Sara Däbritz im Porträt: Die Leaderin und der Traum von Wembley | OneFootball

Sara Däbritz im Porträt: Die Leaderin und der Traum von Wembley

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"Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt" - dieser Satz stand im Mittelpunkt eines Videoclips, mit dem die DFB-Frauen die WM 2019 in Frankreich bewarben. Drei Jahre später steht das nächste große Turnier, die EM in England, vor der Tür. Die Namen der DFB-Kickerinnen kennt die Nation aber immer noch nicht. Damit sich das ändert, stellt 90min die wichtigsten Spielerinnen der deutschen Elf vor. Heute im Porträt: Sara Däbritz.

31. Juli 2022. London, Wembley Stadion. Kurz vor 20 Uhr ertönt der Schlusspfiff. Sara Däbritz, die deutsche Nummer 13, sinkt auf die Knie und schließt für einen Moment die Augen. Gerade ist sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Fußball-Europameisterin geworden.

Sie muss an all die einzigartigen Momente denken, die sie diesem Sport zu verdanken hat. An den ersten EM-Sieg 2013, wo sie als 18-Jährige aber kaum zum Einsatz kam. An den Olympiasieg 2016 und an den Meistertitel mit dem FC Bayern im selben Jahr. An ihren ersten Profiklub SC Freiburg, von dem sie mit 20 nach München gewechselt ist. An den letzten Sommer und die französische Meisterschaft mit Paris Saint-Germain, wo sie seit 2019 ihre ersten Auslandserfahrungen sammelt. An den bevorstehenden Wechsel zu Champions League-Sieger Olympique Lyon - und daran, wie alles angefangen hat.

Die Zeit vor der Profikarriere

Als die fünfjährige Sara Däbritz zum ersten Mal den Fußballplatz betritt, liegt die Nationalmannschaft noch in weiter Ferne. "Bei ihrem ersten Spiel hat sich Sara mit allem beschäftigt - außer Fußballspielen", verrät der Bürgermeister ihrer Heimatgemeinde Ebermannsdorf in einem YouTube-Interview mit dem DFB. "Sie hat lieber Blumen gepflückt oder Hubschrauber beobachtet."

Dass die Oberpfälzerin auch mit dem Ball ganz gut umgehen kann, wird jedoch schnell klar. Früh gelingt Däbritz der Sprung in die bayerische Landesauswahl der Mädchen, wo sie mit Trainerin Friederike Kromp auf eine wichtige Förderin trifft. Kromp, die heute die U17-Nationalmannschaft der deutschen Juniorinnen betreut, erinnert sich gerne an die gemeinsame Zeit zurück: "Es war in dem jungen Alter schon zu sehen, dass sie ganz besondere Fähigkeiten hat."

Kromp ist mit ihrer Einschätzung nicht allein. Als eines von ganz wenigen Mädchen nimmt Däbritz regelmäßig an den Lehrgängen der nordbayerischen Regionalauswahl der Jungs teil und trifft dort auf Michael Köllner, den heutigen Trainer von Drittligist 1860 München. "In dem Jahrgang waren zwei oder drei Mädchen dabei und 120 bis 150 Jungs. Sara gehörte zu den besten 15 bis 20", blickt der 52-Jährige zurück.

"An ihn kann ich mich sehr gut erinnern, weil auch er ein sehr großer Förderer von mir war", sagt Däbritz über Köllner. "Es war nicht selbstverständlich, dass ich als Mädchen in der Jungs-Regionalauswahl spiele."

Das lange Zusammenspiel mit den Jungs hält die Linksfüßerin für einen entscheidenden Teil ihrer fußballerischen Entwicklung. "Das war das Beste, was ich machen konnte", betont sie gegenüber 90min. "Ab einem gewissen Alter sind die Jungs körperlich deutlich überlegen. Dadurch musste ich lernen, schnellere Entscheidungen zu treffen und mit meiner Technik dagegenzuhalten."

Bis zu ihrem 16. Lebensjahr ist Däbritz in Jungs-Mannschaften aktiv. Im Winter 2016 zieht es sie schließlich zum Frauen-Bundesligisten SC Freiburg, wo sie mit 17 Jahren am 26. Februar 2012 ihr Profi-Debüt feiert. Heute, rund zehn Jahre später und wenige Tage vor dem Beginn der Europameisterschaft 2022, gehört die Mittelfeldakteurin zu den großen Hoffnungsträgerinnen im DFB-Team. Däbritz soll Deutschland zum EM-Titel führen.

Däbritz' Rolle im DFB-Team

Beim DFB ist die 86-fache Nationalspielerin seit Jahren eine feste Größe. Martina Voss-Tecklenburg lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie wichtig Däbritz für die deutsche Elf ist: "Wir brauchen sie. Sie wird eine zentrale Figur in unserem Spiel, eine der wichtigsten Achsenspielerinnen sein", erklärt die Bundestrainerin während der Turniervorbereitung in Herzogenaurach. Däbritz selbst pflichtet ihrer Chefin bei: "Ich will als Leaderin vorangehen!"

Zugute kommen ihr dabei die Erfahrungen aus Paris, wo sie sich nicht nur persönlich weiterentwickelt hat. Auch fußballerisch hat die gebürtige Ambergerin ihr ohnehin schon beeindruckendes Repertoire auf der Achter-Position noch einmal erweitert. Ohne ihre offensiven Qualitäten einzubüßen - elf Tore und 18 Vorlagen in der abgelaufenen Saison sprechen eine klare Sprache -, taucht Däbritz bei PSG häufiger in tieferen Bereichen des Mittelfeldzentrums auf als noch in ihrer Zeit beim FC Bayern.

Einerseits organisiert sie als Ballverteilerin den Spielaufbau und versucht über ihr exzellentes Passspiel, Lücken im gegnerischen Abwehrverbund zu reißen und ihre Kolleginnen in Szene zu setzen. Andererseits stößt sie immer wieder auch selbst ins letzte Drittel vor und sorgt für Unruhe im und um den Sechzehner herum. Nicht nur offensiv, sondern auch defensiv sticht ihre Spielintelligenz und ihr hervorragendes Positionsspiel ins Auge. Dank ihres Antizipationsvermögens und ihrer Laufstärke ist Däbritz in der Lage, das Kombinationsspiel der Kontrahentinnen frühzeitig zu unterbinden und zu verlangsamen. Mit durchschnittlich drei abgefangenen Pässen pro Spiel, berichtet die Analyse-Website totalfootballanalysis.com, leitet sie regelmäßig aussichtsreiche Kontersituationen ein. Auch im direkten Zweikampf weiß sie sich trotz ihrer schmächtigen Statur zu behaupten und gewinnt rund 60 Prozent ihrer Defensivduelle.

Kurz und gut: Däbritz ist ein entscheidender, vielleicht der entscheidende Faktor, wenn der Traum vom deutschen EM-Triumph Wirklichkeit werden soll. Auf die Frage, was sie jungen Fans raten würde, die wie sie Profi werden wollen, antwortet die deutsche Nummer 13 übrigens: "Wenn man einen Traum hat, sollte man nie aufgeben und alles dafür tun, dass der Traum in Erfüllung geht." Ein Faible für Blumen und Hubschraubern soll allerdings auch nicht von Nachteil sein.

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