Olaf Scholz beim DFB: Ein Überblick zur Equal-Pay-Debatte | OneFootball

Olaf Scholz beim DFB: Ein Überblick zur Equal-Pay-Debatte

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In Zuge der Europameisterschaft in England sorgten nicht nur die Geschehnisse auf dem Platz für Aufregung. Auch abseits des Rasens wurde für reichlich Gesprächsstoff gesorgt. Ein viel diskutiertes Thema stieß dabei Bundeskanzler Olaf Scholz persönlich an. Es geht um die mögliche Einführung einer gleichen Bezahlung der deutschen Frauen- und Männer-Nationalmannschaften.

Der Stand der Dinge

Bereits vor dem großen Turnier im Juli stand die Vergütung der Spielerinnen im Fokus. Die UEFA hatte erstmals beschlossen, insgesamt 16 Millionen Euro an die Fußballverbände auszuschütten, deren Frauen-Mannschaften an der EM teilnahmen. Der Deutsche Fußballbund (DFB) gab daraufhin bekannt, seinen Spielerinnen im Falle eines Sieges im ehrwürdigen Wembley Stadion eine Rekordsumme von jeweils 60.000 Euro zu zahlen. Der Vergleich zu den 400.000 Euro, die ein männlicher Spieler für den EM-Turniersieg 2021 erhalten hätte, macht die finanzielle Kluft zum Frauenfußball mehr als deutlich.

Der Debatte wurden im Verlauf der EM durch einen Tweet des Bundeskanzlers erneut Aufwind verliehen. Olaf Scholz äußerte sich im Vorfeld des Gruppenspiels Deutschland gegen Spanien, dem mit Innenministerin Nancy Faeser eine Regierungsvertreterin bewohnte, wie folgt:

Spanien hatte, nach amerikanischem Vorbild, im Juni die Löhne der Frauen- und Männer-Nationalmannschaften angeglichen. Der Verband ist damit zwar nicht der erste in Europa, jedoch hatte der Beschluss vor der EM eine eindeutige Signalwirkung. Diese kam auch bei Kanzler Scholz an, der daraufhin seinen Forderungen nach Equal Pay beim DFB Ausdruck verlieh. Mit den weiteren Erfolgen der deutschen Frauen bei der EM wurden die Diskussionen sowohl in der Öffentlichkeit, als auch in der Politik zunehmend intensiver diskutiert.

Unter anderem stellte sich Bundesfamilien-Ministerin Lisa Paus an Scholz' Seite. Angesichts der rekordverdächtigen Zuschauerzahlen bei den Spielen in England sieht sie das Argument des mangelnden Interesses und die damit gerechtfertigten Löhne für den Frauenfußball endgültig entkräftet. "[Man] hat bisher immer argumentiert, dass der Fußball der Frauenteams viel weniger Zuschauerinnen und Zuschauer hat", warf die Ministerin auf. "Der DFB sollte sich einen Ruck geben und Männer und Frauen gleich bezahlen. Wenn er Frauenteams genauso vermarktet und präsentiert wie männliche Mannschaften, dann kommen auch die Zuschauerinnen und Zuschauer."

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg widersprach den Forderungen nach gleicher Bezahlung in einigen Punkten und forderte zunächst Equal Play statt Equal Pay. Einer Gehaltsangleichung steht sie grundsätzlich jedoch nicht im Weg: "Aber dann bitte bei den Männern ein bisschen weniger und bei uns ein bisschen mehr, denn ich finde es immer noch überdimensioniert." Der Kanzler hält seinerseits an den getwitterten Standpunkten fest, die er jüngst am Dienstag bei einem Besuch beim DFB diskutierte.

Diskussion mit den Funktionären

In der Frankfurter Zentrale traf Scholz DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Gleichstellungsbeauftragte Celia Sasic und Oliver Bierhoff, den Geschäftsführer der Nationalmannschaften. Dem Bundeskanzler geht es auch darum, mehr junge Mädchen langfristig für den Fußball zu begeistern, dessen wichtige Rolle für die Gesellschaft er betonte. Hierfür ist es elementar die Begeisterung zu nutzen, die das deutsche Frauen Team bei der EM im Land entfacht hat und von der sich Scholz persönlich beim Besuch des Finales gegen England im Wembley Stadion einen Eindruck verschaffte.

