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·27. September 2022

Schießt der FC Bayern zu oft aus schlechter Position? Eine Analyse der Schussauswahl

Artikelbild:Schießt der FC Bayern zu oft aus schlechter Position? Eine Analyse der Schussauswahl

Vier sieglose Bundesligaspiele. Die Krise des FC Bayern wurde bei Miasanrot und darüber hinaus ausführlich beleuchtet. Dabei fällt auf: Die Schussauswahl des FC Bayern in der laufenden Saison weicht deutlich von langjährigen Trends ab. Eine Analyse.

Als ein Grund für die Negativserie wurde die Chancenverwertung genannt. In den vier Ligaspielen gegen Borussia Mönchengladbach, Union Berlin, den VfB Stuttgart und den FC Augsburg trafen die Bayern nur viermal. Justin hatte die Chancenverwertung und weiteren scheinbaren Gründen für die Krise kritisch unter die Lupe genommen und stellte fest: “Zwar ist der Expected-Goals-Wert laut den Daten von StatsBomb nahezu gleichgeblieben, doch die Bayern erreichen diesen eben durch einen Austausch: Quantität statt Qualität.”

Der FC Bayern sucht diese Saison deutlich häufiger Abschlüsse aus schlechten Positionen – und weicht damit von einem langjährigen Trend im Fußball ab.

Analytics und Schussauwahl

Vorbild NBA: Aussterben der Midrange-Würfe

Beim Thema Schussauswahl lohnt der Blick in die NBA. Initiiert vom Erfolg der Houston Rockets unter General Manager Daryl Morey suchen NBA-Teams seit fast zehn Jahren immer öfter ihr Glück von jenseits der Dreipunktelinie. Im Gegenzug verzichten sie auf Zweipunktwürfe aus relativ großer Distanz.

Die Logik ist so einleuchtend, dass es rückblickend geradezu paradox ist, dass Teams nicht seit jeher so spielten: Wenn es aus 7,24 Meter Entfernung drei Punkte für einen Treffer gibt und aus 7,10 Meter zwei Punkte, dann lohnt es sich, entweder aus 7,24 Meter zu werfen – oder möglichst nah an den Korb zu kommen und aus ein bis zwei Metern ebenfalls zwei Punkte zu erzielen.

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Die Zunahme der Dreipunktewürfe hat in der NBA zu einer deutlichen Zunahme der erzielten Punkte geführt.

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Nachzügler Fußball: Rückgang der Fernschüsse

Im Fußball sind vergleichbare Analysen komplexer, da Angriffs- und Verteidigungsphasen stärker ineinander übergehen als im Basketball. Dennoch folgte hier eine ähnliche Entwicklung.

Pep Guardiola war einer der Trainer, die früh und teilweise intuitiv einen Fokus auf Qualität statt Quantität bei Torschüssen setzten. Die Analysten der Topligen kamen datenbasiert zur gleichen Erkenntnis: Fernschüsse lohnen sich selten. Dass es schwieriger ist, ein Tor aus 20 Metern zu erzielen als aus fünf Metern, ist trivial. Wie unwahrscheinlich Torerfolge aus der Distanz sind, wurde jedoch lange unterschätzt.

Die Analyse von Andy Rowlinson zeigt, wie selten Tore von außerhalb des Strafraums erzielt werden. Bereits aus 20 Metern führt nur einer von 30-50 Versuchen zum Torerfolg.

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Der Profifußball ist ein traditionelles Umfeld, in dem Erkenntnisse Zeit brauchen, bis sie sichtbar werden. Zumal Kommentatoren und Fans weiterhin gerne “schieß doch endlich!” fordern, und die seltenen Tore aus der Distanz oft sehenswert sind und deshalb in der Rezeption und Berichterstattung überrepräsentiert werden.

Dennoch ist eine Veränderung im Laufe der letzten Jahre in der Bundesliga und der Premier League sichtbar. Teams haben die Abschlüsse innerhalb des Strafraums deutlich erhöht. Mittlerweile werden circa zwei Drittel der Schüsse in beiden Ligen innerhalb des Strafraums abgegeben. Vor wenigen Jahren lag der Wert in England noch deutlich unter 60%.

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Gleichzeitig ist in beiden Ligen im betrachteten Zeitraum die Anzahl der erzielten Tore gestiegen: In der Bundesliga von 2,8 pro Spiel 2015/16 auf 3,1 pro Spiel 2021/22, in der Premier League von 2,7 auf 2,8.

Unterschiedliche Anreize für Spitzenclubs und Underdogs

Eine der ersten Erkenntnisse von Sportdirektor Michael Edwards und seinem Analystenteam beim FC Liverpool, mit deren Umsetzung Jürgen Klopp seit 2015 betraut wurde: mehr Abschlüsse aus guten Positionen. Liverpool, der Club, der einst Fernschusstore von Didi Hamann und Steven Gerrard feierte wie andere Clubs Titel, änderte sein Spiel drastisch. Weniger Distanzschüsse, mehr Kombinationen bis in den Strafraum. Innerhalb von vier Jahren erhöhten die Reds die Abschlüsse innerhalb des Strafraums von 54% auf über 70%.

