27 verpennte Spiele? Das ist das wahre Problem von Borussia Dortmund!

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Hat Borussia Dortmund ein Mentalitätsproblem? Die Ursachen, warum der BVB seit sieben Jahren nicht mehr Deutscher Meister geworden ist, sind viel tiefgreifender.

Ist Marco Reus noch der richtige Kapitän und der Mann für die „Big Points“? Ist der zögerlich wirkende Lucien Favre noch der richtige Trainer? Besitzt die Mannschaft kein Titelgen? Das sind wohl derzeit die drei am häufigsten gestellten Fragen zum Thema Borussia Dortmund. Doch es ist fast schon ein Freispruch für die aktuelle BVB-Mannschaft und Trainer Lucien Favre, wenn man sich die gleich folgende Statistik von Borussia Dortmund vor Augen führt und daraus die richtigen Schlüsse zieht.

BVB holte 2011 und 2012 die deutsche Meisterschaft

Doch dazu ist thematisch noch etwas auszuholen. Borussia Dortmund wurde 2011 deutscher Meister und 2012 deutscher Meister und Pokalsieger. Den Fans und Fußball-Deutschland ist heute vor allem in Erinnerung geblieben, dass der damalige Trainer Jürgen Klopp seine Mannschaft einen sehr dynamischen und innovativen Fußball spielen ließ. Der BVB holte demnach verdient die Titel. Details wurden dabei schon damals auch in der Berichterstattung unter den Tisch gekehrt. Ein bedeutender Aspekt: Borussia Dortmund hatte in beiden Jahren keine große Dreifachbelastung zu stemmen im Vergleich zu Konkurrent Bayern München. 2010/11 schieden die Dortmunder nach der Gruppenphase der Europa League aus dem Wettbewerb aus, 2011/12 nach der Gruppenphase der Champions League. 2011 siegte Dortmund in München sensationell mit 3:1 – die Bayern waren gerade vom Champions-League-Achtelfinale gegen Titelverteidiger Inter Mailand nach München zurückgekehrt. Sicherlich ein Knackpunkt der Saison. 2012 wiederum waren die Bayern fokussiert auf das Champions-League-Finale im eigenen Stadion – kein Zweifel, dass dem Team damals die Breite im Kader fehlte, um den sehr physisch spielenden BVB (über 110 Kilometer pro Partie zu laufen war damals revolutionär) Paroli zu bieten. Diese Ausführungen sollen aber gar nicht die fantastischen Leistungen des BVB schmälern. Dortmund holte verdient zwei Meistertitel und den DFB-Pokal. Doch diese Ausführungen sind für die darauffolgenden Jahre des BVB sportlich sehr wichtig. Denn: Seit der Saison 2012/13 verliert der BVB ungemein viele Punkte in der Bundesliga, wenn er zuvor ein Champions-League-Spiel bestritten hat.

Eine Nachzählung von fussball.news ergab folgende Daten:

2012/13 konnte Dortmund immerhin noch sieben von zwölf Bundesligapartien nach einem Champions-League-Abend gewinnen. In der Meisterschaft war aber Bayern München deutlich enteilt.

2013/14 ließ der BVB in vier von zehn Bundesligaspielen nach einem CL-Duell Punkte liegen.

2014/15 konnte Dortmund nur drei von acht Bundesligaduellen nach einem Auftritt in der Königsklasse gewinnen.

2015/16 unter Trainer Thomas Tuchel wird es besonders interessant: Dortmund spielte „nur“ in der Europa League und konnte zehn Bundesligaspiele nach einer Europa-League-Partie gewinnen, aber es gab auch eine Niederlage bei Bayern München und ein Remis bei Schalke 04 jeweils nach einem Europa-League-Duell. Wenn man bedenkt, dass Dortmund bis zum 32. Spieltag nur fünf Zähler Rückstand auf den späteren Meister Bayern München besaß, muss Dortmund diesen fünf verlorenen Punkten besonders nachtrauern.

2016/17 gewann das Dortmunder Team nur fünf von zehn Bundesligaspielen, wenn es zuvor in der Champions League angetreten war.

2017/18 bestritt der BVB sechs Partien in der Champions League, nur zwei Mal konnte er danach eine Partie in der Bundesliga gewinnen. In diese Spielzeit fällt auch das berühmte 4:4 gegen Schalke nach 4:0-Führung. In der Folge gab es noch vier Auftritte in der Europa League, in der jeweiligen Bundesligapartie darauf glückten drei von vier möglichen Siegen.