Nach der herben 1:2-Niederlage sprach der Bundeskanzler den Spielerinnen in der Kabine Trost zu und zeigte sich "tief berührt" von ihrer Erfolgsstory. Diese soll in Zukunft fortgeschrieben werden, auch mithilfe verbesserter Strukturen und Löhne. Scholz' Statement beim DFB-Besuch spricht eine klare Sprache:

"Die Prämien bei großen Turnieren spielen eine Rolle, wenn es darum geht, wie man noch mehr Mädchen für den Fußball begeistert. Mein Standpunkt ist bekannt. Das ist aus meiner Sicht etwas Politisches und etwas anderes als bei Gehaltsverhandlungen. Ich bin dankbar dafür, dass die Bereitschaft besteht, diese Frage zu diskutieren. Wir sollten alles dafür tun, dass der Fußball in unserer Gesellschaft, wo so viele neue Schwierigkeiten uns jeden Tag begegnen, die Rolle spielt, die er schon lange gespielt hat. Nämlich uns zusammenzuhalten und zu begeistern."

Bereits seit der Zeit vor der EM wurden die strukturellen Bedingungen für die deutschen Nationalmannschaften angepasst. Doch im Hinblick auf die Gehälter gibt sich der DFB weiterhin zögerlich:

"Die Prämien beruhen auf der Grundlage des wirtschaftlichen Erfolges. Bei dem Thema sind wir keineswegs rückständig. Die Titelprämie hat sich im Vergleich zur letzten Europameisterschaft um 60 Prozent verbessert und ist auch im internationalen Vergleich bemerkenswert. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass trotz gleicher Tätigkeit von Männern und Frauen die Märkte immer noch sehr unterschiedlich sind. Wir wollen alles dafür tun, dass sich das in den kommenden Jahren verändert."

Neuendorf fügte diesen Aussagen auch hinzu, dass man bereit sei, in den Gremien des DFB zu diskutieren, ob das Prämiensystem noch zeitgemäß sei oder angepasst werden sollte. Ein erneutes Treffen im Kanzleramt ist in Planung.

Ausblick

Die Europameisterschaft hat scheinbar ein neues Zeitalter des Frauenfußballs eingeläutet. Durchschnittlich verfolgten 18.544 Menschen die Spiele live in den Stadien. Daraus ergibt sich eine Gesamtzuschauerzahl von 574.875, was mehr als eine Verdopplung zur EM 2017 in den Niederlanden darstellt. An Zurück zu den wirtschaftlichen Umsätzen des Frauenfußballs von vor dem diesjährigen Turnier ist kaum noch zu denken. Besonders bei den GastgeberInnen in England wird Rekordinteresse an Tickets und Dauerkarten der Klubs der ersten und zweiten Frauen-Liga vermeldet. Ein Länderspiel der Europameisterinnen gegen die amtierenden Weltmeisterinnen aus den USA, das im Herbst im voll ausgelasteten Wembley Stadion stattfindet, war innerhalb eines Tages ausverkauft.

Durch die erhöhte Sichtbarkeit in den Medien und sozialen Netzwerken ist es naheliegend, dass der neue Hype um den Frauenfußball bald auch Deutschland erreicht. Der DFB hat einen entscheidenden Anteil daran, in welchem Ausmaß diese Entwicklung stattfinden kann und wird. Rekordverdächtige Einschaltquoten in Deutschland, wie etwa die 17,8 Millionen TV-ZuschauerInnen beim Finale, machen deutlich, dass das Interesse gegeben ist.

Im Hinblick auf die komplexe Equal-Pay-Debatte wird häufig übersehen, dass mit gleichen Gehältern Anerkennung und Wertschätzung ausgedrückt werden kann. Der Frauenfußball kämpft historisch bedingt mit gesellschaftlichen Vorteilen, die dank der erfolgreichen EM in den Hintergrund geraten sind. Die aktuellen Diskussionen bergen auch das Potential, diese Ungerechtigkeiten langfristig verschwinden zu lassen, wovon auch die Strukturen im Profi- und Amateursport profitieren. Es scheint wie ein Puzzle-Spiel mit vielen komplexen Teilen, von denen viele während der EM zusammen gefügt wurden.

Der DFB hat nun scheinbar das letzte, fehlende Stück in Form des Equal Pay in der Hand. Gerechte Bezahlung löst nicht alle Probleme des Frauenfußballs, schafft jedoch ein gleichwertiges, geachtetes Gesamtbild des Sports. Von angepassten Finanzen könnte ein Signal ausgehen, das für lange Zeit in viele anderen Bereichen, Strukturen und Zielsetzungen weiterwirken wird.

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