Zingler wünscht sich weniger politische Vereinnahmung des Fußballs | OneFootball

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Textilvergehen

·5. Dezember 2022

Zingler wünscht sich weniger politische Vereinnahmung des Fußballs

Artikelbild:Zingler wünscht sich weniger politische Vereinnahmung des Fußballs

In der Montagsausgabe des Kickers hat Union-Präsident Dirk Zingler ein langes Interview gegeben, das sich über ganze vier Seiten des Magazins hinzieht. Wer allerdings erwartet hatte, dass es wieder kontroverse Aussagen geben würde, sieht sich getäuscht. Die großen Themen wurden rund um die Mitgliederversammlung kommuniziert und mit den vorher im Verein definierten Botschaften hier wiederholt. So hatte Union den Stadionneubau als Generationenprojekt bezeichnet und diese findet sich im Interview wieder, wenn Zingler sagt: „Dieses Stadion bauen wir auch für unsere Kinder.“

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Präsident Dirk Zingler auf der Mitgliederversammlung im Tempodrom, Foto: Matthias Koch


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Und doch gibt es einen Aspekt des Interviews, den der Präsident in verschiedenen Schattierungen schon mehrfach angesprochen hatte (beispielsweise in diesem Tagesspiegel-Interview) und angesichts des Bildes, das der DFB mit seiner Männer-Nationalmannschaft bei der WM abgegeben hat, noch einmal direkter wiederholt. Konkret geht es Zingler um die Vereinnahmung des Sports durch Politik und Medien: „Wir müssen den Sport, seine Sportlerinnen und Sportler, seine Organisationen stärker vor politischer Vereinnahmung schützen, und natürlich auch eigene Schwächen und Fehler korrigieren.“

Diese Aussage leitet Zingler daraus ab, dass es konkret beim DFB darum ging, die Unterschiede zu demonstrieren und nicht auf das die Menschen Verbindende im Rahmen eines internationalen sportliches Wettkampfes. Aus einer sehr allgemeinen Sichtweise möchte ich dem Präsidenten hier zustimmen. Es ist aus meiner Sicht auch nicht Aufgabe von Sportlern, etwas vor Ort zu machen, was andere nicht tun. Wie kann ich es gutheißen, wenn deutsche Minister und hohe Wirtschaftsvertreter vor Ort in Katar die entsprechenden Personen hofieren, um die Gasversorgung hierzulande mittelfristig zu sichern, aber von einem Außenverteidiger  dann ein Zeichen erwarten?

So könnte man das sehen. Auch wenn diese Sichtweise in meinen Augen zu kurz gegriffen ist. Es gibt Menschenrechte und die gelten universell. In Deutschland, in Katar. Übrigens auch an den Außengrenzen der EU. Das Thema muss man ansprechen. Ob der eben von mir genannte fiktive Außenverteidiger das machen muss, ist seine Sache. Und genau da würde ich ansetzen und finde es schade, dass das Interview mit Zingler hier nicht in die Tiefe gegangen ist.

Denn der wichtige Punkt bei der gesamten Diskussion besteht aus meiner Sicht in der berühmten Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Diversität? Der DFB hat keine Probleme damit, sein Logo auf den Social-Media-Plattformen in Regenbogenfarben einzufärben, um die Vielfalt der sexuellen Orientierungen zu feiern. Aber er hat auch kein Problem damit, keine Regenbogenbinde im Männerfußball zu benutzen. Stattdessen machte er sich bei der WM für eine nichtssagende „1-Love-Binde“ vermeintlich stark, die bei Lichte betrachtet für gar nichts steht.

So lange Homosexualität im deutschen Männerfußball (im Frauenfußball ist das überhaupt kein Aufreger) in Deutschland ein riesiges Tabu-Thema ist und das nicht den Status einer Frage nach der Lieblingsmarmelade eines Spielers hat, sollte man sich aus meiner Sicht darum kümmern, die eigenen Hausaufgaben zu machen. Wo sind denn die offen homosexuellen Männer im DFB-Präsidium?

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Präsident Dirk Zingler, Foto: Matthias Koch

Oder wenn wir uns mal von den sexuellen Orientierungen entfernen: Wo sind denn die Frauen in den Funktionen bei DFB und Verbänden? Wo sind denn die vielen Personen mit Migrationsgeschichte in den Top-Funktionen des Verbandes? Man muss da schon sehr deutlich sein: In diesen Punkten ist der Verband ganz weit hinten. Das betrifft auch im Großen und Ganzen die Entscheidungsebenen der Proficlubs der Männer. Auch der 1. FC Union Berlin ist ein Verein, der auf der Ebene von Aufsichtsrat und Präsidium nicht mit der demographischen Entwicklung seiner Mitglieder Schritt hält.

Das kann man festhalten und ins Bewusstsein rufen. Ich sehe das auch als Problem. Andere nicht. Hier gibt es eine Diskussion. Bisher schreibt der Gesetzgeber Vereinen aber keine Quoten vor. Im Gegensatz beispielsweise zu großen börsennotierten Unternehmen.

Ein regelrechtes Desaster wäre das allerdings für Union, wenn man nach außen etwas darstellen würde, was man nach innen gar nicht lebt. Man stelle sich vor, Dirk Zingler würde in einem Land wie Katar einem Fußballclub einen Vortrag darüber halten, wie wichtig Frauen in den Entscheidungsgremien des Vereins sind. Oder zum Frauentag am 8. März würden große Reden geschwungen. Beim Stichwort „Zeichen setzen“ schert Union schon eine Weile aus. Ob die Position von Zingler allerdings bei den Bundesligaclubs mehrheitsfähig ist, weiß ich nicht. Ich bezweifle das.

