittlerweile schreibst Du für den WDR, die Ruhr-Nachrichten und hast mit “Tief im Westen” Deine eigene Plattform. Wie ist es dazu gekommen, was hat sich seither für Dich als Sportjournalist verändert?

Philipp: Ich arbeite zwar für den WDR, berichte dort allerdings nicht über den VfL Bochum und auch nicht über Fußball. Es ist eine schöne Abwechslung zum Sportjournalismus. Beides macht großen Spaß, ich mag diesen Kombi-Job. westline wurde 2019 vor allem aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Anschließend hat sich aber die Zusammenarbeit mit den Ruhr Nachrichten entwickelt – und ich habe mein eigenes Portal mithilfe vieler VfL-Fans gegründet. Mehr als 250 Unterstützer finanzieren mit freiwilligen Spenden den Betrieb. Während ich für die Ruhr Nachrichten ganz klassisch und überwiegend auf das Sportliche schaue, beleuchte ich auf meiner Seite auch weitere Themen rund um den Verein.

Das Spiel, über das wir damals sprachen war das erste unter Hannes Wolf, der ja in Bochum studiert hat. Seither ist der VfB auf-und wieder abgestiegen, hat nochmal gegen Bochum gespielt und ist wieder aufgestiegen. Jetzt kommt es zum ersten Bundesliga-Auftritt unserer Mannschaft an der Castroper Straße seit April 2010(!). Was hat sich beim VfL seit unserem Gespräch damals geändert, dass man jetzt endlich wieder in der ersten Liga aufeinander trifft?

Es gab auch damals schon gute Ansätze, über die der VfL aber nicht hinausgekommen ist. Es kam speziell im Jahr 2017 und auch Anfang 2018 sehr viel Unruhe in den Klub, mit großen Verwerfungen und vielen personellen Veränderungen, die dem Verein allerdings gutgetan haben. Es gab Anlaufschwierigkeiten, aber seit Ausbruch der Pandemie läuft es. Das ist wirklich kurios. Bis zum März 2020 war der VfL in der 2. Liga sogar abstiegsgefährdet, doch nach der Zwangspause gab es eine Siegesserie nach der anderen. In meinen Augen hatte das zwei Gründe: Zum einen ist aus der Mannschaft endlich ein Team geworden, und zum anderen ist dieses Team endlich hungrig nach Erfolgen. Das war nicht immer so, eine gewisse Selbstzufriedenheit war über Jahre charakteristisch für den Verein. Der Aufstieg war und ist der verdiente Lohn.

Bochum ist mit einem Sieg gegen Mainz und vier Niederlagen in die Saison gestartet, zuletzt kassierte man in München mit 0:7 die höchste Niederlage der Veeeinsgeschichte. Wie bewertest Du den Saisonauftakt im Hinblick auf das Saisonziel Klassenerhalt und was war da am Samstag los? Wie geht man in Bochum mit diesem Spiel um?

Dass der VfL das Spiel in München nicht hoch gewinnen würde, war ja schon im Vorfeld klar. Die Art und Weise, wie die Mannschaft dort aufgetreten ist, und die Höhe der Niederlage, waren aber doch überraschend und enttäuschend. Die beiden Heimspiele gegen Mainz und Hertha waren gut, aber es gab nur einmal drei Punkte. Gegen Stuttgart sollte es jetzt keine weitere Niederlage geben. Sonst könnte es, je nach Spielverlauf, zum ersten Mal etwas unruhiger werden, zumal es anschließend nach Leipzig geht. Der VfL muss vor allem zu Hause punkten, da ist er stark, auch im Zusammenspiel mit den Fans.

Auch wenn die Tabelle noch keine Aussagekraft hat: Aktuell belegen beide Aufsteiger die Abstiegsplätze. Siehst Du den Klassenerhalt als realistisch an? Und was würde ein direkter Wiederabstieg in Corona-Zeiten für den VfL bedeuten, auch finanziell?

Die 2. Liga wird immer anspruchsvoller und ist sehr ausgeglichen. Aus dieser Liga aufzusteigen ist vielleicht noch schwieriger als den Klassenerhalt in der Bundesliga zu schaffen. Der VfL muss deshalb alles daran setzen drinzubleiben. Das ist jetzt eine große Chance, ein womöglich entscheidendes Jahr in der Vereinsgeschichte. Die Chance, tatsächlich 15. zu werden – über mehr sollten wir nicht sprechen – ist sicher da, aber dafür muss wirklich vieles passen. Aktuell gibt es zum Beispiel einige Verletzte. Das kann der VfL kaum kompensieren.

