Weißt du noch…? – 10.02.2019: Manchester City deklassiert Sarri-Chelsea

Logo: 90PLUS

90PLUS

Es war ein denkwürdiger Sonntagnachmittag im Etihad Stadium. An jenem 10. Februar 2019 stand das Spitzenspiel zwischen Manchester City und dem FC Chelsea auf dem Programm – das vermeintliche Spitzenspiel, wie sich während der 90 Minuten herausstellte. Denn Manchester City dominierte Chelsea nach Belieben und fuhr einen furiosen 6:0-Heimsieg ein.

  • Man City im Titelkampf gegen Liverpool
  • Sarri sollte Chelsea umstrukturieren
  • Klare Angelegenheit im direkten Duell

Manchester City gegen Chelsea: Die Ausgangslage

Nach dem Gewinn der Premier League 2017/18 galt es für Pep Guardiola (50) und seine Mannen, den Triumph in Englands höchster Spielklasse zu wiederholen. Die doppelte Portion Antrieb für die Skyblues: Ausgerechnet dem Stadtrivalen Manchester United war es als letzte Mannschaft in der Saison 2008/09 gelungen, die „Goldene Krone“ zu verteidigen. Für den blauen Teil Manchesters hätte es also kaum Schöneres geben können als jenes Alleinstellungsmerkmal der „Red Devils“ exakt zehn Jahre später zu entmachten. Und Manchester City war auf bestem Wege dorthin. 25 Spieltage waren vor dem Heimspiel gegen Chelsea absolviert und man stand mit 62 Punkten auf Platz eins in der Tabelle, punktgleich mit Liverpool.

Bei den „Blues“ war die Situation eine etwas andere. Nach einer enttäuschenden Vorsaison, die lediglich in einer Europa-League-Teilnahme mündete, wurde Meistertrainer Antonio Conte (57) entlassen. Der neue Mann an der Seitenlinie war kein geringerer als Maurizio Sarri (62). Neben der Zielsetzung wurde im Westen Londons also auch der Fußball neu gedacht. Kurzpassspiel statt Steil-Klatsch im 3-4-3. Sarri-Ball statt Conte-Ball. Was blieb: Italienische Leidenschaft an der Seitenlinie und damit einhergehend hohe Anforderungen an die Spieler. Und Chelsea spielte eine gute Rolle. Im Vorfeld des Gastspiels bei Manchester City stand man mit immerhin 50 Punkten auf Platz vier in der Tabelle, dicht gefolgt von Manchester United und Arsenal. Das Ziel an jenem Februar-Sonntag war also klar: Den Champions-League-Platz verteidigen.

So spielten die Mannschaften


Manchester City

Startelf: Ederson – Walker, Stones, Laporte, Zinchenko – De Bruyne (68. Mahrez), Fernandinho (75. David Silva), Gündogan – Bernardo Silva, Agüero (65. Jesus), Sterling

Ersatzbank: Murić, Danilo, Otamendi, Sané

Trainer: Pep Guardiola


Chelsea

Startelf: Kepa – Azpilicueta, Rüdiger, David Luiz, Marcos Alonso (73. Emerson) – Kanté, Jorginho, Barkley (52. Kovačić) – Pedro (65. Loftus-Cheek), Higuain, Hazard

Ersatzbank: Caballero, Christensen, Giroud, Willian

Trainer: Maurizio Sarri


Tore: 1:0 Sterling (4.), 2:0 Agüero (13.), 3:0 Agüero (19.), 4:0 Gündogan (25.), 5:0 Agüero (56., Foulelfmeter), 6:0 Sterling (80.)

