Wochenschau: Warum wir Zlatan gerne öfter weinen sehen wollen

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Niklas Levinsohn

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Eine Fußballwoche der kleinen und großen Gefühle liegt hinter uns. Dabei haben sich vor allem zwei Geschichten hervorgehoben, die auf ihre eigene Art und Weise wichtig sind.

„Geht’s dir nicht gut? Tut dir was weh? Soll ich singen? Das hilft mir immer.. La La La La. Bitte hör auf zu weinen.“ Das sind, Kenner ahnen es bereits, die unsterblichen Worte aus dem wahrscheinlich peinlichsten Video, das ein Fußballverein jemals freiwillig gepostet hat. Und natürlich heißt dieser Fußballverein FC Schalke 04. Es folgen die unangenehmsten 13 Sekunden, die ein Mensch auf dieser Erde erleben kann.

Dieser Clip wurde allerdings nicht aus der Versenkung geholt, um noch mal auf Schalke 04 draufzuhauen. Es ist die Aufforderung dieser computergenerierten Kinderstimme, das Weinen einzustellen, die Stein des Anstoßes ist. Denn die Gegenfrage, die diesem Kind mal jemand stellen sollte, lautet: Warum? Was ist so schlimm daran, auch mal zu weinen? Sich so richtig auszuheulen? Ganz genau, gar nichts.

Einer, der diese Woche zumindest ein bisschen geweint hat: Zlatan Ibrahimović. Angesprochen auf seine Söhne, die er für das Comeback in der schwedischen Nationalmannschaft vorübergehend verlassen musste, wurde der 39-Jährige von seinen Gefühlen übermannt. Schnell senkte Ibrahimović den Blick und strich sich die Tränen aus den Augen. „Es ist okay“, sagte er fast mehr zu sich selbst als zu den anwesenden Pressevertretern. Seine Reaktion ist verständlich. Weinen ist schließlich eine sehr intime Angelegenheit. Und passt so gar nicht zum mühsam kultivierten Image des Stürmers.

Das Image eines unnahbaren Typen, dem nichts und niemand etwas anhaben kann. Einer, der sich selbst für den Größten hält und das auch bei jeder Gelegenheit zu Protokoll gibt. Für ein paar Talkshow-Auftritte in den USA, als Ibrahimović noch bei LA Galaxy kickte, mag das eine ganz unterhaltsame Nummer gewesen sein. Doch sie hatte sich inzwischen schon ein wenig abgenutzt. Dieser ehrliche Moment bricht mit der Kunstfigur Zlatan. Hervor tritt ein Mensch, mit dessen Gefühlen man sich identifizieren kann. Wer hat nicht schon mal seine Liebsten vermisst?

Herzschmerz gab es diese Woche aber nicht nur im Hause Ibrahimović in Mailand, sondern auch im rund 250 Kilometer entfernten Florenz. Dort reichte Cheftrainer Cesare Prandelli nach nur etwas mehr als vier Monaten im Amt seinen Rücktritt ein. Seine Beweggründe legte der 63-Jährige in einem Brief offen. „Ich durchlebe eine Phase tiefgreifender Verzweiflung, die mich daran hindert, der zu sein, der ich wirklich bin“, erklärte der ehemalige italienische Nationalcoach.

Im Laufe der vergangenen Monate habe sich eine dunkle Wolke in ihm zusammengebraut, die verändert habe, wie er die Dinge sehe, so Prandelli weiter. Er sei sich bewusst, dass dies das Ende seiner Trainerkarriere bedeuten könnte. Bereuen würde er jedoch nichts. „Die Welt, von der ich mein Leben lang ein Teil gewesen bin, ist wohl nicht mehr die richtige für mich“, schreibt der Italiener. „Darum glaube ich, dass es Zeit ist, mich nicht mehr treiben zu lassen, sondern eine Weile innezuhalten und mein wahres Ich wiederzufinden.“

Prandelli hätte das nicht tun müssen. Sich selbst und sein Innenleben so offenlegen. „Persönliche Gründe“ hätten als Rücktrittserklärung allemal ausgereicht. Dass er sich anders entschieden hat, passt zu diesem wunderbaren Menschen und Trainer. 2004 gab Prandelli seinen Job bei der Roma auf, um sich um seine krebskranke Frau zu kümmern. Sie starb drei Jahre später. Auch darüber hat er bereits bewegend und ausführlich gesprochen.

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Sportlicher Erfolg mag ihm in der Spätphase seiner Laufbahn nicht mehr vergönnt gewesen sein. Aber im Menschsein taugt Prandelli allemal als Vorbild. Natürlich muss nicht jeder seine Gefühle für alle Welt zugänglich machen. Trotzdem ist es eigentlich ausnahmslos eine gute Idee, mit jemandem darüber zu sprechen, was einen bedrückt. Das ist eine Erkenntnis, die zum Glück immer mehr Schule macht. Auch im Fußball nimmt die Sensibilisierung für das Thema mentale Gesundheit zu. Das ist so gut wie es wichtig ist.

Die eine Sache ist es allerdings, andere Menschen zum sich Öffnen und nötigenfalls auch zum Suchen von Hilfe zu ermutigen. Eine andere ist es, sich selbst so verletzlich zu zeigen wie es Ibrahimović im kleinen und Prandelli im etwas größeren Stil getan hat. Erwarten kann und darf man das natürlich von niemandem.

Wenn sich in der Welt des Fußballs aber hin und wieder jemand findet, der hier auf ganz natürliche Weise vorangeht, ist das immer eine gute Nachricht. Also: Danke, Zlatan. Danke, Cesare.