2018/19 konnte Dortmund die Bilanz etwas aufbessern. Fünf Bundesligapartien wurden nach einem CL-Abend gewonnen, drei nationale Meisterschaftsspiele endeten jedoch mit einem Remis. Insgesamt waren es sechs verlorene Punkte, die locker zum Meistertitel ausgereicht hätten…

Und 2019/20 geht es quasi in gewohnter Manier weiter: Nach einem 0:0 gegen den FC Barcelona spielte Dortmund nur 2:2 bei Eintracht Frankfurt.

BVB hat ein nachhaltiges Problem

Wie sind nun diese Zahlen zu deuten? Borussia Dortmund besitzt ein nachhaltiges Problem, sich nach Champions-League-Spielen auf die Bundesliga zu konzentrieren. Die Trainer Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Peter Bosz und Lucien Favre haben keine Lösung gefunden, um die Dreifachbelastung aus Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League auf Top-Niveau zu meistern. Das ist ein typisch deutsches Problem im Übrigen. Die Fallzahlen von Klubs, die bei einer Teilnahme an Champions League oder Europa League in der Liga schwach performen, ist groß. Der 1. FC Köln stieg als Europa-League-Starter aus der Bundesliga ab, Eintracht Frankfurt ließ nach Europa-League-Auftritten in der Bundesliga zahlreiche Punkte liegen und verspielte einen Startplatz in der Champions League. Wenn Dortmund dieses Problem nachhaltig lösen will, dann geht es nicht nur um die Frage der viel zitierten „Mentalität“. Es kommen deutlich mehr Fragen auf, als Antworten und Lösungen existieren.

Naheliegend sind vier Themen:

1. Die Trainingssteuerung und Regenerationspraktiken deutscher Fußballklubs werden von externen Experten seit Jahren kritisiert, teilweise sogar verspottet. Auch Dortmund wurde schon mehrfach Opfer dieser Kritik. Aber hat der Klub wirklich daran gedacht, etwas zu ändern? Die sportmedizinsiche Philosophie und das Ärzteteam sind über Jahre gesehen annähernd gleich geblieben, obwohl Dortmund zu jenen Teams zählt, das seit Jahren sehr viele verletzte Spieler zu beklagen hat. Man denke an die Ära Tuchel, wo zeitweise nahezu eine komplette Startelf ersetzt werden musste.

2. Natürlich muss ein Team, das eine Dreifachbelastung bewältigen soll, auf Rotation setzen. Hier gibt es dann gleich zwei bedeutende Themen: Beherrscht der Trainer die Kunst, den Spielern zur richtigen Zeit eine Ruhepause zu gönnen? Und: Besitzt die Mannschaft auch in der Breite ausreichend Qualität, um in allen Wettbewerben zu liefern?

3. Ein nicht zu vernachlässigendes Thema ist die Erstellung des Bundesligaspielplans. Einige Fans von Borussia Dortmund merken immer wieder an, dass der BVB von der DFL im Vergleich zum Beispiel zu Bayern München benachteiligt wird. Schon oft musste Dortmund nach einem Europapokalabend zu einem schweren Bundesligaauswärtsspiel reisen. Hier sei nochmal auf die Saison 2015/16 verwiesen, wo Dortmund bei Bayern München und Schalke 04 danach Punkte verlor. Zudem ist es ein Unterschied, ob ein Team gerade in Paris oder Mailand antritt – oder eine weite Reise in die Ukraine mit klimatisch völlig anderen Bedingungen tätigen muss. Womöglich sollte Dortmund zukünftig auch bei der DFL in Sachen Spielplangestaltung mehr Lobbyismus betreiben. Denn die Statistiken zeigen deutlich: Dortmund verspielt durch anstrengende Europacupreisen nationale Titel.

4. Natürlich bleibt trotzdem auch die Frage nach der Mentalität ein Faktor. Da die BVB-Verantwortlichen wie Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Manager Michael Zorc seit über zehn Jahren im Amt sind, kann es natürlich sein, dass sie zwar unterschiedliche Spierlertypen für Abwehr, Mittelfeld und Angriff verpflichten, sie aber bei ihrer Suche nach neuen Spielern stets an einem ähnlichen Charakter eines Spielers festhalten. Das Mentalitätsproblem dürfte übrigens aus der Schule bestens bekannt sein: Es gibt die Streber, die konstant Leistung abliefern, aber es gibt auch jene Typen, die nach einer Schulnote Eins oder Zwei die Zügel regelmäßig schleifen lassen. So ähnliche Typen sind auch im Fußball zu finden.

Schon jetzt ist aber nicht nur BVB-Trainer Lucien Favre gefragt. Vielmehr müssen die BVB-Verantwortlichen jeden Stein umdrehen, um es strukturell hinzubekommen, auch nach Europapokalabenden öfter Punkte in der Bundesliga einzufahren. Dann können sich die BVB-Fans schon bald über mehr nationale Titel freuen.