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Was beim FC Bayern schief läuft (5): Der Ausverkauf der bayerischen Seele


Der FC Bayern ist deutscher Meister und Pokalsieger, dennoch weist der Klub in vielen Bereichen große Probleme auf. fussball.news legt in einer 13-teiligen Serie dar, was bei den Roten strukturell schief läuft. In Teil 5 geht es um die kaum vorhandenen bayerischen Identifikationsfiguren beim FC Bayern.

Der FC Bayern München hat weltweit zahlreiche Fans. Bundesweit ist der Klub die Nummer eins, im Freistaat Bayern ohnehin – und in München haben die Roten schon seit langer Zeit mehr Fans als die Blauen vom TSV 1860. Warum ist der FC Bayern so beliebt bei vielen Fußballfans? Darüber kann man ein komplettes Buch schreiben. Die Klub-Verantwortlichen betonen jedenfalls immer wieder, dass der Verein trotz seiner großen Erfolge in der Region verwurzelt sei und besonders auf die Fan-Basis in Bayern setze. Dazu gehört natürlich, dass der Klub auch mit Spielern aus der Region eine große Verbundenheit zu den Fans herstellen will. Das beste Beispiel ist Stürmer Thomas Müller: Ein Sympathieträger aus Oberbayern, der humorvoll ist und zudem gerne Dialekt spricht.

Wer folgt nach Müller?

Doch wer kommt nach Thomas Müller noch aus Bayern? Der dritte Keeper Christian Früchtl ist in Niederbayern (Bischofsmais) geboren. Ansonsten stammen die meisten deutschen Bayernspieler aus Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen. Nun darf man das Ganze nicht zu oberflächlich betrachten, auch wenn ausgerechnet die FC-Bayern-Führung mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge (gebürtig aus Westfalen) und Präsident Uli Hoeneß (ein Baden-Württemberger) auf regionale Identifikation setzen. Oftmals sind es die gegnerischen Fans, die den FC Bayern für seinen überbetont wirkenden Lokalkolorit verspotten. Doch der Verein ist von Geburt an (1900) ein international geprägter Verein. Die Gründung des Klubs ist wesentlich Migranten aus Europa und Binnenzuwanderer aus Preußen zu verdanken. Der Verein trug schon immer eine internationale Komponente insich – wie auch die Stadt München seit Jahrhunderten von großer (Binnen-)Zuwanderung geprägt ist. Der FC Bayern müsste also weniger seinen Lokalkolorit betonen, als mehr seine Internationalität.

Beckenbauer und Lahm als Vorbilder

Geborene Münchner haben jedenfalls ab 1965 ganz selten den Sprung in die Profimannschaft des FC Bayern geschafft – und noch seltener stiegen sie zu erfolgreichen Stammspielern auf. Die Legenden Franz Beckenbauer und Philipp Lahm übertünchen den Fakt, dass echte Münchner nahezu nichts im Profiteam des FC Bayern verloren haben. Warum das so ist? Dafür gibt es zumindest zwei naheliegende Ansatzpunkte. Wer im Profifußball bis an die Spitze gelangen will, der muss über seine Grenzen hinausgehen und alles daran setzen, sich gegen hunderte Konkurrenten durchzusetzen. Dazu gehört auch viel Risiko und Glück. In der wohlhabenden Stadt München, einer der reichsten und teuersten Metropolen der Welt, motivieren Eltern ihre Kinder meist dazu, einen konservativen Beruf, also einen Job mit sicherem Verdienst, zu erlernen. Ein weiteres Indiz dafür: Auch in anderen Sportarten gibt es kaum einen Top-Profi, der in München geboren und aufgewachsen ist. Hinzu kommt natürlich, dass es Eigengewächse schon in den Jugendabteilungen schwerer haben, die nächste Auswahl zu erreichen. Hinzugekaufte Talente besitzen mindestens gefühlt einen kleinen Vorteil gegenüber ihren Teamkonkurrenten. Das „München-Problem“ ist aber nicht das Entscheidende für den Verein.

Es fehlen die Breitners und Schweinsteigers

Viel auffälliger: Jahrezehntelang war es eine Stärke des Klubs, Talente aus Bayern zu Profispielern zu formen. Die Breitners und Schweinsteigers, die übrigens beide im oberbayerischen Kolbermoor geboren sind, haben die bayerische Tradition im Klub gepflegt. Jetzt sind es nur noch Müller und Ersatzspieler Früchtl. Wobei das Karriereende von Müller absehbar ist und der Karriereweg von Früchtl wohl irgendwann zu einem anderen Klub führen wird. Schon bald könnte der FC Bayern München ohne einen Münchner, ja sogar ohne einen Bayern spielen. Wie konnte es dazu kommen, dass nun nicht mal mehr Bayern für Bayern spielen? Auch hier lässt sich zunächst das Wohlstandsargument anführen. Nahezu ganz Altbayern (ohne fränkische Gebiete) kann als Wohlstandsregion bezeichnet werden – zumindest im Vergleich mit vielen anderen Regionen in Deutschland. Der Ehrgeiz, sich über den Fußball in der Gesellschaft zu etablieren, ist für viele Jugendliche nachvollziehbarer Weise kaum gegeben. Im Fußball existieren zudem so viele Unwägbarkeiten (Verletzungen, Gunst des Trainers) – nahezu jeder andere Beruf bietet für die Zukunft mehr finanzielle Sicherheit.