Furioser Start: Manchester City überrollt Chelsea

Manchester City startete schwungvoll in die Partie, machte von vornherein klar, wer an diesem Nachmittag im Etihad das Sagen haben sollte. Bernardo Silva wurde mit einem schönen Tiefenball am rechten Strafraumeck freigespielt und fand in der Mitte Raheem Sterling, der zum frühen 1:0 einschob (4.). Bereits nach 13 Minuten konnten die „Citizens“ nachlegen, und das mit einem herausragenden Tor durch Sergio Agüero aus der Distanz. Trotz des frühen Rückstands blieb Chelsea seiner Marschroute treu, presste weiterhin hoch – und bezahlte teuer dafür. Nachdem Chelsea sich kaum befreien konnte, köpfte Ross Barkley den Ball versehentlich zurück in den eigenen Strafraum, wo er Gegenspieler Agüero fand. Dieser hatte allein vor dem Tor keine großen Schwierigkeiten und schnürte seinen frühen Doppelpack (19.). Ilkay Gündogan setzte dem beispiellos furiosen Start die Krone auf, markierte sechs Zeigerumdrehungen später mit einem schönen Schlenzer aus der Distanz das 4:0.

Photo by Imago

Auch, wenn es das zwischenzeitliche Ergebnis anders anmuten lässt: Komplett chancenlos waren die „Blues“ nicht. Gegen Ende der ersten Halbzeit hatte man sogar zwei Großchancen. Zunächst scheiterte Gonzalo Higuain mit einem harten, gut platzierten Schuss am herausragend reagierenden Ederson. Kurz darauf tauchte Pedro frei vor dem Brasilianer auf, scheiterte diesmal an dessen Fuß. Auf der anderen Seite zeigte City gnadenlose Effizienz und holte so das maximal Mögliche aus dieser Halbzeit. 

Agüero schnürt den Dreierpack und zieht mit Shearer gleich

Chelsea zeigte seit dem Vier-Tore-Schock immerhin gute Ansätze, doch wer dachte, die „Blues“ würden nach dem Pausentee nochmal zurückkommen, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Zwar drückte Manchester City nicht mehr mit der Intensität der ersten 25 Minuten, doch wurde schnell klar, dass die „Skyblues“ immer noch Lust auf mehr hatten. So traf Agüero nach einer gut getimten Flanke von Kevin De Bruyne nur die Latte, verpasste damit vorerst den Hattrick (50.). Dieser sollte aber prompt darauf folgen: Nachdem Sterling in der 55. Minute von César Azpilicueta im Strafraum von den Beinen geholt wurde, schnappte sich Agüero den Ball und traf vom Punkt. Und dieser Dreierpack war ein ganz besonderer für den Argentinier. Denn es war sein elfter in der Premier League, gleichbedeutend mit der Tatsache, dass er damit den Rekord von Alan Shearer einstellte. 

Photo by Imago

In der Folge nahmen die „Skyblues“ dann aber tatsächlich mal den Fuß vom Gaspedal und ließen den konsternierten Gegner verschnaufen. So mussten sich die Fans in Hellblau immerhin rund 20 Minuten gedulden, bis sie erneut den Torschrei auf den Lippen hatten. Nach einer überragenden Aktion schickte Sterling den eingewechselten Gabriel Jesus in die Tiefe. Der Brasilianer scheiterte jedoch frei vor Kepa (74.). Das halbe Dutzend sollte es dann aber doch noch werden. Nachdem Gündogan einen schönen Schnittstellenpass auf Oleksandr Zinchenko spielte, fand der Linksverteidiger im Strafraum Sterling, der zum 6:0-Entstand einschob und damit auch seine herausragende Leistung an diesem Nachmittag krönte.

Das Trainerduell: Wie Guardiola Sarri ins Leere laufen ließ

Nicht nur auf dem Platz, sondern auch an der Seitenlinie war es ein Duell mit dem Prädikat Weltklasse. Sowohl Guardiola als auch Sarri gehörten seit Jahren zu den heißesten Eisen auf dem Trainermarkt. Auch schafften es beide, mit ihren jeweiligen Spielstilen starken Einfluss auf die spieltaktische Entwicklung des modernen Fußballs zu nehmen. 

Wie nicht selten zuvor, befahl Sarri seinen Spielern auch an diesem Nachmittag, von vornherein ins Angriffspressing zu gehen. Gegen den Ball rückte N’Golo Kanté aus seiner Achter-Position heraus. Seine Aufgabe war es, Aymeric Laporte – Citys erste Station im Aufbauspiel – zu attackieren. Derweil stellte Higuain den Passweg zu Laportes Innenverteidiger-Kollege John Stones zu. Die Außenverteidiger Kyle Walker und Zinchenko sowie Sechser Fernandinho wurden mannorientiert gedeckt. So versuchte man, City die Optionen im Aufbauspiel zu nehmen und zu langen Bällen zu zwingen. 

