Silas bleibt Silas

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Silas hatte den Traum vor Augen, in Europa Profi-Fußballer zu werden. Wollte aus seinem prekären Umfeld fliehen. Wollte als Profifußballer in Europa für seine Familie sorgen können. Eine einmalige Chance.

Um seinen Traum wahr werden zu lassen, hat er seinem Berater vertraut. Sich sogar abhängig gemacht von ihm. So weit, dass er bereit war, seine Identität zu ändern, um die Chance seines Lebens nicht verstreichen zu lassen. Ein Fehler. Vermutlich sogar eine Straftat. In Anbetracht seines jungen Alters und seiner mangelnden Lebenserfahrung jedoch nachvollziehbar, zumal er von seinem Berater offenbar unter Druck gesetzt wurde. Silas hatte zeitweise keinen Zugriff auf seinen Reisepass und sein Bankkonto, war komplett abhängig von seinem damaligen Berater. Vermutlich kein Einzelfall, sondern die Regel. Das Transferbusiness im Fußball ist skrupellos. Junge Spieler werden oft nicht als Menschen betrachtet, sondern als Kapitalanlage. Sven Mislintat sagte dazu in einer Presserunde: „Er wurde unter falschen Versprechungen nach Frankreich gelockt und dort wurde ihm gesagt, dass es nur weitergehen könne, wenn er seinen Namen ändere und dann entsprechende Dokumente bekommen würde. Silas lebte im Haus seines Vermittlers, war quasi unter Aufsicht, sein alter Pass wurde einbehalten, bekam auch sein Gehalt nicht ausgezahlt. Das, was dem Jungen passiert ist, ist nicht nur nicht in Ordnung. Das ist kriminell.“

Das Gerücht, dass Silas Wamangituka gar nicht Silas Wamangituka sei, machte schon Ende 2019 die Runde und konnte damals vom VfB Stuttgart entkräftet werden. „Silas hätte auf dieser Grundlage vermutlich bis zu seinem Karriereende weiter professionell Fußball spielen können“ heißt es im offiziellen Statement. Umso überraschender und beeindruckender, dass Silas jetzt gemeinsam mit dem VfB reinen Tisch macht und sich distanziert von seiner falschen Identität. Eine Entscheidung, die viel Mut erfordert – vom Spieler, aber auch vom Club.

„Nachdem er in Stuttgart jedoch zunehmend Vertrauen zu den handelnden Personen im Club und zu seinen Teamkollegen gefasst hatte und sich durch die räumliche Trennung auch von dem Vermittler Stück für Stück lösen konnte, offenbarte Silas trotz weiter großer Angst vor seinem bisherigen Vermittler und dessen Drohungen seine Zwangssituation im engsten Kreis und beschloss, den Berater zu wechseln.“

Das haben wir in der Vergangenheit vom VfB Stuttgart auch schon ganz anders erlebt. Wenn Fehler gerne verschwiegen oder gar vertuscht wurden. Doch ganz anders als beim Datenskandal zeigt der VfB jetzt klare Kante und geht mit proaktiver und transparenter Kommunikation an die Öffentlichkeit. Eine Entscheidung, die zeigt, dass der VfB nicht nur auf dem Platz neue Wege geht.

Der VfB schrieb dazu:
„Silas Wamangituka hat dem VfB kürzlich offenbart, dass er Opfer von Machenschaften seines ehemaligen Spielervermittlers geworden ist und Wamangituka nicht sein richtiger Name ist. Mit Unterstützung des VfB und seines neuen Beraters hat Silas in den vergangenen Tagen und Wochen intensiv an der Aufklärung der Situation mitgewirkt und schließlich vor wenigen Tagen offizielle Dokumente der Demokratischen Republik Kongo erhalten“.

Silas selbst meint dazu:
„Ich habe in den letzten Jahren in ständiger Angst gelebt und mir auch um meine Familie im Kongo große Sorgen gemacht. (…) Ich hätte diesen Schritt nicht gewagt, wenn Stuttgart, mein Team und der VfB für mich nicht eine zweite Heimat geworden wären, in der ich mich sicher fühle“.

Womöglich war der Rasen – auf dem Trainingsplatz und im Stadion – der einzige Ort, an dem sich Silas frei fühlte. Wie schwer es auf ihm lastete, unter falschem Namen den Durchbruch zu schaffen und „Rookie of the Season“ zu werden, kann man nur erahnen. Vor dem Hintergrund der Machenschaften seines Beraters und dem Druck, der fortwährend auf ihm lastete, sind Silas‘ Leistungen noch höher zu bewerten.

Dass der Schwindel für Silas Konsequenzen hat, scheint wahrscheinlich. Für den VfB Stuttgart hingegen sieht es gut aus. So zitiert der kicker Hans E. Lorenz, den Vorsitzenden des DFB-Sportgerichts:

„Juristische Konsequenzen drohen dem Verein nach derzeitigem Stand eher nicht. „Es liegt eine durch die DFL wirksam erteilte Spielerlaubnis vor“, erklärt  und fügt an: „Davon abgesehen sind beim DFB-Sportgericht keine Einsprüche gegen Spielwertungen anhängig. Diese können wegen Fristablauf auch nicht mehr eingelegt werden.“

Für uns ist die Sachlage ohnehin ganz einfach. Ob Wamangituka oder Katompa Mvumpa, ob 1999 oder 1998 geboren:

Silas bleibt Silas.
Unsere Nummer 14.

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