Kann Takuma Asano in einer Liga ohne den KSC überhaupt treffen? © imago

Blicken wir auf den Kader: Im Sommer blieb die Aufstiegsmannschaft, sieht man von Robert Zulj ab, weitestgehend zusammen und wurde mit Spielern aus der zweiten Liga und Leihen von Bundesligakonkurrenten ergänzt – und unserem ehemaligen Stürmer Takuma Asano. Wie bewertest Du den Transfersommer und welchen Eindruck hast Du von Asano gewonnen?

Man immer Wünsche oder Vorstellungen, aber es ist klar, dass ein Aufsteiger nicht alle davon erfüllen kann. Beim VfL kam erschwerend hinzu, dass fast alle Spieler aus der Zweitligasaison noch einen gültigen Vertrag hatten, auch viele Reservisten, und im Sommer kaum jemand gegangen ist. Acht Neue kamen trotzdem, sieben davon mit Bundesligaerfahrung. Noch ist keiner von ihnen so richtig durchgestartet, aber sie haben ihr Potenzial schon angedeutet, auch Asano. Er gehörte nach der Vorbereitung in den ersten beiden Pflichtspielen zur Startelf, hat sich dann aber verletzt und fiel mit einem Muskelfaserriss aus. Jetzt ist er aber wieder fit. Persönlich halte ich auch viel von Eduard Löwen und Christopher Antwi-Adjei, die bislang noch kaum gespielt haben, aus unterschiedlichen Gründen. Was fehlt, ist tatsächlich ein echter Spielmacher, also ein Ersatz für Robert Zulj. Die Verantwortlichen wollten es über eine Systemumstellung lösen, aus dem bewährten 4-2-3-1 ist ein 4-1-2-2-1 geworden, mit einem Sechser und einer Doppel-Acht. Für ein abschließendes Urteil ist es noch zu früh.

Simon Zoller hat eine, wenn auch kurze, VfB-Vergangenheit und ist aktuell mit vier Scorerpunkten gefährlichster Bochumer, fällt aber mit einem Kreuzbandriss sehr lange aus. Vor wem müssen wir uns in Acht nehmen und wo liegen die Schwächen des VfL?

Zoller ist eigentlich unumstrittene Stammkraft und Leistungsträger, Motivator, Führungsspieler und Top-Scorer. In der Aufstiegssaison war er an 25 Treffern beteiligt, in dieser Spielzeit an allen vier. Sein Ausfall wiegt schwer. Die größte Schwachstelle ist in meinen Augen die Innenverteidigung, eine Schlüsselposition im Abstiegskampf. Da hat es der VfL verpasst, im Sommer nachzubessern. Maxim Leitsch fehlt verletzt, Armel Bella Kotchap ist sehr talentiert und wird sicher in der Bundesliga bleiben, notfalls auch ohne den VfL. Aber er ist noch jung und macht Fehler, die auch dem Alter geschuldet sind. Ihm fehlt ein starker Nebenmann. Vasilios Lampropoulos, der Ersatz für Leitsch, war zuletzt an vielen Gegentreffern beteiligt. Die besten Leistungen hat bislang Torhüter Manuel Riemann gezeigt. Grundsätzlich ist das Kollektiv entscheidend. Einzelspieler, die besonders herausragen, hat der VfL nicht.

Im Trainerteam hat nicht nur Heiko Butscher eine VfB-Vergangenheit auch Cheftrainer Thomas Reis kickte 1989 in der Jugend für ein Jahr im Brustring. Mittlerweile ist er seit 2019 im Amt. Wie bewertest Du seine Arbeit bisher, wie lässt er die Mannschaft im der Bundesliga spielen. Und meinst Du, er würde auch einen schwierigen Abstiegskampf überleben?

Ich habe ihn anfangs eher kritisch gesehen. Seine Handschrift war nicht wirklich klar, im Zweifel hat er eher defensiv und konservativ aufgestellt und genau in diesen Momenten ist es oft schiefgegangen. Aber das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Reis hat in der Aufstiegssaison besser die Stärken seiner Mannschaft genutzt, hat etwa das Tempo erhöht und das Pressing verbessert. Außerdem punktet er mit seiner Führungsstärke. Das klingt jetzt nach einer Floskel, aber er spricht die Sprache der Spieler, das ist ganz entscheidend. Und: Er greift konsequent durch. Jede Trainingseinheit ist ihm wichtig. Zieht jemand nicht mit, fliegt er aus der Startelf, auch wenn es ein Stammspieler ist. Es müsste also schon vieles zusammenkommen, dass Reis gefeuert wird. Ich will es auch nicht hoffen. Das würde nämlich bedeuten, dass der VfL in eine ernsthafte Krisensituation kommt. Grundsätzlich passt Reis gut nach Bochum, er identifiziert sich voll und ganz mit dem Klub.

Abschließend: Dein Tipp fürs Spiel?

Der VfL punktet.

Titelbild: © imago/Werner Otto

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