Wochenschau: Der deutsche Fußball leidet am Stockholm-Syndrom

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Jan Schultz

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Gefühlt hatte niemand so richtig Lust auf die vergangene Länderspielpause, Freundschaftsspiele und Nations League braucht ja eigentlich keiner. Und dennoch spricht seit Dienstag niemand mehr über die Sinnhaftigkeit solcher Partien.

Denn in Sevilla erlebte der deutsche Fußball eine schwarze Nacht, wie es sie so zuvor noch nicht gegeben hat. Das DFB-Team war gegen eine spanische Mannschaft, die sich zuletzt selbst nicht in der absoluten Weltspitze bewegt hat, in jeder Hinsicht überfordert. Einen derart üblen Zusammenbruch konnte die Weltföffentlichkeit letztmals vor 13 Jahren live verfolgen, als Britney Spears plötzlich eine Fast-Glatze zur Schau trug.

Ähnlich traumatisch sind nun auch die aktuellen Bilder. Vorne rannten Serge Gnabry und Timo Werner ohne jegliche Abstimmung an, Leroy Sané stolperte blind in seine Gegenspieler hinein. Dahinter ging Routiniers wie Toni Kroos und İlkay Gündoğan jegliches Talent zum Strukturieren ab. Die Abwehr wiederum versuchte zum einen Teil, beim frühen Stören zu helfen, und zum anderen Teil, den Laden hinten zusammenzuhalten. In der Summe brach das Team somit auseinander wie einst die Titanic.

Anders als das Wrack des gigantischen Passagierschiffes ist der deutsche Fußball damit aber nicht automatisch dem Untergang geweiht. Zwar spülen die Juniorenteams derzeit keine Flut an Top-Talenten an die Oberfläche wie noch etwa vor zehn Jahren, doch genügend Qualität ist weiterhin vorhanden.

Triple-Sieger Bayern setzt auf eine starke deutsche Achse und auch bei anderen Spitzenklubs wird Deutsch gesprochen. Dazu kommen durchaus vielversprechende Youngster wie Kai Havertz, Florian Wirtz oder neuerdings auch Youssoufa Moukoko.

In vielerlei Hinsicht führend

Und auch an der Seitenlinie können wir uns als Deutsche durchaus glücklich schätzen. Hansi Flick hat die besten Karten, als weltbester Trainer des Jahres ausgezeichnet zu werden. Jürgen Klopp wurde diese Ehre bereits zuteil. Mit Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann standen in der abgelaufenen Saison zudem zwei weitere Top-Trainer im Halbfinale beziehungsweise gar im Finale der Champions League.

In der Summe liest sich das wie das Schlaraffenland für jeden Fußballfan. Die Auftritte der Nationalmannschaft stehen jedoch im krassen Gegensatz dazu. Vor dem Spiel in Spanien ging es, gemessen an den Ergebnissen, zwar leicht bergauf, effektiv betrachtet hält der Negativtrend aber eigentlich schon seit der Europameisterschaft 2016 an.

Im Fokus steht dabei immer wieder ein Mann: Joachim Löw. Als Bundestrainer trägt er schließlich die sportliche Verantwortung für die Nationalmannschaft. Eine Verantwortung, der er vielen Experten zufolge schon lange nicht mehr mit der notwendigen Sorgfalt nachkommt.

Entsprechende Kritikpunkte gibt es zahlreiche. Sei es die permanente Ausbootung von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller, die grundlegende Undurchsichtigkeit bei den Kadernominierungen oder eben auch die taktische Marschroute. Die wirkt nämlich ähnlich zielgerichtet wie die von Moses, der für eine knapp 400 Kilometer lange Strecke durch die Wüste angeblich 40 Jahre gebraucht hat.

Löw weiter sicher im Sattel

So lange kann und darf der DFB freilich nicht warten, bis bei Deutschlands größtem Aushängeschild endlich wieder Erfolg einkehrt. Die logische Konsequenz wäre also eine Trennung von Löw. Überfällig ist diese allemal. Doch der Verband verhält sich seit Jahren wie eine Geisel, die sich einfach nicht von ihrem Entführer trennen will. Löw tut dem DFB mit seinen Entscheidungen nämlich immer wieder weh – und doch klammern sich Oliver Bierhoff und Co. weiterhin fest an den 60-Jährigen.

Psychologen sprechen dabei vom Stockholm-Syndrom. Bezogen auf die aktuellen Geschehnisse beim Deutschen Fußball-Bund könnte man es auch ins Sevilla-Syndrom umtaufen. Dabei bewies der DFB eine derartige, sich selbst zerfleischende Neigung auch schon bei anderen Personalien. Reinhard Grindel etwa wollte trotz dessen katastrophaler Außendarstellung schon niemand so recht loswerden. Ein ähnliches Bild zeichnet sich mit Blick auf alle jene, die das Sommermärchen mit vermeintlich unlauteren Mitteln auf den Weg gebracht haben.

Das Stockholm-Syndrom hat beim DFB also durchaus Tradition. Und doch es ist nicht nur der Verband, der ein krankhaftes Verhalten an den Tag legt. „Im Fußball kann man immer eine Klatsche bekommen“, versuchte etwa Hansi Flick das desolate Auftreten der Nationalmannschaft zu rechtfertigen, als wäre es ein einmaliger, für alle völlig überraschender Ausrutscher gewesen. Als hätte es die letzen vier Jahre und vor allem die WM 2018 nie gegeben.

Noch realitätsferner klang es bei seinem Kollegen aus Leipzig. „Ich glaube, vieles ist hausgemacht. Das letzte positive Wort über die Nationalmannschaft habe ich, weiß nicht, gefühlt 2014 gelesen“, beschwerte sich Julian Nagelsmann und legte nach: „Du wirst tendenziell immer nur schlechtgeschrieben. Jogi wird nur schlechtgeschrieben, die Spieler sind schlecht und der Tatort hat eine höhere Einschaltquote als die Nationalmannschaft.“

Das könnte womöglich daran liegen, dass der Tatort immerhin ein Happy End hat – vor allem dann, wenn man Til Schweiger nicht mehr ertragen muss. Anders sieht es bei der Nationalmannschaft aus. Denn selbst vier Jahre des freien Falls, brutalster Fehlentscheidungen und einer demütigenden, nahezu alles in Frage stellenden 0:6-Klatsche rütteln kein bisschen an Löws Stuhl. Der deutsche Fußball will sich einfach nicht von seinem Geiselnehmer trennen. Gut kann das nicht enden.