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·26 marzo 2025
England unter Thomas Tuchel: Auftakt gemeistert, doch Probleme bleiben

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·26 marzo 2025
Die englische Nationalmannschaft hat die ersten zwei Pflichtspiele unter Thomas Tuchel absolviert – und jeweils ohne Gegentreffer für sich entschieden. Die Auftritte fielen jedoch über weite Strecken unspektakulär aus. Der Weg hin zu einer Mannschaft, die auch spielerisch zu begeistern weiß, ist lang.
Thomas Tuchel (51) hat einen der kompliziertesten Jobs im Weltfußball übernommen. Er soll England 2026 beim Endrundenturnier in den USA, Kanada und Mexiko zum ersten WM-Titel seit 1966 führen. Dass ein Nicht-Engländer – und dann auch noch ausgerechnet ein Deutscher – als Nationaltrainer fungiert, kam nicht in allen einheimischen Medien sonderlich gut an. Dabei besitzt Tuchel mehr internationales Renommee als die verfügbaren englischen Coaches und genießt unter Fußballfans durch den Champions-League-Triumph mit dem FC Chelsea hohes Ansehen.
Es lastet großer Druck auf dem gebürtigen Krumbacher. Diesen erhöhte er selbst kurz vor dem WM-Qualifikationsauftakt gegen Albanien. Denn Tuchel äußerte sich erstaunlich kritisch über das Wirken seines Vorgängers Gareth Southgate (54). „Die Identität, die Klarheit, der Rhythmus, die Wiederholung von Spielmustern, die Freiheit der Spieler, ihr Selbstausdruck, ihr Hunger“ – all das habe England bei der vergangenen Europameisterschaft gefehlt.
In der Tat war es alles andere als ein Vergnügen, die Spiele der Three Lions zu verfolgen. Trotzdem standen sie im EM-Finale gegen Spanien (1:2). Ohnehin fällt die Bilanz unter Southgate mit zwei EM-Finalteilnahmen (zuvor befand sich England in lediglich einem großen Finale), dem Erreichen des WM-Halbfinals 2018 und einem unglücklichen Viertelfinalaus gegen Frankreich durchaus beachtlich aus. Der ersehnte zweite Titelgewinn blieb jedoch aus, weshalb der aufgrund der unattraktiven Spielweise viel kritisierte Southgate schließlich seinen Posten räumte.
(Photo by Stu Forster/Getty Images)
Tuchel, der nach seinem Einstieg nur wenige Einheiten leiten konnte, wolle den Hunger und die Freude am Gewinnen wieder im Team etablieren, nachdem er mit Blick auf den Verlauf der EM in Deutschland feststellte: „In meinen Augen hatten sie mehr Angst, aus dem Turnier auszuscheiden.“ Wie genau er sein Vorhaben umsetzen will, war in den vergangenen Partien gegen Albanien (2:0) und Lettland (3:0) in Ansätzen zu erkennen, insbesondere im Vergleich mit Albanien – einem durchaus ernstzunehmenden Gegner.
England trat gegen den EM-Teilnehmer extrem dominant auf, brachte es durch ein vor allem in der ersten Hälfte hervorragendes Gegenpressing auf Ballbesitzwerte von teils über 90 Prozent. Jordan Pickford (31) verbrachte – vor zusammengerechnet über 160.000 Zuschauern im Wembley Stadium – dank der stetigen Kontrolle seiner Vordermänner zwei entspannte Fußballabende. Für den größten Gefahrenmoment sorgte der Keeper persönlich, als nach einem Missverständnis mit Marc Guehi (24) der lettische Stürmer Vladislav Gutkovskis vor dem leeren Tor auftauchte und aus halbrechter Position überhastet verfehlte. Ansonsten gerieten die Three Lions nahezu gar nicht in Bedrängnis.
Das Geschehen befand sich in beiden Spielen fast ausschließlich in der gegnerischen Hälfte. Im Spiel mit dem Ball – unter Southgate oftmals quälend langsam – besteht weiterhin erhebliches Steigerungspotenzial. Dies ist auch Tuchel als Anhänger von Spielkontrolle bewusst. In seinem Ansatz möchte er sich an der Premier League orientieren: „Der Spielstil muss den Spielern und der Liga entsprechen, in welcher die meisten spielen.“
Seine Mannschaft erspielte sich allerdings nur wenige Torchancen. So täuschten etwa die laut Statistik abgegebenen 17 Torschüsse aus der ersten Hälfte gegen Lettland über die geringe Menge der Torchancen hinweg. Viele Abschlüsse wurden nämlich von den ultra-defensiv agierenden Gästen geblockt. Passenderweise musste zur Führung ein Zauber-Freistoß von Reece James (25) aus rund 25 Metern herhalten. Ebenso strahlte England nach vom Arsenal-Topschützen Declan Rice (26) getretenen Eckbällen wieder vermehrt Torgefahr aus. So köpfte Neuling Dan Burn (32) gegen Albanien an die Latte und der als einziger Innenverteidiger beide Partien bestreitende Ezri Konsa (27) vergab gegen Lettland aus kurzer Distanz.
