🔼 Was wĂ€re eigentlich, wenn MatthĂ€us jetzt Bundestrainer wird?

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Erik Schmidt

Artikelbild: 🔼 Was wĂ€re eigentlich, wenn MatthĂ€us jetzt Bundestrainer wird?

Oktober 2020: Das Wetter ist trist, der Globus ein einziges Risikogebiet und die deutsche Nationalmannschaft so unbeliebt wie lange nicht. WĂ€re dem eigentlich auch so, wenn Joachim Löw unverzĂŒglich von Lothar MatthĂ€us als Bundestrainer beerbt werden wĂŒrde?

Mit ziemlicher Sicherheit ließe sich – bei allem Respekt vor den FĂ€higkeiten des Rekordnationalspielers – maximal letztgenannter Punkt durch den 59-JĂ€hrigen positiv beeinflussen. Wenn ĂŒberhaupt. Wir wagen einen Blick in die Glaskugel.

„Mir reicht es!“

Dieser Auftritt gegen die Schweiz konnte einfach nicht so stehen bleiben. Schon wieder ein Unentschieden. Schon wieder drei Gegentreffer. DarĂŒber sollte noch zu reden sein.

Vor allem die Talkrunde eines Bezahlsenders widmet sich am folgenden Sonntag der Thematik. Neben MatthÀus als Experten findet sich auch DFB-PrÀsident Fritz Keller im TV-Studio ein, ehe sich ein historisches GesprÀch mit dem aus Freiburg per Video-Call zugeschalteten Löw entwickelt.

Einmal mehr echauffiert sich MatthĂ€us ĂŒber den Übungsleiter des DFB-Teams: „Dreierkette, Viererkette, Fahrradkette – alles Schmarrn!“ Dabei sei doch alles so einfach, man mĂŒsse nur endlich die richtigen Spieler nominieren. Als der zu dieser Meinung befragte Keller nur in seinen Mund-Nasen-Schutz nuschelt, dass es „in England und der Niederlande doch schon viel lĂ€nger Probleme mit sportlichem Misserfolg gibt“, klingelt der Skype-Account der Redaktion. Es ist der Bundestrainer, der zu MatthĂ€us durchgestellt werden will.

Live in der Sendung platzt dem leidenschaftlichen Rollkragen-TrĂ€ger förmlich derselbige: „Mir reicht es, Loddar! Wenn du meinst, dass du den Job besser machen kannst als ich, dann bitte schön! Ich bin fertig. Aber nur fĂŒr dich“, schreit der 60-JĂ€hrige und trinkt einen Schluck Nivea-Bodylotion.

„Besser als du mach ich das auf jeden Fall“, so MatthĂ€us‘ knappe Antwort. Als vom DFB-PrĂ€sidenten erneut nicht mehr als ein RĂ€uspern kommt, ist der Staffelstab somit live im Fernsehen ĂŒbergeben. „Ich sag a mal, ich habe scho au sowieso keine Lust mehr“, sagt Löw nun schon im ruhigeren Ton, wobei er sich gleichzeitig eine nicht optimal gestutzte StrĂ€hne seines Ponys zurechtstreicht. „Keine Lust auf die ganzen Besserwisser! Das ist doch alles Blablaba, ist das doch! Keine Lust auf die Nations League! Und erst recht keine Lust auf eine Euro 2020 im Jahr 2021.“ Anschließend verlĂ€sst der Weltmeistermacher die BildflĂ€che. Eine 14-jĂ€hrige Amtszeit findet somit ihr abruptes Ende.

Nur zwei Tage spĂ€ter wird MatthĂ€us auf einer Pressekonferenz vorgestellt. WĂ€hrend Keller von einer Wunschlösung schwadroniert, die nicht nur auf Erfahrung aus 150 LĂ€nderspielen zurĂŒckgreifen könne, sondern auch schon in Ungarn und Bulgarien erfolgreich das gleiche Amt ausgeĂŒbt habe, verkĂŒndet der einstige Weltfußballer sogleich erstaunliche Maßnahmen. „Ich habe mich erst neulich mit alten Freunden ĂŒber die aktuelle Situation der Nationalmannschaft unterhalten, dabei sind uns einige Ideen in den Sinn gekommen, die ich jetzt umsetzen möchte“, holt MatthĂ€us aus.

