Steile These: Derbystimmung in der Bundesliga und niemand geht hin

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Dominik Berger

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Es waren gewöhnungsbedürftige Szenen am letzten Wochenende: Da war die Bundesliga irgendwie wieder zurück und irgendwie auch nicht. Zwar waren es die gleichen Spieler, die wir sonst Woche für Woche auf dem Rasen erleben, die auch in ihre üblichen Rollen schlüpften, sowohl positiv (BVB) als auch negativ (SVW). Dennoch fiel eine Sache sofort ins Auge bzw. auch ins Ohr: Sonst war da gar nichts.

Keine Fans, keine Stimmung, keine Fußballatmosphäre, die einen beträchtlichen Teil der Faszination um das runde Leder eigentlich ausmachen. Eine Weltmeisterschaft hat auch nur so einen Zauber, weil normalerweile Fußballfans aus aller Welt zum Austragungsort pilgern und so aus dem Fußballturnier ein einziges Völkerverständigungsfest wird, die nächste WM mal ausgenommen von dieser Regel.

Zum neuen DFL-Konzept, das im Vorfeld von vielen Seiten ob seiner Strenge und seinen detaillierten Anweisungen gelobt wurde, gehört der Spielbetrieb unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nur einige wenige Akkreditierte haben Zugang zu den Stadien. So bekommt die eigentlich Lichtjahre vom Amateursport entfernte Bundesliga plötzlich ein vertrautes Image, wenn Thomas Müller im Anschluss an die Partie bei Union Berlin von einer „Altherrenatmosphäre“ spricht.

Dabei machen die Fans ja alles richtig, was insbesondere Bremens Innensenator Ulrich Mäurer ein bisschen ärgern könnte. War Bremens Politiker doch bis zuletzt erbitterter Mahner und Warner vor fußballverrückten Horden, die sich vor den Stadien zusammenrotten und so die Mindestabstandsregeln und generelle Vernunft mit Füßen treten.

Dass bereits wenige Wochen später diese „verrückten“ Ultras einiger Vereine darauf hinwiesen, beim Re-Start sich nicht vor den Stadien treffen zu wollen und auch alle anderen Fußballfans dazu raten, einfach mit ihren vier Buchstaben zuhause sitzend die Spiele zu schauen, schien in Bremen nicht angekommen zu sein. Dass viele Fans ihre Gemeinschaft untereinander zur Unterstützung der älteren Bevölkerung nutzte, tut ihr Übriges dazu.

So schaute am letzten Wochenende die ganze Welt auf die Bundesliga, die ihre Sache bis auf ein paar kleinere Ausnahmen wirklich gut über die Bühne brachte. Die Konzepte wurden (fast) immer eingehalten und vor den Stadien hatten sich auch keine Fans zum gemeinsamen Anfeuern oder spontanen Fanfesten getroffen. Vorsichtshalber kontrollierten aber dennoch einige Polizisten das Stadionumfeld und hatten wohl mit die entspanntesten Nachmittage während Bundesligaspielen.

Viel interessanter klingt da schon die Geschichte von Horst Heldt, der sich eher gewundert hatte, was mit der sonst doch so fußballaffinen Stadt am Rhein passiert ist. Wo der Effzeh doch eigentlich als eigene Religion von jedem Kölner gelebt wird, erlebte Horst Heldt eine kuriose Stimmung außerhalb des Stadions. „Ich kam von einem Bundesligaspiel im eigenen
Stadion und hatte das Gefühl, dass es in Köln niemand mitbekommen hat“, sagte der Manager in der ‚Sport Bild‘.

Heldt war gerade auf dem Weg nach Hause, zum ersten Mal seit Tagen im Quarantäne-Hotel und im Kreis der Mannschaft. Der FC-Manager bekam spielende Kinder auf der Wiese zu sehen, verwaiste Straßenbahnen und auch sonst niemanden, der sich groß für das Spiel interessiert hätte, obwohl „die ganze Sportwelt am Wochenende auf die Bundesliga geschaut hat“.

Eigentlich wäre der kommende Spieltag wie gemalt für doppelt so viel Stimmung wie gewöhnlich, gleich drei Derbys stehen an. In Berlin steigt das Stadtderby, Köln trifft auf Düsseldorf und Gladbach auf Leverkusen. Auch wenn nur das erstgenannte Duell für die meisten Fans als Derby durchgeht, betrifft es doch einige Millionen Menschen auf engstem Raum, die sonst mit Freuden gemeinsam das Spiel im Stadion, in Kneipen oder einfach so in größerer Runde hätten schauen wollen.

Das wird diesmal nicht passieren, zumal auch der letzte Fußballfan verstanden hat, worum es aktuell geht. So werden trotz eigentlich umkämpfter Derbystimmung in Berlin die Vorplätze der Stadien leer bleiben, weil die Fans alle auf die originelle Idee kommen werden, an den heimischen Fernseher die Spiele zu verfolgen. Auch in Köln wird sich Horst Heldt wieder wundern, ob überhaupt jemand mitbekommen hat, dass der FC gerade gespielt hat, aber das ist genau richtig so.