Doch Guardiola wusste dagegen Lösungen zu finden. Während die „Citizens“ normalerweise mittels einer 2-3-Staffelung aufbauen, indem die beiden Außenverteidiger neben Fernandinho in die defensiven Halbräume rücken, wählte man diesmal einen anderen Weg. So hielten die Außenverteidiger auch im Aufbau die Breite und lösten sich so immer wieder von ihren Manndeckern Pedro und Eden Hazard. Gleichzeitig band Gündogan Jorginho und zog ihn aus seiner Sechser-Position. Mittels schnellen Doppelpässen gelang es Manchester City so, sich aus dem Angriffspressing der „Blues“ zu befreien. In der gegnerischen Hälfte angelangt, griffen die typischen Prinzipien des Pepschen Positionsspiels. Heißt: Ziel war es, alle relevanten Räume in der gegnerischen Hälfte zu besetzen. Durch eine enorme Ballsicherheit und gezielte Seitenverlagerungen gelang es den „Citizens“ auch immer wieder, Überzahlsituationen zu kreieren und den Gegner somit vor Entscheidungen zu stellen. 

Photo by Imago

Auch gegen den Ball ließ man Chelsea kaum Chancen. Während Gündogan und De Bruyne aus ihren Achter-Positionen vorrückten und zusammen mit Stürmer Agüero hoch anschoben, rückten die Flügel Bernardo Silva und Sterling ein und schalteten damit das Zentrum der Blues aus. So litt auch das Aufbauspiel der „Blues“ vor allem stark darunter, dass ihr Ballverteiler Jorginho komplett aus dem Spiel genommen wurde. Ob von einer „Pep-Masterclass“ die Rede sein muss, sei mal dahingestellt. In jedem Fall sorgten insbesondere die frühen taktischen Anpassungen im Spielaufbau aber dafür, dass Chelsea über weite Strecken ins Leere (an)lief und so früh die Grundlage verlor, um City entscheidend das Leben schwer zu machen. Sinnbildlich dafür war eine Szene nach dem Spiel, in der Guardiola seinem Gegenüber Sarri sekundenlang die Hand entgegenstreckte, während dieser völlig gefrustet in den Katakomben des Etihads verschwand. 

Chelsea: Eine Schrecksekunde, die schnell vergessen wurde

Die 0:6-Klatsche sorgte selbstverständlich nicht für große Heiterkeit im Westen Londons. Der negative Impact im Hinblick auf den weiteren Saisonverlauf hielt sich jedoch mehr als in Grenzen. In den darauffolgenden beiden Spielen konnte sich Chelsea rehabilitieren und Siege einfahren. Auch das Saisonziel wurde mit einem soliden dritten Platz und der damit verbundenen Qualifikation zur Champions League erreicht. Und damit nicht genug: Ende Mai gewann man sogar die Europa League (4:1 gegen Arsenal), durfte sich also auch noch über Silberware freuen. Die Abreibung im Etihad Stadium war letztendlich also nicht viel mehr als eine Schrecksekunde, die schnell aus den Köpfen der Spieler und Fans verschwand.

Manchester City durfte indes die Titelverteidigung feiern. In einem irren Saison-Finish lieferte man sich ein Fernduell gegen Liverpool, das nicht dramatischer hätte enden können. Nachdem man am letzten Spieltag zwischenzeitlich in Brighton zurücklag und die Waage schon zugunsten der „Reds“ kippte, drehte man auf, gewann am Ende mit 4:1 und durfte sich über die sechste Englische Meisterschaft der Vereinsgeschichte freuen. Und natürlich über die Tatsache, dass die letzte englische Mannschaft, der die Titelverteidigung gelang, nicht Manchester United, sondern bis heute Manchester City heißt. 

Photo by Imago

Michael Bojkov

Impressum des Publishers ansehen