Niveau ist keine Creme – und auch keine SuperLeague

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„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Das der MillernTon mal Albert Einstein zitiert, dazu brauchte es erst ein paar (ehemalige) Klub-Bosse, die entweder etwas ziemlich unterschätzt haben oder würdelose, aber gewiefte Taktiker sind. Die erst vor zwei Tagen ins Leben gerufene SuperLeague scheint Geschichte zu sein. So zeigt es zumindest die Entwicklung des Dienstagabend. Auch wenn das sicher noch nicht das letzte Kapitel dieser erbärmlichen Show ist, so frage ich mich unweigerlich: Sind die so doof, haben die es so nötig oder tun die nur so?
(Titelbild: Clive Brunskill/via imago images/via OneFootball)

(Update: Tief in der Nacht auf Mittwoch haben sich die Initiatoren der SuperLeague mit einem Statement gemeldet.)

Du meine Güte! Wir hatten gedacht, dass wir den gestrigen Text zur SuperLeague genau dann veröffentlichen, wenn sich der Nebel um die Gründung der SuperLeague ein wenig verzogen hat. Das es sich dabei nur um die Ruhe vor dem Sturm handeln würde, war nicht absehbar (wobei Maik zumindest schon mal in Aussicht stellte, dass die das alle womöglich noch vor Saisonbeginn wieder rückgängig machen). Kehren wir die vielen Scherben vom gestrigen Abend einmal zusammen:

  • Zuerst erklärten Bayern München und Paris St. Germain in aller Deutlichkeit, dass sie nicht Teil einer möglichen SuperLeague werden. Damit ist der Plan der Gründer gescheitert, diese beiden Klubs und Borussia Dortmund von einer Teilnahme zu überzeugen.
  • Im Laufe des Tages äußerten viele Klubs ihr Unverständnis. Besonders aus England, wo eigentlich sechs Klubs an der SuperLeague teilnehmen wollten, kommt laute Kritik. Der FC Everton prangert zum Beispiel die „absurde Arroganz“ der abtrünnigen Klubs an.
  • Auch die Spielerseite in England wurde aktiv: Liverpool-Kapitän Jordan Henderson rief alle Kapitäne der englischen PremierLeague-Klubs zu einem Gespräch zusammen. Am späteren Abend posteten alle Spieler des FC Liverpool dieses Statement.
  • Kurze Zeit später wurde bekannt, dass Chelsea, Manchester City und Atletico Madrid den Wiederausstieg aus der SuperLeague planen. Später am Abend gibt City auch offiziell bekannt, dass sie sich aus der SuperLeague zurückziehen wollen.
  • Die Ereignisse überschlugen sich: Manchester United gab am Abend bekannt, dass CEO Ed Woodward den Klub Ende 2021 verlassen wird. Über einen Ausstieg aus der SuperLeague gab es aber bisher nicht mehr als Gerüchte.
  • Gleiches ereignete sich bei Juventus Turin, wo Klub-Boss Andrea Agnelli, laut übereinstimmenden Medienberichten, zurücktreten wird. Agnelli soll zusammen mit Real-Präsident einer der Treiber der SuperLeague gewesen sein.
  • Ganz spät am Abend folgten dann die Ankündigungen, das neben Manchester City und Chelsea auch die anderen vier Teilnehmer aus der Premier League sich aus der SuperLeague zurückziehen werden (Statements von Arsenal, Tottenham, Manchester United, Chelsea und Liverpool)

Basierend auf den Ereignissen des Abends steht die SuperLeague nach nur zwei Tagen bereits wieder vor dem Aus. Was für eine Lachnummer. Unweigerlich muss man sich fragen: Hatten die Verantwortlichen das Echo von Fans und anderen Klubs unterschätzt? Oder war die ganze Nummer bloßes Kalkül, um eine Reform der Champions League durchgedrückt zu bekommen?