Kurz: Es ist schade, dass diese Diskussion im Kicker-Interview nicht geführt wird, weil das Thema insgesamt verschiedene Dimensionen hat, die auch uns betreffen. Ich habe mich wirklich nur auf den kleinen Aspekt beschränkt, dass man nach außen nur das darstellen sollte, was man nach innen auch lebt. Beispielsweise von Fifa oder Uefa habe ich hier gar nicht angefangen. Oder von Bauarbeitern, die auf WM-Baustellen gestorben sind. Und davon, dass politische Vereinnahmung des Sports durchgehend passiert. Ob durch Gastgeber bei einer WM in Katar oder in Russland oder durch Druck auf Verbände wenn es um die Durchsetzung von Interessen von Sicherheitspolitikern geht. Aber das ist wie gesagt eine extra Diskussion.

Die Ergebnisse des Wochenendes

Das Team der Union-Frauen hat in Hohen Neuendorf mit 6:0 gewonnen und damit die Serie von drei sieglosen Spielen in Folge beendet. Und das dann in der zweiten Halbzeit mit einem Hattrick von Elisa Spolaczyk in nur 8 Minuten. Den kompletten Spielbericht gibt es hier. Das Team von Trainerin Ailien Poese bleibt damit auf Rang 3 in der Regionalliga Nordost. Das letzte Pflichtspiel des Jahres gibt es am Sonntag gegen den Rostocker FC um 13 Uhr auf dem Fritz-Lesch-Sportplatz an der Dörpfeldstraße.

Bei den Junioren gab es weitere Ergebnisse. Die U19 verliert 0:4 in Hannover (Spielbericht). Die U17 konnte dagegen erneut gewinnen, dieses Mal mit 4:2 gegen Rostock (Spielbericht).

Was ist bei den Profis los?

Bei den Profis ist heute wieder Trainingsstart (außer für die Nationalspieler Rönnow, Thorsby und Ryerson wie die Bild heute in ihrer Ausgabe schreibt), der mit der Leistungsdiagnostik in der Charité startet.

Dazu gibt es das Gerücht, dass Tim Skarke eventuell an den FC Schalke 04 verliehen wird (unter anderem beim Kicker).

Union hat bei den Sportler-Wahlen in Berlin gewonnen in den Kategorien Mannschaft und Trainer gewonnen (Vereinsmitteilung). Ich persönlich halte von solchen „Titeln“ nicht allzuviel, aber es ist ein ganz guter Seismograph, um zu überprüfen, wo der Verein in der öffentlichen Wahrnehmung ungefähr steht.

Im Zingler-Interview beim Kicker ging es am Ende um den vermeintlich auslaufenden Vertrag von Oliver Ruhnert, in der der Präsident antwortet, dass er sich die Frage nicht stellt, wie sicher sich Union sei den Manager zu halten. Er glaube, dass alle (Trainer, Präsident, Manager) noch relativ lange zusammenarbeiten werden. Für mich liest sich das wieder so, als wäre das Thema intern inhaltlich längst erledigt. Diese Art der Arbeit ist nicht selbstverständlich in der Liga, wenn wir nur mal ein bisschen über den Tellerrand schauen (aktuell beispielsweise nach Stuttgart).

Uns sonst so?

Bei der DFL geht es laut Kicker (Online-Meldung hier, etwas ausführlicher in der Montagsausgabe) am Mittwoch darum, ob die DFL-Chefin Donata Hopfen vorzeitig abgelöst wird. Man sei unzufrieden damit, dass sie keine „Handschrift“ entwickelt habe.

Nun können wir davon ausgehen, dass der Aufsichtsrat nicht die Schönschrift kritisiert, sondern dass die Liga in entscheidenden Punkten nicht vorangekommen ist. Zu nennen ist hier der Dauer-Disput mit dem Kartellamt. Aber es dürfte auch ums Geld gehen, dass ihr Vorgänger Christian Seifert in schöner Regelmäßigkeit nach Hause gebracht hat. Und bei diesem Punkt wird es kritisch. 2025 würde der nächste TV-Vertrag seine Gültigkeit entfalten. Für die Ausschreibung benötigt es eine Spielplangestaltung. Hier scheint man laut Kicker nicht vorangekommen zu sein.

Von Internationalisierung und Digitalisierung in der Bundesliga ganz zu schweigen. Bei all der Sehnsucht nach dem freiwillig gegangenen Christian Seifert, würde ich aber hinzufügen wollen, dass er die entscheidenden Baustellen in der Liga auch nicht hat fertigstellen können. Auch weil ihm die Clubs da nicht gefolgt sind, als es beispielsweise um den Einstieg von Investoren zum Start in eine ambitionierte Auslandsvermarktung ging. Anfang dieses Jahres hatte ich dazu ein paar Dinge geschrieben.

Richtig der Baum brennt beim DFB. Dort soll die Bilanz für 2021 ein Minus von über 30 Millionen Euro ausweisen. Grund dafür sind laut Kicker Rückstellungen für diverse Streitigkeiten mit dem Finanzamt. Wie kann man 3,1 Millionen Euro wegen falsch abgerechneter Bewirtungsbelege anhäufen? Da wäre ich gerne dabei beim internen Termin, in dem die verantwortliche Person dann den Sachverhält zu erklären beginnt mit „Janz blöde Jeschichte …“

Aber im Ernst: Was sich beim Verband da eröffnet, ist mit kreativer Steuererklärung noch harmlos beschrieben. Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, in dem der DFB den Landesverbänden und damit den Vereinen in die Tasche greift, um sich selbst zu retten.

Termine

Am 6.12. findet das Fantreffen mit zwei Legenden statt: Heinz Werner und Wolfgang Matthies geben sich die Ehre. Kommt zahlreich.

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