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Generell haben alle Fußballteams das gleiche Ziel: möglichst viele eigene Torschüsse/Torchancen herausspielen und möglichst wenige gegnerische zulassen. Das Streben nach hochwertigen Abschlüssen, also nach Qualität statt Quantität, lohnt sich besonders für Spitzenteams. Liverpool oder der FC Bayern wollen ihre Tore möglichst gleichmäßig verteilt erzielen.

Für ein Spitzenteam wäre die ideale Verteilung für neun Tore in drei Spielen, je dreimal drei Tore zu erzielen. Das vergrößert die Chance auf neun Punkte. Der FC Bayern erzielte in den drei Spielen gegen Bochum, Mönchengladbach und Union Berlin neun Tore und kassierte nur zwei. Weil sieben der neun gegen Bochum geschossen wurden, reichte das gute Torverhältnis nur für fünf statt für neun Punkte.

Umgekehrt sieht es bei Underdogs aus, denen in der Regel weniger Tore gelingen. Für Teams wie Bochum ist es ideal, wenn die Streuung groß ist. Wenn Bochum in drei Wochen drei Tore erzielt, wäre es optimal, alle in einem Spiel zu bündeln und dadurch einmal drei Punkte zu sammeln.

Der FC Bayern schießt 2022/23 zu oft aus der Distanz

Abschlüsse aus der Distanz reduzieren die Tore pro Schuss…

Der FC Bayern hat bereits seit Jahren einen hohen Wert, was Abschlüsse innerhalb des Strafraums betrifft. In den ersten sieben Spielen der laufenden Saison ist der Wert drastisch eingebrochen und liegt bei nur noch 62% – dem niedrigsten Wert seit vielen Jahren.

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Eine Konsequenz der schlechteren Schusspositionen liegt im ebenso deutlichen Rückgang der erwartbaren Tore (xG) pro Schuss. Während der Wert in den vergangenen Jahren konstant bei knapp über 0,13 lag, stürzte er in der laufenden Saison auf 0,11 ab. Mit anderen Worten: Von 2018 bis 2021 traf der FC Bayern im Schnitt bei jedem siebten Schuss. 2022/23 nur noch bei jedem neunten.

Da in der laufenden Saison im Gegenzug die Zahl der Schüsse pro Spiel in etwa im gleichen Verhältnis anstieg, blieben die erwarteten Tore pro Spiel auf hohem Niveau fast unverändert.

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Der FC Bayern hat also kein grundsätzliches Problem damit, sich Chancen zu erspielen. 2,5 erwartete Tore pro Spiel sind ein herausragender Wert.

…und erhöhen die Varianz und damit die Wahrscheinlichkeit von Patzern

Aber die neue Schussauswahl macht den FC Bayern anfällig für eine höhere Varianz. Und eine hohe Varianz verträgt sich nicht mit dem Anspruch des FC Bayern, (fast) jedes Spiel zu gewinnen.

Und genau diese Varianz schlug beim FC Bayern in den vergangen Wochen mit statistischer Gnadenlosigkeit zu. Zunächst mit Ausschlägen zugunsten von Julian Nagelsmanns Team. In den ersten drei Ligaspielen machten Gnabry, Mané und Co. fünfzehn Tore aus neun erwarteten Toren (+6).

Dem folgte eine unweigerliche Regression zur Mitte in Form von Ausschlägen nach unten. In den nächsten vier Spielen reichten weitere neun erwartete Tore nur für fünf erzielte (-5).

Über die bisherige Saison liegt der FC Bayern also im Plan. Varianz und zuletzt auch schwächere Leistungen lassen die Krise bisher stärker wirken als sie ist.

Einschätzung und Ausblick

Auch wenn sieben Bundesligaspiele eine kleine Stichprobe sind, fällt der Unterschied im Schussverhalten beim FC Bayern auf. Der Rekordmeister setzt bei seinen Torschüssen stärker auf Quantität statt auf Qualität als in der Vergangenheit.

Lewandowskis Abgang trägt sicherlich zur Entwicklung bei, als alleinige Erklärung taugt er nicht. Auch der Zentrumsfokus von Nagelsmanns Team dürfte zur Entwicklung beigetragen haben.

Solange der FC Bayern sich eine hohe Zahl an erwarteten Toren herausspielt, ist das Problem grundsätzlich beherrschbar. Doch die Gefahr eines negativen Laufs ist größer als in früheren Jahren. Darin liegt ein Risiko für den FC Bayern.

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben für Julian Nagelsmann, die Mannschaft so auf- und einzustellen, dass sie sich wieder mehr hochwertige Chancen erspielt und konstanter zwei bis drei Tore pro Spiel erzielt, statt in loser Folge fünf und eins.

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