Vieles deutet darauf hin, dass es sich tatsächlich um eine der dämlichsten Nummern aller Zeiten im Fußball handelt. Es gab zwar mit JPMorgan einen Geldgeber, aber von einem Fernsehvertrag oder der bloßen Absicht einer Medienanstalt die Spiele der SuperLeague zu übertragen, schien man noch ziemlich weit entfernt. Ein ziemlich wackeliges Fundament für die vollmundige Ankündigung unfassbare Milliardensummen unter den Teilnehmern zu verteilen.
Das die zwölf Klubs ohne eine feste Zu- oder Absage von Bayern München, Borussia Dortmund und Paris St. Germain ihr Vorhaben öffentlich machten, machte die Situation noch um einiges skurriler. Denn eine europäische SuperLeague ohne Klubs aus Frankreich und Deutschland würde dem Anspruch den besten Fußball-Wettbewerb der Welt zu schaffen schlicht nicht gerecht werden.
Ebenfalls mehr als komisch wirkt es, dass Spieler und Trainer der teilnehmenden Klubs anscheinend nicht über das Vorgehen der Klub-Verantwortlichen informiert wurden. Die Reaktionen ließ entsprechend nicht allzu lange auf sich warten (siehe oben verlinkten Tweet von Jordan Henderson). Viele machten deutlich, dass sie eine SuperLeague ablehnen. Würdet ihr, wenn ihr eine SuperLeague gründen wollt, so vorgehen? Ich würde doch als erstes versuchen die Personen mit der größten Reichweite, also die Spieler für das Vorhaben zu gewinnen. Ich würde auch erst dann damit an die Öffentlichkeit gehen, wenn ich nicht mehr auf Zu- oder Absagen von Klubs warte. Zumindest eine Agreement zu einem Fernsehvertrag, immerhin die wichtigste Geldquelle, wäre doch ratsam, oder? Das gab und gibt es anscheinend alles nicht.

Noch dazu regte sich auch außerhalb der SuperLeague-Klubs massiver Wiederstand. Neben unzähligen Klubs, die nicht teilnehmen, machte auch die FIFA am Dienstag noch einmal in aller Deutlichkeit klar, was sie von der SuperLeague hält: Sie baute eine Drohkulisse auf. Zusammen mit der UEFA wurde mit dem Ausschluss von internationalen Wettbewerben gedroht. Juristen machten kurze Zeit später drauf aufmerksam, dass dies zumindest für den sofortigen Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben „grundsätzlich möglich“ sei. Oder eben auch nicht. Eine scheinbar überstürzte Ankündigung der SuperLeague und ein ebenso überstürztes Reagieren auf der Gegenseite wirken nicht so, als wenn das Thema schon lange gärt und erst jetzt an die Öffentlichkeit kommt.

Die ganze SuperLeague wirkt wie eine Hinterzimmer-Nummer, die aufgrund von Zeitdruck komplett unausgegoren ist. Eile war deshalb geboten, da diesen Montag über die Reform der Champions League entschieden wurde. Hier sollte womöglich Druck aufgebaut werden. Wenn das der Plan war, dann scheint er aufgegangen zu sein: Die UEFA sprach sich einstimmig für die Reform der Champions League aus. Eine Reform, die bereits von vielen Seiten im Vorwege massiv kritisiert wurde.
Aber ist der Schaden, den die Verkündung der Teilnahme an der SuperLeague in den Klubs angerichtet hat nicht größer als der Nutzen, den eine Reform der Champions League diesen Klubs bringt? Ja, das ist er. Allein die Reaktionen der eigenen Fans und vieler anderer Klubs würde selbst bei einer morgigen Auflösung der SuperLeague noch lange nachhallen. Umso mehr stellt sich die Frage: Warum um alles in der Welt wurde die SuperLeague ins Leben gerufen?

