Kommentar zum Fall „Verstraete“: Zweifeln verboten? | OneFootball

Kommentar zum Fall „Verstraete“: Zweifeln verboten?

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Niklas Levinsohn

Dem 1. FC Köln hätten viele Möglichkeiten offen gestanden, auf das Interview von Birger Verstraete zu reagieren. Das öffentliche Statement wirft jedoch Fragen auf.

Unautorisierte Interviews sieht wohl kein Fußballverein gerne. Zu wichtig ist es den Klubs, die heute auch Medienbetriebe sind, das Narrativ rund um den Verein bestmöglich kontrollieren zu können. Nun hat Birger Verstraete aber nicht über sportliche Unzufriedenheit oder heimliche Wechselambitionen gesprochen, sondern über nachvollziehbare Ängste in einer Zeit, die auch für die privilegierte Klasse der Profikicker Ungewissheit bedeutet.

Dass er das so freimütig und ehrlich getan hat, ist gut. Weil es für die Öffentlichkeit und insbesondere für die Fans wichtig ist, zu wissen, wie es den Spielern angesichts eines Wiederbeginns der noch lediglich unterbrochenen Saison geht. Nicht zuletzt um selbst entscheiden zu können, wo man in der Frage möglicher Geisterspiele schon in diesem Monat steht. Eine mögliche Diskussion darüber, ob die Spielerseite in der Entscheidung genügend Gehör findet, ist nun erstmal abgewürgt.

Nicht irgendwie, sondern mit einer heute veröffentlichten Stellungnahme des Vereins. „Ich habe mich an einigen Stellen falsch ausgedrückt, so dass in der Übersetzung ein missverständlicher Eindruck entstanden ist, der mir leid tut“, zitiert der Effzeh den 26-Jährigen.

Es auf die Übersetzung zu schieben, wäre zwar eine Erklärung, diese scheint aber zumindest angreifbar zu sein. Übersetzt wurde das ursprüngliche Interview mit dem flämischen Fernsehsender ‚VTM‘ für die ‚Sportschau‘ nämlich von Muttersprachler Francois Duchateau. Inzwischen haben sich auch andere Berichtende eingeschaltet und die vorliegende Übersetzung bestätigt. Daran hat es also eher nicht gelegen.

Das Statement mit dem der 1. FC Köln auf das Verstraete-Interview reagiert hat, offenbart vielmehr ein anderes Problem: Zweifeln ist aktuell im Zirkus Profifußball offenbar nicht gerne gesehen. Auch außerhalb von Köln.

Hinsichtlich der öffentlichen Akzeptanz steht der Neustart der Bundesliga auf zu wackeligen Füßen, um Zugeständnisse an die Mahner und Skeptiker zu machen. Stattdessen schließen Klubs und DFL die Reihen. Auf der Strecke bleibt die Menschlichkeit.

Als die Coronakrise über die Gesellschaft und den Fußball hereingebrochen ist, zählte ein in der Folge nachsichtigerer, fürsorglicherer und menschlicherer Umgang miteinander zu den wenigen geäußerten Hoffnungen. Über berechtigte Ängste und Sorgen hinweg einen Plan durchzuboxen, der nur des Geldes wegen durchgeboxt werden muss, ist so ziemlich das genaue Gegenteil davon. Dieser Eindruck könnte nun entstehen.

Ein Fußball, der die Coronakrise überlebt, ist nur etwas wert, wenn es danach noch Menschen gibt, die diesen Fußball auch sehen wollen. Dass das nicht so sein könnte, mag heute noch unmöglich erscheinen. So unmöglich wie vor wenigen Monaten noch die Vorstellung geklungen hätte, dass Anfang Mai nahezu weltweit kein Ball mehr rollt und der Profifußball kollektiv in den Abgrund blickt. Und jetzt sind wir hier.