Wochenschau der Ungerechtigkeit: Wer darf hier eigentlich was?

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Jan Schultz

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Im Fußball fällt oft der Begriff der Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft. Er beschreibt in der Regel das finanzielle Ungleichgewicht, das die Teilnehmer der Champions League und alle anderen Klubs praktisch in zwei Welten einteilt. Tatsächlich trifft das Wort aber auch noch in einem anderen Sinne zu.

Nämlich auch auf einer Ebene, die gewisse Handlungen legitimiert, andere hingegen verteufelt. Auf einer Art moralischen Ebene. Aber eben nur auf einer Art, denn Moral sollte eigentlich einheitlich sein und für alle gleichermaßen gelten. Im Fußball aber scheinen sich manche Klubs Dinge erlauben zu dürfen, die andernorts für einen Shitstorm sorgen. Teilweise werden sogar positive Einfälle durch den Kakao gezogen, wenn sie in den falschen Vereinsfarben eingekleidet sind.

Eines jener Beispiele fand sich in dieser Woche etwa im Kraichgau. Dort kam die TSG Hoffenheim zusammen mit Ausstatter Joma auf die Idee, nicht einfach nur von sozial-gesellschaftlicher Verantwortung zu sprechen, sondern dieser auch tatsächlich nachzukommen. Denn das neue Heimtrikot besteht aus recyceltem und aufbereitetem Polyester, das aus Plastikflaschen hergestellt wird.

Eine tolle Idee, denn Plastikmüll flutet seit Jahrzehnten die Weltmeere und ist damit eine der größten Bedrohungen für die Umwelt sowie in letzter Instanz auch für den Menschen selbst. Hoffenheims Beitrag im Kampf gegen die Plastikproblematik sollte also eigentlich eine Sache sein, für die man den Verantwortlichen schon mal auf die Schulter klopfen kann, oder?

Nun ja, offenbar nicht. „Plastiktrikot für Plastikverein“ gehörte noch zu den netteren Kommentaren, die der Klub als Reaktion auf das Statement kassierte. Sei es unter dem eigenen Tweet, wo gar eine Antwort ausgeblendet werden musste, oder bei der Meldung anderer Medien auf anderen Plattformen.

Dietmar Hopp ist mit seinem Engagement bei der TSG schließlich vielen ein Dorn im Auge, die Wirkung der meist grünen Stacheln macht sich aber offenbar auch weiter hinten im Kopf bemerkbar. Denn die rationale Trennung zwischen dem oft beschworenen Hass auf den Klub aus dem Kraichgau und der innovativen, umweltfreundlichen Herangehensweise ist für zahlreiche Kommentatoren offenbar wie für uns ein Spagat: nicht möglich.

Paradebeispiel Union Berlin

Das geht übrigens auch andersherum, wie dieser Tage bei Max Kruse zu sehen war. Der hatte lange Zeit den Ruf des Bad Boys, der sich lieber beim Pokern oder auf Partys austobt, denn als vorbildlicher Fußballprofi zu agieren. In Bremen legte er dieses komplett negative Image zwar etwas ab, sein eher von Finanzen denn von internationalen Ambitionen geprägter Wechsel zu Fenerbahçe setzte ihm dann aber den Stempelabdruck eines Söldners auf.

Am Donnerstag nun kehrte er in die Bundesliga zurück, sein neuer Arbeitgeber heißt Union Berlin. Anstatt aber auch nur den Hauch von Kritik für einen oftmals problematischen und wohl auch nicht ganz günstigen Profi zu kassieren, erhielten die Eisernen Lob von allen Seiten. Und das eben nicht nur vor dem Hintergrund einer sportlichen Verstärkung, die er zweifelsohne darstellt, sondern etwa auch für ein positives Image. Union erhielt nicht einmal Spott dafür, im ersten Tweet den falschen Kruse getaggt zu haben – einen Fake Account.

Generell scheint der „Kultklub“ aus Köpenick vor dem Hintergrund der Zweiklassengesellschaft ein gutes Beispiel zu sein. Denn als Union nach dem geschafften Klassenerhalt kurzerhand vor dem eigenen Stadion eng an eng mit dem eigenen Anhang feierte, ging dies medial beinahe unter, für Empörung sorgte es kaum.

Dabei gab sich Manager Oliver Ruhnert mit einer fast schon verleugnenden Aussage beste Mühe, das Thema doch noch groß zu machen: „Das meiste war mit Abstand. Wenn überhaupt war die Thematik sehr, sehr kurzzeitig.“

Zum Vergleich: Als beim blau-weißen Nachbarn Salomon Kalou den negativ getesteten Kollegen die Hand reichte und die Profis bei Treffern später innig auf dem Feld jubelten, löste dies jeweils einen regelrechten Shitstorm gegen Hertha BSC aus. Zweierlei Maß eben.

Die Bayern und die „Fake News“

Ein ähnliches Vorgehen ist generell auch immer wieder im Zusammenhang mit den Vereinen des Red-Bull-Imperiums zu beobachten. Da wäre etwa Erling Haaland, Liebling aller Dortmunder. Dabei ist es doch gerade die schwarz-gelbe Fangemeinde, die nicht müde wird, Statements gegen Leipzig zu setzen.

Dass Haaland und damit auch der BVB aber selbst von den guten Strukturen Red Bulls profitiert hat, indem der Norweger so auf der großen Fußballbühne vorstellig werden und sich weiterentwickeln konnte, wird dabei gerne ignoriert. Jetzt spielt er schließlich beim „richtigen“ Verein. Ähnliches gilt etwa auch für den ehemaligen Salzburger Trainer Marco Rose, den sie in Gladbach schnell lieb gewonnen haben.

Nochmal einen Zacken schärfer als das moralische Verurteilen von bestimmten Handlungen ist womöglich gar das Ziehen rechtlicher Optionen. So wie es der FC Bayern vor zwei Jahren gemacht hat, als allen voran die ‚Bild‘ schrieb, dass auch die Münchener an Jadon Sancho dran gewesen seien. Der entschied sich seinerzeit aber bekanntermaßen für Borussia Dortmund. Der große FCB stand den Berichten zufolge also plötzlich als Verlierer da, ausgerechnet im Duell mit dem BVB.

Das wollten Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Co. so natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Bei der legendären Grundgesetz-Pressekonferenz behauptete Rummenigge, die Berichte über Sancho seien schlichtweg falsch, man habe deswegen gar Unterlassungserklärungen rausgeschickt. „Falls sie noch nichts bekommen haben, werden sie in den nächsten Tagen Post von unserem Medienanwalt erhalten“, schmetterte Hoeneß zudem Nachfragen zu Sancho ab.

Zwei Jahre nach all diesen Vorwürfen über vermeintliche Fake News gestand der einstige Bayern-Boss diese Woche nun aber gegenüber der ‚FAZ‘: „Mit Sancho war bei uns alles klar, aber im letzten Moment entschied er sich für Dortmund.“ Ganz nebenbei riet er David Alaba im Gespräch mit ‚DAZN‘ zu einem neuen Vertrag beim FC Bayern. „Ich kann ihm aus eigener Erfahrung sagen, dass die letzte Million nicht so wichtig ist“, so Hoeneß, der überführte Steuerhinterzieher.

Bleibt abschließend nur noch eine Frage: Dürfen wir das nun alles so schreiben, oder steht das nur anderen zu?