Von Kovac bis Nagelsmann: Das Phänomen der "Schattentrainer" in der Bundesliga | OneFootball

Icon: fussball.news

fussball.news

·13. September 2022

Von Kovac bis Nagelsmann: Das Phänomen der "Schattentrainer" in der Bundesliga

Artikelbild:Von Kovac bis Nagelsmann: Das Phänomen der "Schattentrainer" in der Bundesliga

Das Fußballgeschäft ist gerade für Trainer knallhart. In wenigen Wochen können auch Erfolgstrainer zu Krisentrainern werden. Plötzlich ist die Stimmung schlecht und vier bis fünf Spiele ohne Sieg können gerade bei Topklubs zu einer überraschenden Wende führen. Julian Nagelsmann und Niko Kovac sollten sich in Acht nehmen.

Vor allem Kovac kennt das Szenario sehr gut: In der Spielzeit 2018/19 wurde er Doublesieger mit Bayern München. Im Herbst 2019 war dann aber schon Feierabend für den Kroaten - trotz eines langfristigen Vertrags in München. Die Stimmung in der Mannschaft wendete sich innerhalb weniger Wochen gegen den Trainer, mittelmäßige Ergebnisse ließen die Münchner auf Platz vier abrutschen, punktgleich mit dem Tabellenfünften - der FC Bayern zog die Reißleine und trennte sich von Kovac.

Julian Nagelsmann ist nun in München an einem kritischen Punkt angelangt. Medien wie die Bild-Zeitung berichten regelmäßig von schlechter Stimmung in der Bayernkabine und warnen den Coach nach drei Remis in der Bundesliga vor einer größeren Krise, wenn er sich nicht weiterentwickeln wolle. Allein am Dienstag lauteten die Titel des Boulevardblatts: "Reifeprüfung für Nagelsmann", "Das war nicht klug von Nagelsmann" und "Neue Details zu Bayerns Kabinenbrodeln". Der Bayern-Coach sollte diese Berichte als Alarmsignale wahrnehmen.

Watzke hat stets Plan B

Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke sagte einst, ein Klubchef müsse für die Trainerstelle immer einen Plan B im Kopf haben. Es muss demnach Gedankenspiele in der Klubführung geben, wer den aktuellen Coach auch kurzfristig ersetzen könnte. Für das Format des Bayerncoaches liegt nur eine begrenzte Auswahl an Kandidaten vor, doch seit wenigen Tagen ist eine Option hinzugekommen: Thomas Tuchel. Schon mehrfach war der FC Bayern mit Tuchel in Gesprächen über ein Engagement. Tuchel, einst Mentor von Nagelsmann, ist nun beim FC Chelsea entlassen worden und wieder auf dem Trainermarkt verfügbar. Sollte es die nächsten Wochen weiter abwärts beim FC Bayern gehen und die Stimmung schlechter werden, dürfte sicherlich Tuchel als "Schattentrainer" in München zur Sprache kommen. Von Ehrenpräsident Uli Hoeneß weiß man, dass fünf Führungsspieler ausreichen - so seine sinngemäße Aussage 2017 im Fall Carlo Ancelotti - um einen Coach beim FC Bayern zu stürzen.

Reis als Option in Wolfsburg?

Ex-Coach Niko Kovac hat ähnliche Erfahrungen beim Rekordmeister gemacht, ist aber derzeit in Wolfsburg als Trainer tätig. Sein Start beim Werksklub war miserabel, auch wenn zuletzt ein Sieg in Frankfurt glückte. Kovac zündete jedenfalls ein Ablenkungsmanöver, indem er den besten Einzelspieler der Wolfsburger nun abgesägt hat: Stürmer Max Kruse. Kovac steht fortan unter besonderem Druck, die Mannschaft neu zu formieren und in die Top Sechs der Bundesligatabelle zu führen. Das Potenzial ist vorhanden, aber natürlich kann es für Kovac auch bergab gehen. Man denke nur daran, wie blitzartig sich die Wolfsburger in der vergangenen Saison von Ex-Bayern-Profi Mark van Bommel getrennt haben. Zudem gibt es für Kovac ab sofort wohl auch einen "Schattentrainer": Denn Thomas Reis wurde beim VfL Bochum gefeuert, obwohl er dort über mehrere Jahre hervorragende Arbeit geleistet hatte. Reis besitzt eine Wolfsburger Vergangenheit, er arbeitete äußerst erfolgreich für die Jugend der Niedersachsen. Hinzu kommt: Bochums ehemaliger Sportchef Sebastian Schindzielorz könnte schon bald in Wolfsburg anheuern, Reis damit für den Fall der Fälle einen Fürsprecher mehr beim VfL erhalten.

BVB und RB tauschten ihre Coaches kompromisslos aus

Dass sich das Business schnell drehen kann, das zeigten zuletzt die Beispiele bei Borussia Dortmund und RB Leipzig. Marco Rose durfte zwar die Saison 2021/22 beim BVB zu Ende bringen, aber in seiner Amtszeit saß ihm stets der technische Direktor Edin Terzic - zuvor Co-Trainer, Cheftrainer und Pokalsieger - als "Schattentrainer" im Nacken. Nach der Saison ging es dann mit dem Trainerwechsel fix - Plan B, von Hans-Joachim Watzke, die Rückkehr von Terzic als Chefcoach, wurde umgesetzt.

Marco Rose wiederum wurde jedoch kurz nach seinem Abgang aus Dortmund selbst zum "Schattentrainer". Als gebürtigen Leipziger und aus dem Red-Bull-Kosmos entsprungenen Chefcoach hatten ihn die RB-Bosse schon lange auf dem Zettel. So konnte die Entlassung von Domenico Tedesco vor rund einer Woche kompromisslos durchgeführt werden, obwohl Tedesco Leipzig in der vergangenen Saison zurück in die Champions League und zum DFB-Pokalsieg geführt hatte. Ein paar schwache Wochen und einige unzufriedene Stars später musste Tedesco eben für "Schattentrainer" Rose weichen.

Julian Nagelsmann und Niko Kovac sollten demnach die Alarmsignale der letzten Tage aus Mannschaft und Medienberichten sehr ernst nehmen. Nicht, dass wieder ein "Schattentrainer" ihren Platz an der Sonne einnimmt.

Impressum des Publishers ansehen