Standardsituationen – gute Ausführungen brachten 2018 unter Southgate den Sprung in das WM-Halbfinale – sollen wieder eine englische Stärke werden. Gerade, wenn es aus dem Spiel heraus an Kreativität mangelt. Spielerische Glanzlichter gab es nur wenige. Wie es aussehen kann, zeigte das Führungstor gegen Albanien, als Jude Bellingham (21) wunderbar auf den in die Tiefe startenden Miles Lewis-Skelly (18) durchsteckte, der per Tunnel zum 1:0 vollendete.
(Photo by Mike Hewitt/Getty Images)
Lewis-Skelly avancierte zum Gewinner der beiden Begegnungen. „Ist es vielleicht unsere Verantwortung, ihn nicht zu nominieren? Bei seiner Qualität und Reife haben wir uns entschieden, ihn mitzunehmen“, musste Tuchel die Nominierung vor wenigen Tagen noch rechtfertigen. Der Arsenal-Shootingstar überzeugte mit seinen Auftritten auch die letzten Zweifler. Die Wertschätzung von Tuchel spiegelt sich auch darin wider, dass er seinen Schützling im zweiten Spiel als einrückenden Linksverteidiger im Mittelfeldzentrum spielen ließ. Lewis-Skelly agierte an der Seite von Arsenal-Teamkollege Rice.
Vor ihnen besetzten Bellingham, der gegen Lettland eine seiner schwächeren Leistungen zeigte und nur knapp einem Platzverweis entkam, sowie der sich als enorm belebend erweisende Morgan Rogers (22) den Zehnerraum. Der Offensivakteur von Aston Villa war viel in Bewegung, immer anspielbar und suchte die wenigen Lücken in der lettischen Defensive. Diese wurden erst im zweiten Durchgang offensichtlicher, als die Kräfte beim Gegner nachließen.
Auf den Flügelpositionen fehlte es derweil an Durchschlagskraft. Phil Foden (24) und Marcus Rashford (27) setzten sich gegen Albanien kaum in Szene. Rashford gab drei Tage später schon eine bessere Figur ab, während der für Foden beginnende Jarrod Bowen blass blieb. Das Fehlen von Bukayo Saka (23), dessen Qualitäten im Eins-gegen-eins angesichts der zahlreichen tiefstehenden Gegner den Unterschied herstellen können, machte sich doch sehr bemerkbar. Welche positiven Folgen herausragende Fähigkeiten im Dribbling haben können, unterstrich am gestrigen Montagabend der eingewechselte Eberechi Eze (26), indem er mit Tempo nach innen zog, seinen Gegenspieler auswackelte und abzog. Der abgefälschte Schuss landete zum 3:0-Endstand in den Maschen.
Darüber hinaus mangelte es an Tiefenläufen. Klar gestalten sich diese schwierig, wenn Handball-ähnlich um den Strafraum gespielt wird. Im passenden Moment erzielen sie allerdings eine große Wirkung. Exemplarisch dafür steht das Debüttor von Miles-Skelly oder auch das 2:0 gegen Lettland: Harry Kane (31) musste aus kurzer Distanz nur noch einschieben, nachdem der von Rogers bediente Rice in einen Freiraum eilte und im idealen Moment querlegte.
Auf Kane, einem der wohl größten Tuchel-Befürworter, kann man sich indes weiter verlassen. So verbuchte er seine Länderspieltore 69 und 70. Seine Treffer benötigt es, um die hohen Ziele erfüllen zu können. Auf dem Weg zur WM 2026 fuhr England zwei letztlich souveräne Erfolge ein, die Tuchel zufrieden „mit Einsatz, der Einstellung und natürlich auch den Ergebnissen“ stimmten. Allzu große Bedeutung sollte er den Resultaten allerdings nicht beipflichten. Die nächsten Partien dürften eher noch weniger Aufschluss bringen, befinden sich darunter zwei WM-Qualifikationspartien gegen Andorra sowie ein Test gegen den Senegal.
Mehr Spannung verspricht das am 09. September steigende Gastspiel in Serbien – einem Gegner mit internationalem Format – geben. Dann verbleiben noch knapp neun Monate bis zum Beginn der Weltmeisterschaft. Viel Zeit für Entwicklungsarbeit ist für Tuchel also nicht gegeben. Dementsprechend wird er jede Zusammenkunft nutzen müssen, um seinen Auftrag, aus einer ergebnistechnisch erfolgreichen England ein spielstarkes, das Publikum begeisternde und noch bessere Resultate erzielendes England zu formen. Der Anfang gelang. Nicht mehr, nicht weniger.
(Photo by Julian Finney/Getty Images)
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