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Schwer zu vermitteln

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Hohe Inzidenzen, kein Stuttgarter Weihnachtsmarkt, ein bundesweiter Flickenteppich an Regeln und Vorgaben, mancherorts Ausgangsbeschränkungen, VfB-Geisterspiele. Vermutlich werden wir in ein paar Jahren Schwierigkeiten haben, die Erinnerungen an die Weihnachtszeit 2020 und an die von 2021 auseinanderzuhalten. Tatsächlich hat es den Anschein, als hätten viele Entscheidungsträger auch nach 18 Monaten Pandemie nur wenig dazugelernt. Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während im vergangenen Jahr alle sehnsüchtig auf einen Corona-Impfstoff warteten, sind zwölf Monate später 57 Millionen Deutsche vollständig geimpft. Das sind 68 %. Viele, aber zu wenig, um die aktuelle vierte Welle zu verhindern.

Dass man endlich auf die derzeit überlaufende Intensivstationen schnellstmöglich reagieren muss, ist unumstritten. Über die Art und Weise aber müssen wir trotzdem sprechen. 3G mit Kapazitätsbeschränkung, 2G, 2G mit Maske, 2G Plus mit Maske und Kapazitätsbeschränkung: Seit Saisonbeginn mussten sich der VfB und seine Fans quasi von Spieltag zu Spieltag auf neue Bedingungen einstellen. Mit der mutigen Entscheidung, das Stadion unter der 2G-Regelung wieder voll auslasten zu können, machte man sich nicht nur Freunde. Auch die 2G Plus Regelung mit einer begrenzten Zuschauerzahl gegen Mainz wurde vom Club umgesetzt und von den Fans akzeptiert.

„Wir haben alle Verordnungen sauber umgesetzt. Alles war sehr offen und kooperativ und ich habe keine Kritik gehört“ sagte Noch-CEO Thomas Hitzlsperger zu den drohenden Geisterspielen bei SWR Sport. Hitzlsperger hoffte auf einen Mittelweg. In anderen Bundesländern gibt es diesen Mittelweg. Denn der Beschluss der Innenminister-Koferenz sieht eine 50 %ige Auslastung bei maximal 15.000 Zuschauer vor. Übrigens eine Marke, bei der auch der VfB bei einem Heimspiel nicht draufzahlen müsste. Doch in Baden Württemberg ist die Obergrenze niedriger. Viel niedriger: Gerade mal 750 Zuschauer dürften am Sonntag das Spiel gegen die Hertha BSC. Dass der VfB Stuttgart deswegen gänzlich auf Publikum verzichtet, ist verständlich. Da sind sie also wieder: die Geisterspiele. Im Dezember 2021 sind sie aber nur schwer zu vermitteln.

Dass man aktuell keine Großveranstaltung durchziehen kann als sei es 2019, ist glasklar. Aber die Entscheidung der Landesregierung, über die nationalen Beschlüsse hinauszugehen, trifft schlichtweg die falschen, nämlich die Veranstalter, die sich an sämtliche Vorgaben gehalten haben, und Fußballfans, die doppelt und dreifach geimpft sind und sich vor dem Stadionbesuch noch in die viel zu langen Schlangen vor den viel zu wenigen Teststationen stellen. Damit sendet man ein verheerendes Signal: Wenn eine Veranstaltung mit ausschließlich geimpften oder genesenen Personen mit einem negativen Test nicht sicher ist, was dann? Natürlich kommt jetzt reflexartig der Einwurf, dass auch Geimpfte und Genesene das Virus übertragen können und Schnelltests bei Geimpften nicht sonderlich zuverlässig sind. Ja, das stimmt, aber es scheint schlichtweg nicht gefährlich zu sein, wenn ausschließlich Geimpfte und Genesene im Stadion sind.

Mit der Entscheidung für Geisterspiele spielt man den Leuten in die Karten, die maßgeblich verantwortlich für die aktuelle Situation sind. Den Menschen, die am Donnerstag vor dem Stuttgarter Innenministerium standen, und das Grundgesetz verbrannten. Gleichzeitig stößt man den Leuten vor den Kopf, die sich seit der Beginn solidarisch zeigen. Ob Entscheidungen wie diese dazu dienen, Baden-Württemberg aus dem Keller der Impfquoten-Tabelle zu bekommen? Fraglich.

Dass die Entscheidung  – nicht nur in Baden-Württemberg – von Tag zu Tag aufgeschoben wurde, und Clubs und Fans am Freitag noch nicht wussten, ob und wie diese Spiele am Wochenende stattfinden werden, ist dabei fast schon eine Randnotiz. Die sogenannten “vulnerablen Einrichtungen” wie Krankenhäuser, Seniorenheime und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen sowie auch Schulen kennen es seit Beginn der Pandemie nicht anders.

Eines hat sich übrigens nicht geändert: Die Sonderrolle des Profifußballs. Doch während man im letzten Jahr noch wider besseren Wissens versuchte, möglichst schnell wieder Zuschauer in die Stadien zu bringen, so scheint es, als sei der Fußball 2021 ein Objekt an dem sich Politiker abarbeiten können, um durch überzogene Maßnahmen eigene Fehlern und viel zu späten Ergreifen von Maßnahmen zu kaschieren.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Sollten die Geisterspiele in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen signifikant dazu beitragen, die kritische Lage auf den Intensivstationen zu beruhigen, ist die Maßnahme absolut angebracht. Allerdings sieht es aktuell eher nach wildem Aktionismus aus.

Aber alles halb so schlimm: Denn während “2G Plus” für den Stadionbesuch an der frischen Luft zu unsicher ist, reicht es vollkommen für die Gastronomie – ohne Maske versteht sich. Ihr könnt das Spiel also mit euren Kumpels in der stickigen Kneipe angucken. It’s fine.

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