Einzigartige Community bei Arsenals Frauen: Ein Erlebnisbericht aus dem Meadow Park | OneFootball

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·7. November 2023

Einzigartige Community bei Arsenals Frauen: Ein Erlebnisbericht aus dem Meadow Park

Artikelbild:Einzigartige Community bei Arsenals Frauen: Ein Erlebnisbericht aus dem Meadow Park

Arsenals Frauen haben eine treue Anhängerschaft: Das Stadion ist stets pickepackevoll, viele Fans reisen zu jedem Auswärtsspiel. Innerhalb weniger Jahre hat sich in Nordlondon eine einzigartige Community an Fans gebildet - und die Stimmung ist fantastisch. Wie ist das passiert? Ein Erlebnisbericht aus dem Meadow Park.

Sieg gegen Manchester City vor lauter Kulisse

Die Arsenal-Fans singen sich die Nervosität von der Seele. "Red-White Army" oder "Arsenal, Arsenal", schallt es immer wieder durch das Stadion. Das Zuhause der Arsenal-Frauen, der Meadow Park hoch im Norden von London, bebt beim Topspiel gegen Manchester City.


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Ein Must-Win-Spiel für Arsenal, daher die Nervosität: Der Saisonstart lief nicht gut für die Gunners, mit dem Aus in der Champions League und einer Niederlage gegen Liverpool. Vor dem Spiel sind die Fans wenig optimistisch: Viele rechnen mit einer Schlappe gegen das gut aufgelegte City, mit einem Punkt wären die meisten zufrieden.

Und tatsächlich scheinen sich die Befürchtungen zunächst zu bewahrheiten, denn Arsenal startet schlecht ins Spiel. Da hilft nur eins: Singen, singen, singen. Der Motor der Stimmung ist im Meadow Park die Nordtribüne, die North Bank. Seit einigen Jahren steht hier der harte Kern der Fans.

Immer wieder stimmen sie ihre Lieder an, aber in der Anfangsphase werden sie oft noch nervös abgebrochen: Ein Ballverlust, ein Patzer, und das Stadion hält kollektiv die Luft an. Die North Bank gibt aber nicht auf, und plötzlich geht Arsenal aus dem Nichts in Führung. Die Australierin Steph Catley nutzt einen Fehler der jungen City-Keeperin, und schon steht es 1:0.

Besondere Song-Kultur: Für jede Spielerin ein Lied

Und schon schlägt die Stimmung von Nervosität zu vorsichtiger Euphorie um. Wie schön es sei, ein Arsenal-Fan zu sein und noch dazu Catley in seinem Team zu haben, wird prompt besungen: "It's wonderful, it's wonderful." Auch das Team wacht nun auf, kann sich befreien und kommt zu mehr erfolgreichen Dribblings und Grätschen.

Jedes von denen wird frenetisch bejubelt und besungen. Anders als in Deutschland, wo ein "Fußballgott!" die höchste Ehrung für einen Spieler ist, fast schon ein Ritterschlag, feiern die allermeisten Gesänge in England die individuelle Brillanz. Jede Spielerin hat bei Arsenal ihren eigenen Song, gerne zu den Melodien eingängiger Hits. Wer am besten spielt, lässt sich oft daran erkennen, wie oft ihr Lied angestimmt wird.

Bei Arsenal hat sich inzwischen eine echte Song-Kultur gebildet, sogar eine Übersicht mit den Texten gibt es - die sind voll mit Anspielungen auf die Spielweise oder Persönlichkeit der Besungenen. "She’s red, she’s white, she loves the vegemite, Caitlin Foord“, wird etwa die australische Flügelspielerin der Gunners angefeuert.

Vor einigen Jahren sah das noch anders aus: Da schallte oft der klassiche "Arsenal"-Gesang durch das Stadion, oder der Dauerbrenner "We've got McCabe, Katie McCabe", für den irischen Fan-Liebling. Dass sich das jetzt geändert hat, liegt vor allem an einer kleinen Gruppe an Fans, die sich zum Ziel gemacht haben, die Stimmung zuhause zu verbessern. Längst wird die heimische Spielstätte nicht mehr als "Deadow Park" von den gegnerischen Fans verspottet, sondern ist zur Festung geworden.

