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·31. August 2025
Hertha BSC und die Kunst des kontrollierten Absturzes

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·31. August 2025
Stefan Leitl feierte seinen 48. Geburtstag mit einer 0:2-Heimniederlage gegen Elversberg. Das war noch das Erfreulichste an diesem Abend. Denn was Hertha BSC derzeit abliefert, ist keine Krise mehr, sondern ein Lehrstück über institutionalisierte Selbsttäuschung. Mit zwei Punkten aus vier Spielen steht der selbsternannte Aufstiegskandidat auf Platz 17. Die Fans pfiffen, der Trainer wirkte ratlos, und Sportdirektor Benjamin Weber flüchtete sich in Arbeitsrhetorik.
Das eigentlich Bemerkenswerte an Herthas Misere ist nicht die sportliche Talfahrt an sich. Es ist die Perfektion, mit der hier alle Beteiligten ihre Rollen in einem vorhersehbaren Trauerspiel erfüllen. Leitl spricht von Spielen, die „absolut okay“ seien – nach drei torlosen Partien in Folge. Weber verweigert Antworten auf kritische Fragen und nennt sie „respektlos“. Kapitän Fabian Reese erklärt routiniert, man müsse sich hinterfragen. Es ist, als hätten sie alle das Drehbuch für „Abstiegskampf in drei Akten“ auswendig gelernt.
Die wahre Tragödie liegt darin, dass niemand bei Hertha den Mut aufbringt, die offensichtliche Wahrheit auszusprechen: Dieser Verein hat sich in seiner eigenen Bedeutungslosigkeit eingerichtet. Man redet von Aufstieg, während man gegen Teams wie Elversberg verliert, deren Torschütze Younes Ebnoutalib noch vor wenigen Monaten in der Regionalliga kickte. Man beklagt Verletzungspech, als wäre das eine Berliner Besonderheit. Man hofft auf die Länderspielpause wie auf ein Erweckungserlebnis.
Die kommende Pause wird tatsächlich genutzt werden – für weitere Floskeln, weitere Durchhalteparolen, weitere Selbstbeschwörungen. Was sie nicht bringen wird: eine ehrliche Analyse, warum ein Verein mit Herthas Ressourcen und Geschichte es schafft, sich derart konsequent selbst zu demontieren. Die Antwort liegt nicht in taktischen Details oder Personalfragen. Sie liegt in einer Vereinskultur, die Mittelmäßigkeit mit Phrasen übertüncht.
Das nächste Spiel führt nach Hannover, zum einzigen Team mit perfekter Bilanz nach vier Spieltagen. Es wird womöglich die nächste Niederlage werden, die nächsten Erklärungsversuche, die nächste Runde im Karussell der Bedeutungslosigkeit. Hertha BSC ist nicht in der Krise. Hertha BSC ist die Krise.