Nationale Konkurrenz bietet Talenten bessere Perspektive

Jedoch: Die Jugendarbeit des FC Bayern, so räumte es die Kubführung selbst ein, verlief in den vergangenen Jahren nicht optimal. Dazu sollte man auch den Scoutingbereich zählen. Die Späher des Rekordmeisters haben einige bayerische Talente durch das Raster fallen lassen. Während die Münchner in diesem Bereich nachgelassen haben, hat die nationale Konkurrenz zugelegt. Klubs wie die TSG 1899 Hoffenheim und RB Leipzig arbeiten unter professionellsten Bedingungen und können Talenten auch eine Perspektive in der Bundesliga bieten. Der FC Bayern, der zuletzt zehn Jahre lang nahezu auf jeder Position den besten Spieler der Welt im Team besaß, konnte zuletzt Talenten nicht diese Durchlässigkeit nach oben hin aufzeigen.

Neuhaus fiel durch das Raster

Bezeichnend: Der Mittelfeldspieler Florian Neuhaus gilt als kommender A-Nationalspieler, selbst FC-Bayern-Coach Niko Kovac soll seine Verpflichtung angeregt haben. Neuhaus stammt aus Landsberg am Lech in Oberbayern. Als A-Jugendlicher erzielte er bereits das Tor des Monats – jedoch im Trikot des TSV 1860 München. Nach dem Niedergang der Löwen in die vierte Liga zog es Neuhaus weiter zu Borussia Mönchengladbach. Bei den Niederrheinländern hat mit Manager Max Eberl übrigens ein gebürtiger Niederbayer das Sagen, der einst für den FC Bayern spielte.

Manchester und Turin haben ähnliche Probleme

Bleibt in der fussball.news-Analyseserie die übliche Frage: Haben andere europäische Top-Klubs ein ähnliches Problem wie der FC Bayern? Bei den englischen und italienischen Top-Klubs dürfte die Antwort bejaht werden. Als Beispiele: Beim englischen Meister Manchester City stammt nur Mittelfeldakteur Phil Foden aus der Region, bei Champions-League-Sieger FC Liverpool ist Trent Alexander-Arnold in Liverpool geboren. Er ist aber gleichzeitig der einzige Profi aus der Region. Beim italienischen Meister Juventus Turin kommen Ersatzkeeper Carlo Pinsoglio und Angreifer Moise Kean aus der Region Piemont – das war es aber auch. Einen Tick besser stellt sich die Situation beim erfolgreichsten Klub der Welt, Real Madrid, dar. Bei Real zählt Innenverteidiger Nacho zu den etablierten Profis im Kader der Königlichen. Nacho ist in Madrid geboren und spielt seit dem 11. Lebensjahr für seinen Traumverein. Stammspieler Dani Carvajal kommt aus der Region Madrid, ebenso der Ergänzungsspieler Borja Mayoral.

Barca und PSG sind deutlich besser aufgestellt

Beim spanischen Erzrivalen FC Barcelona sieht es dagegen anders aus. Dort spielen noch zahlreiche Katalanen im Team, wobei bei Barca die politische Komponente einen deutlich höheren Stellenwert als bei vergleichbaren europäischen Topklubs einnimmt. Dennoch ist die Liste der geborenen Katalanen erstaunlich lang: 2010-Weltmeister Gerard Pique ist in Barcelona geboren, die Stammspieler Jordi Alba, Sergi Roberto, Sergio Busquets sowie die Ergänzungsspieler Marc Cucurella und Carles Alena stammen aus Katalonien. Noch ein Blick nach Frankreich zu Paris Saint-Germain: Superstar Kylian Mbappe ist in der französischen Hauptstadt geboren und im Vorort Bondy aufgewachsen. Torwart Alphonse Areola ist ebenfalls in Paris geboren. Weltmeister Presnel Kimpembe und das Talent Stanley Nsoki kommen aus dem Pariser Umland.

Der „FC Bayern Deutschland“

Bleibt noch eine letzte Frage, die nach diesen Daten aufkommt: Warum halten sich die Beschwerden der Fans über zu wenig Spieler mit regionaler Identifikation beim FC Bayern in Grenzen? Man muss sagen, dass diese Debatte öfters aufflammt. Zuletzt war dies der Fall, als Trainer Pep Guardiola 2014 immer mehr spanischsprachige Spieler ins Münchner Team holte. Damals konterte aber Bayern-Pressesprecher Markus Hörwick damit, dass die Champions-League-Sieger-Mannschaft von 2001 nahezu keinen bayerischen Spieler im Team hatte und mit vielen Legionären gespickt war. Seine „Bayern-Lücke“ kann der FC Bayern nun nicht so schnell schließen, dafür hat er aber offenbar eine andere Flanke abgeräumt. 2016 nämlich spielte die deutsche Nationalmannschaft gegen Italien in der Münchner Allianz Arena. Zeitweise war kein einziger Spieler des FC Bayern für das DFB-Team auf dem Platz. Diese Schwachstelle haben die Bayern seit dem Amtsantritt von Sportchef Hasan Salihamidzic beseitigt. Wenn man bis zum Jahr 2020 vorausblickt, dürfte sich der FC Bayern eine nahezu komplette Startelf aus deutschen Nationalspielern wieder zusammengekauft haben. Vielleicht hilft es dann dem deutschen Rekordmeister, vorerst als „FC Bayern Deutschland“ – so betiteln gelegentlich Berichterstatter den FC Bayern – die Identifikation zu den Fans in der Region aufrechtzuerhalten.