Selbst ein verschossener Elfmeter nach dem 1:0 tut der Stimmung keinen Abbruch. Neuzugang Alessia Russo wirbelt im Sturm hin und her und wird dafür fleißig besungen. Die Fans sind gut daran beraten, zu hüpfen und zu singen, denn bei frostigen 12 Grad hilft das wohl, um warm zu bleiben. Einige mutige Engländer haben sich mit Shorts ins Stadion getraut, aber die meisten sind gut eingepackt. Katie McCabe hat sich dagegen für die unorthodoxe Variante entschieden, nur links einen langen Ärmel zu tragen.

Kampfbetontes Spiel - mit glücklichem Ende für Arsenal

McCabe kassiert eine gelbe Karte - die wohl unspektakulärste Nachricht von diesem Nachmittag, denn dafür ist die Irin bekannt. Aber die Schiedsrichterin verteilt die Gelben auch sonst mit lockerer Hand, am Ende werden es sieben verwarnte Spielerinnen sein. Die große Fußballklasse zeigen beide Teams nicht, aber in der zweiten Hälfte wird City drückend überlegen und belohnt sich nach einem unglaublichen Chancenwucher mit dem 1:1.

Die Fans zeigen eine Trotzreaktion: Noch lauter, noch mehr wird jetzt gesungen. Inzwischen trauen sich auch die anderen Tribünen mehr, mal einen Gesang anzustimmen. Die Einwechselung von Beth Mead, kürzlich von ihrem Kreuzbandriss zurückgekehrt, sorgt für eine neue Welle: "Beth Mead's on fire, your defense is terrified..."

Ansonsten gibt es aber wenige Einzelaktionen zu bejubeln, und so muss man zu anderen Mitteln greifen: Manchester City's Chloe Kelly lässt sich mit Vergnügen fallen, um Freistöße zu bekommen - zum Missfallen der Arsenal-Fans. "Same old City, always cheating", heißt es nun.

Fast haben sich die Fans schon mit dem Unentschieden abgefunden, da kommt doch noch ein Geschenk vom Himmel - oder besser gesagt von der Torhüterin der Skyblues. Sie wehrt den Ball vor die Füße der heransprintenden Stina Blackstenius ab, und die tut, was sie am besten kann: "She scores the goals, she scores the goals", um es mit den Worten der Arsenal-Fans zu sagen.

Ekstatischer Jubel auf dem Rasen und den Tribünen. McCabe, die den langen Ball geschlagen hatte, gestikuliert in Richtung Auswärtsblock: Nimmt das! Wegen dieser "shithousery", wie die Engländer es nennen, lieben die Fans sie - da wird sogar ihre Jugendsünde verziehen, denn McCabe war mal Chelsea-Fan.

Kurz vor Schluss wird die Stimmung von einem medizinischen Notfall in der North Bank nochmal getrübt, zum Glück passiert aber nichts Schlimmeres. Dann der Abpfiff - und viel Erleichterung über einen extrem wichtigen, wenn auch nicht wirklich schönen Sieg. "North London Forever" wird angestimmt, und statt lautem Jubeln und Schreien wird jetzt andächtig gesungen.

Auch das Emirates soll bald zur Festung werden

Obwohl der Meadow Park von der Emirates-Arena weit weg ist, ist das kleine Stadion längst zur Heimat des Teams geworden. Die 4.500 Tickets gehen stets weg wie heiße Semmeln, auch gegen City gingen viele leer aus - daher hat sich auch der Klub nach Alternativen umgeschaut. Perfekt wäre eigentlich ein Stadion mit doppelt oder dreimal so viel Kapazität - aber die gibt es in Londons Norden nicht wie Sand am Meer. So sollen mittelfristig alle Spiele im großen Stadion ausgetragen werden, was aktuell noch für Skepsis sorgt.

Schließlich ist der Meadow Park die Heimat der Fans und steht auch für das, was sie lieben. Englische Kälte, kleines aber heimeliges Stadion, Tribünen mit Container-Optik, Gemeinschafts-Gefühl, Burger für fünf Pfund: Das ganze Ambiente passt zur Idee vom "good ol' football", vom Fußball, wie er eigentlich sein sollte.