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Die Corona-Pandemie scheint allen Beteiligten im Fußball massiv zuzusetzen. Obwohl man vermuten könnte, dass der sprudelnde Dollar-Brunnen der Champions League den teilnehmenden Klubs eine gewisse Sicherheit bringt, scheinen viele europäische Top-Klubs ziemlich arge finanzielle Probleme zu haben. Der FC Barcelona zum Beispiel befindet sich in größter Not.
In dieser Not scheinen die Verantwortlichen einiger Top-Klubs schlicht die Nerven verloren zu haben. Der Blick auf den schier nimmer leeren Geldtopf den die SuperLeague verspricht (oder besser: versprach), scheint dafür gesorgt zu haben, dass einige Personen die Situation völlig falsch eingeschätzt haben. Es wurde anscheinend nicht mit dem klaren Gegenwind in dieser Sache gerechnet. Es wurde anscheinend nicht damit gerechnet, dass Fußball-Fans auf der ganzen Welt nicht auf noch einen weiteren Wettbewerb gewartet haben. Die Fans haben innerhalb kürzester Zeit klargemacht, dass „Mehr“ nicht immer auch besser ist. Das es nicht besser ist, wenn Top-Teams alle paar Minuten aufeinander treffen, weil dies zu einer Verwässerung des Wettbewerbs führt.
Müßig zu erwähnen, dass die Gründung einer SuperLeague auch gleichbedeutend damit ist, dass die Gründer-Klubs bereit sind über Leichen zu gehen. Denn andere Klubs, die ebenfalls finanziell schwer angeschlagen sind, wurden mit der Gründung komplett vor den Kopf gestoßen. Es wirkt so, als wenn einige rücksichtslos versucht haben nur ihre eigene Haut zu retten. Was für ein unfassbar dämlicher und würdeloser Move auf allen Ebenen.

Die Ereignisse der letzten Tage sprechen nicht dafür, dass die Klubs die SuperLeague nur als Droh-Kulisse genutzt haben, um die CL-Reform durchgedrückt zu bekommen. Geschafft haben sie es trotzdem. DFB/DFL machten in ihrem Statement deutlich, dass sie der Reform zustimmten, um die abtrünnigen Klubs zum Bleiben zu bewegen („Diese Reform war ein Angebot an die Top-Clubs, doch noch unter dem gemeinsamen Dach der UEFA zusammenzukommen„).

Dieses Verhalten von DFB/DFL ist mehr als fragwürdig und wir sollten nicht mit Kritik an diesem Vorgehen sparen. Was aber wichtiger an diesem Statement ist: Die Klubs, die die SuperLeague gründeten, haben dies nicht getan, um eine Reform durchgedrückt zu bekommen. Die hätten sie laut dem Statement der DFL auch so bekommen. Es gab dieses „Angebot“, wie es in der DFL-Mitteilung formuliert ist, bevor die Pläne der SuperLeague öffentlich wurden. Es bleibt also nur noch die Mischung aus anscheinend enormer Not, Gier und genügend Dämlichkeit als Motivation für die Gründung einer SuperLeague.

Jetzt wo die SuperLeague in ihre Einzelteile zerfällt, kann die Reform der Champions League ja einfach zurückgenommen werden, oder? Damit könnte ein erster Schritt in Richtung ernsthafter Vertretung von Fan-Interessen getan werden. Es könnte ein großer Schritt in Richtug Stärkung der nationalen Wettbewerbe geschehen. Hahahaa, nee, jetzt mal nicht übertreiben hier… immerhin haben wir in den letzten Tagen sämtliche Niveau-Limbos zu Ende getanzt.

// Tim

P.S. Sämtliche nationalen und internationalen Gremien und Verbände haben sich in den letzten Tagen damit übertroffen, sich als Retter der Fan-Interessen aufzuschwingen. Das ist schon witzig, da genau diese Gremien und Verbände seit Jahren sich um nichts weniger gekümmert haben, als um Fan-Interessen. Es ist zu hoffen, dass dieser geheuchelte Beistand für die Fans nun allen Beteiligten im Halse stecken bleibt. Denn ich frage mich ernsthaft, was ich schlimmer finde: Klubs, die ganz offen eine SuperLeague gründen und damit deutlich machen, dass es ihnen nur ums Geld geht? Oder aber Klubs und Verbände, die so tun, als wenn sie Fan-Interessen unterstützen, aber in Hinterzimmern Reformen durchdrücken, die genau das Gegenteil bewirken? Schämen sollten sich beide Seiten.

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