Dann verkĂŒndet der Herzogenauracher nacheinander die Verpflichtung Michael Ballacks als neuen Assistenten, den AusrĂŒsterwechsel von Adidas zu Puma, die WiedereinfĂŒhrung des Liberos sowie die RĂŒckkehr von Thomas MĂŒller, JĂ©rĂŽme Boateng und Mats Hummels in den Kreis der Nationalmannschaft. Sepp Maier wird der neue Torwarttrainer und Oliver Bierhoff wird entlassen. „Makeding brauchen wir nicht“, findet MatthĂ€us. „Unser Fußball wird Werbung genug.“

Die Duelle im November mit Tschechien, der Ukraine und Spanien verlaufen durchwachsen. WĂ€hrend sich MatthĂ€us mit öffentlichen Aussagen zurĂŒckhĂ€lt und stattdessen mit knallbunten Turnschuhen Aufmerksamkeit erregt, berichten die Spieler von einer neuer Hierarchie innerhalb des Teams. So setzte sich wohl speziell Ballack dafĂŒr ein, dass Kai Havertz ab sofort MĂŒllers Schuhe zu putzen und die Massagebank jederzeit fĂŒr Toni Kroos frei sein zu habe. „Es braucht einfach wieder eine klare Hackordnung“, lĂ€sst der Sachse verlauten. Kroos ist die neue Maßnahme sichtbar peinlich: „So viel sprinte ich ja nun auch nicht, dass ich stĂ€ndig massiert werden mĂŒsste.“

Die taktische Ausrichtung der Elf steht derweil noch nicht im Vordergrund. Insidern zufolge verfĂ€hrt MatthĂ€us nach dem Motto Franz Beckenbauers: „Geht’s raus und spielt’s Fußball.“ Timo Werner, Serge Gnabry und Co. tun sich diesbezĂŒglich allerdings schwer damit, die richtige Pressingzone sowie die passenden Momenten fĂŒr einen abkippenden Sechser zu finden. Auf Nachfragen reagiere der neue Bundestrainer gereizt.

„Wichtig sind starke Persönlichkeiten auf dem Platz, die auch MĂ€nnerfußball spielen. Wir brauchen MĂ€nner, die gleich zu Beginn auch mal ein Zeichen setzen und sich eine Gelbe Karte abholen. So wie der Effe damals“, soll er seine Philosophie beschrieben haben.

FĂŒr PaukenschlĂ€ge sorgt die Nominierung des EM-Kaders. Zum einen verkĂŒndet MatthĂ€us dabei einen Wechsel zwischen den Pfosten, so geht der Ex-Gladbacher Marc-AndrĂ© ter Stegen anstelle Manuel Neuers als Nummer eins in das Turnier. Zum anderen taucht der DFB-Coach selbst auf der Meldeliste auf. „Es hat sich einfach niemand anderes fĂŒr die Libero-Position aufgedrĂ€ngt“, begrĂŒndet MatthĂ€us die wohl grĂ¶ĂŸte Überraschung seit David Odonkor 15 Jahre zuvor.

Die Vorbereitung gerĂ€t zur Farce. Die Mannschaft wird in Taufkirchen bei MĂŒnchen einquartiert, „um Anreisewege so kurz wie möglich zu halten“, wie es offiziell heißt. Es hĂ€ufen sich aber die Skandale. Zahlreiche Spieler werden spĂ€t in der Nacht im P1 gesichtet. Ein Spieler soll sich volltrunken gar die Hose runter gezogen und vor den GĂ€sten entblĂ¶ĂŸt haben. Experte Stefan Effenberg spricht von einem ungeheuerlichen Vorfall, den es unter ihm nie gegeben hĂ€tte. In Spielerkreisen werde das Trainingslager „Saufkirchen“ genannt, schreibt der ‚kicker‘.

Dementsprechend sind dann auch die Darbietungen gegen Frankreich, Portugal und die dank der Playoffs qualifizierten IslĂ€nder. Sie erinnern stark an die EM 2000. Ein mickriges Tor, ein magerer Punkt und MatthĂ€us sowie Ballack mittendrin. Der deutsche Fußball ist mal wieder am tiefsten Tiefpunkt angelangt. Wer hĂ€tte das nach Löws Ablösung geahnt. MatthĂ€us versucht sich zu verteidigen: „Bei der Weltmeisterschaft nach der schlechten EM 2000 standen wir im Finale. Das verspreche ich diesmal auch!“

Beim DFB herrscht große Aufruhr. Rudi Völler steht diesmal im Übrigen nicht als Aufbauhelfer zur VerfĂŒgung. Eine WeiterbeschĂ€ftigung MatthĂ€us‘ komme dennoch unter keinen UmstĂ€nden in Frage, so Keller. „Nicht einmal als Greenkeeper“, haut der DFB-PrĂ€sident in ungewohnter Deutlichkeit raus. Die Amtszeit des nun 153-fachen Nationalspielers als Trainer endet nichtsdestotrotz. Letztlich soll es Horst Hrubesch richten, der vom HSV geholt wird. „Wir brauchen einfach mal ein neues Gesicht und frische Ideen“, so Keller.

Doch wer den neuen, alten ‚Sky‘-Experten Lothar MatthĂ€us kennt, weiß, dass der auch nach einem solchen RĂŒckschlag den Sand nicht in den Kopf steckt. Manchmal fehlt eben nur „a little bit lucky“ und so.