Viele Fans sind daher zwiegespalten - die Spiele im Emirates sind besonders und werden auch von den Spielerinnen sehr geschätzt. Und der Klub war bei der Vermarktung sehr erfolgreich, Rekord um Rekord wird dort aufgestellt. Trotzdem ist die Atmosphäre noch anders, und das soll sich bald ändern: Die Fans wollen nicht nur die Stimmung der Männer-Spiele kopieren, sondern etwas Eigenes schaffen.

Bei Zuschauerzahlen über 50.000 leichter gesagt als getan. Inzwischen hat sich der harte Kern der Arsenal-Women-Fans aber zusammengetan, um einen "Stimmungsblock" zu gründen, und so die altbekannten Lieder auch im neuen Stadion zu singen. Ansonsten, so die Erfahrung, verteilten sich die Songs zu sehr auf das Stadion und gingen verloren.

Fünf Ligaspiele werden diese Saison im Emirates-Stadion ausgetragen. Die Partie gegen City ist das einzige Topspiel, das im Meadow Park geblieben ist - schließlich gibt es ein Budget für die Spiele im großen Stadion, die aktuell oft noch mehr kosten als sie einbringen. Viele Fans freuten sich, nach zuletzt zwei Spielen im Emirates wieder "bei sich" zu sein. Die Erfolgsquote im großen Stadion ist bisher noch durchwachsen, was natürlich an den attraktiven Gegnern liegt, aber vielleicht auch daran, dass Druck und Atmosphäre ganz anders sind.

Der große Andrang ist kein Zufall - Fanklubs sehr engagiert

Die Gründung dieses Blocks ist nur ein Beispiel dafür, dass die Stimmung bei den Heimspielen kein Zufall ist. Denn selbst wenn viele Fans nach der EM dazugekommen sind: Masse allein macht noch keine Stimmung. Auch in Deutschland ist es oft noch so, dass zwar viele zum Spiel kommen, sich aber dann nicht trauen, einen Gesang anzustimmen.

Genau das hatten auch bei Arsenal einige Fans erkannt - und Fanklubs gegründet, um das gezielt zu ändern. Inzwischen gibt es drei davon, die eng miteinander zusammenarbeiten, und auch im Dialog mit dem Klub selbst stehen. Natürlich weiß auch der Verein, dass die gute Stimmung auch ihnen nutzt. Die Arsenal-Fans sind inzwischen als zahlenstärkste und oft auch lauteste Gruppe der Liga anerkannt.

Die Fanklubs haben es für neue Fans erleichtert, bei Spielen dabei zu sein: Durch regelmäßige Treffen davor und danach, die Organisation von gemeinsamen Reisen zu Auswärtsspielen, die Zugänglichkeit der Texte der Songs. So fällt es leicht, ein Teil der Community zu werden.

Dieses Gefühl der Familie und der gemeinsamen Leidenschaft nennen alle Fans, um das Besondere an ihrem Klub zu betonen. Auch auswärts sind immer Dutzende dabei, selbst an kalten Dezembertagen an ungünstigen Anstoßzeiten. Gegen Wolfsburg reisten letztes Jahr auch 300 Fans mit.

Diese Fans kamen nicht nur aus England: Durch eine starke Social-Media-Präsenz und auch beliebte Spielerinnen wie Vivianne Miedema oder Leah Williamson hat Arsenal auch außerhalb von London eine starke Fan-Basis aufgebaut. Auch gegen City kommen Fans aus den Niederlanden, Deutschland oder Frankreich zum Spiel.

Dieser Sog erklärt sich eben nicht nur durch sportliche Erfolge, sondern auch durch die engagierten Fans. Das Beispiel von Arsenal zeigt vor allem: Gute Stimmung ist kein Zufall, sondern oft auch viel Arbeit - ob Podcasts, Artikel oder Treffen, die Supporters-Klubs haben viel dafür getan, neue Fans ins Stadion zu holen und die anderen mehr einzubinden. So ist die "Red-White Army" inzwischen nicht nur zahlreich, sondern auch laut.

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