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Niklas Levinsohn

Wochenschau: Stuttgart ist Sauron los, hat Sanches Stockholm-Syndrom?


In dieser Wochenschau nehmen wir das Wirken zweier Herren unter die Lupe, die uns auf unschöne Weise an fiktionale und reale Schurken erinnern. Zwischendrin fällt das Scheinwerferlicht noch auf einen jungen Mann aus Portugal, der uns irgendwie leid tut.

Ein Brustring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden: Im Nachhinein wäre es eigentlich ganz passend gewesen, wenn eine flüsternde Frauenstimme die Inthronisierung von Wolfgang Dietrich als VfB-Präsident am 9. Oktober 2016 mit diesen Worten begleitet hätte. Die am vergangenen Montag per Rücktritt zu Ende gegangene Amtszeit des 70-Jährigen hat sich, so zumindest der Eindruck von außen, für die meisten Stuttgarter Fans nämlich besonders gegen Ende wie eine Schreckensherrschaft gefühlt.

Dietrich ist nun aber Geschichte und glücklicherweise musste dazu nicht erst Ex-Spieler Horst Heldt barfüßig nach Sindelfingen laufen und ein VfB-Trikot in einen der Schornsteine des Mercedes-Werks schmeißen. Lange ist das Schicksal den Schwaben jedoch nicht hold gewesen, denn schon am Samstag erfolgte die nächste Hiobsbotschaft: CDU-Kosmopolit Günther Oettinger hat dem Zweitligisten seine Hilfe angeboten. „Beratend stehe ich dem VfB gerne zur Verfügung“, ließ er über die ‚Stuttgarter Zeitung‘ wissen. Die schwere Knieverletzung von Neuzugang Saša Kalajdžić tritt da schon fast in den Hintergrund.

Hintergrund ist ein gutes Stichwort: Genau dort hat sich nämlich Renato Sanches während seiner drei bisherigen Bayern-Jahre aufgehalten, wenn er nicht gerade leihweise für Swansea Doppelpässe mit der Werbebande gespielt hat.

Besonders die letzte Saison dürfte dem Portugiesen wehgetan haben, denn im Vorjahr um dieselbe Zeit hatte Niko Kovač noch vollmundig prognostiziert: „Er wird diese Saison mit Sicherheit viele gute Spiele für den FC Bayern machen.“ Summiert man die reinen Spielminuten, waren es in der Bundesliga unterm Strich ganze sechs. Entsprechend schien ein Abgang des 21-Jährigen in diesem Sommer beschlossene Sache zu sein, bevor am Samstag aus Texas die Info über den großen Teich schwappte: Sanches bleibt in München.

„Wir haben mit Renato gesprochen und ihm gesagt, dass wir ihn gerne behalten möchten. Wir haben ihm die Argumente auf den Tisch gelegt. Natürlich hat er nach der letzten Saison überlegt, was er machen kann, aber er hat das schon eingesehen und sieht seine Zukunft hier“, zitierte der ‚kicker‘ den kroatischen Chefcoach. ‚Wikipedia‘ definiert das Stockholm-Syndrom übrigens als „psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen.“ Das lassen wir mal unkommentiert so stehen.


Aus psychologischer Perspektive ebenfalls interessant war das, was sich am Mittwoch bei der Ankunft von Juventus-Neuzugang Matthijs de Ligt in Turin abgespielt hat. „Mino! Mino! Mino!“, skandierten die am Vereinsgelände versammelten Fans und brachten damit nicht etwa in einem Moment spontaner Eruption ihre Liebe für den gleichnamigen südkoreanischen Erfolgsrapper zum Ausdruck. Solltest du den nicht kennen, wollen wir das an dieser Stelle ändern.

Wir verstehen zwar nicht, worum es geht, aber irgendwie macht das Zuhören trotzdem Spaß. Ein bisschen wie Fußballspiele, die früher von Fritz von Thurn und Taxis kommentiert wurden.

Aber zurück zum Thema: Tatsächlich galten die Zuneigungsbekundungen de Ligts Berater Mino Raiola, der gerade dabei war, sich mitsamt seines Wohlstandsbäuchleins in einen abfahrtsbereiten Wagen plumpsen zu lassen. Der Wohlstand des Agenten kommt selbstverständlich nicht von ungefähr. Allein am Transfer des niederländischen Mega-Talents soll der 51-Jährige italienischen Medienberichten zufolge selbst 10,5 Millionen Euro mitverdient haben.

Strenggenommen haben die Anhänger der Bianconeri also dem Mann zugejubelt, der nicht nur die Kosten des Transfers zu seinen eigenen Gunsten in die Höhe getrieben, sondern seinem Klienten sogleich auch ein feines Hintertürchen in den lukrativen Vertrag gezimmert hat. Dem Vernehmen nach besitzt de Ligt nämlich eine Ausstiegsklausel in Höhe von 150 Millionen Euro, die ab 2022 greifen soll.

Dass ein unförmiger, schlecht gekleideter Mann, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, sein Ego aufzupolieren, andere Menschen zu beleidigen – Jürgen Klopp nannte er in der ‚Gazzetta dello Sport‘ einst „ein Stück Scheisse“ – und sich selbst zu bereichern, von einer breiten Masse auch noch gefeiert wird, sollte uns allerdings nicht mehr überraschen. Genau so ein Mann ist schließlich seit zwei Jahren Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.


In unserem neuen Format ‚Wochenschau‘ blicken wir gemeinsam auf die abgelaufene Fußballwoche zurück und ordnen die wichtigsten Ereignisse mit Biss und Humor in größere Zusammenhänge ein.