Miasanrot-Roundtable: Rückblick auf 10 Meisterschaften | OneFootball

Miasanrot-Roundtable: Rückblick auf 10 Meisterschaften

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Am Sonntag durfte der FC Bayern auf dem wohl bekannten Rathausbalkon seine zehnte Meisterschaft in Folge feiern. Im Miasanrot-Roundtable blickt unsere Redaktion auf die letzten zehn Jahre zurück und gibt auch einen Ausblick auf die kommende Dekade.

Die beiden Triple-Jahre, der erste Meister-Viererpack oder die Rückkehr von Jupp: Welches war eure Lieblingsmeisterschaft?

Katrin: Die emotionalste und deswegen schönste Meisterschaft für mich war 2012/13. Nach der niederschmetternden Saison 2011/12, in der Bayern in jedem Wettbewerb nur auf dem 2. Platz landete, war es ein Genuss zu sehen, wie sich Mannschaft und Trainerstab wieder aufrappelten. Der FC Bayern sicherte sich die Deutsche bereits am 6. April am 28. Spieltag gegen Eintracht Frankfurt – mit einem wunderschönen Hackentor von Bastian Schweinsteiger. Es war der schnellste Bundesligatitel der Geschichte. Und der FC Bayern konnte sich fortan voll auf die verbleibenden Wettbewerbe konzentrieren – und am Ende bekanntermaßen für sich entscheiden.

Daniel: 2013/14. Die erste Pep-Meisterschaft. Diese Generation hatte sich gerade international bereits gekrönt, der Druck war also weg. Man konnte sich einfach komplett Peps wundervoll abgespacetem Fußball hingeben. Dazu stellte man sich damals noch keine Fragen bezüglich der Langeweile und wie sehr Punktestände von über 90 der Liga schaden. Außerdem war da noch die Berichterstattung zum Katalanen positiv neugierig und nicht so gehässig, wie in späteren Jahren.

Tobi: Mit Abstand die Saison 2012/13. Es gab damals praktisch vom 1. Spieltag an im gesamten Verein dieses Gefühl, dass man etwas korrigieren muss und wird. Zwar waren die einzelnen Spiele in den Folgejahren unter Guardiola interessanter, da die inhaltliche Komplexität und Variabilität höher war, aber 12/13 war eine echte Mission. Für mich gab es zuvor und seitdem keine Saison, die sich so als vollständiges Werk anfühlt.

In zehn Spielzeiten gab es unzählige Höhepunkte, einige Tiefpunkte, große Mannschaftsleistungen und atemberaubende Einzelspieleraktionen. Welcher war der eindrucksvollste Moment aus den 10 Jahren Meisterschaft?

Katrin: 22. September 2015, der FC Bayern muss zuhause gegen den VfL Wolfsburg ran. Zur Halbzeit führen die Gäste verdient mit 1:0 nach einem taktisch klugen Auftritt. Pep Guardiola reagiert und bringt Javi Martínez und Robert Lewandowski. Und dann folgt die große Gala-Vorstellung des Polen, der wohl unglaublichste Auftritt eines Jokers, den die Bundesliga je gesehen hat. Zwischen der 51. und 60. Minute schießt Lewandowski fünf Tore. Er fegt damit die Wolfsburger im Alleingang aus der Allianz Arena, sichert sich selbst einen Platz in den Geschichtsbüchern und beschert allen Zuschauern ein unvergleichliches Wechselbad der Gefühle: von Staunen bis Entsetzen, über Fassungslosigkeit, Ekstase bis hin zu Glückseligkeit.

Fünf Tore in neun Minuten. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Es ist selten genug, dass ein Stürmer in einem einzelnen Spiel fünf Tore schießt. Dass dies aber innerhalb von nur neun Minuten passiert, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Auch mehr als sechs Jahre später haben diese fünf Tore in neun Minuten nichts an ihrer Magie, ihrer Einzigartigkeit verloren. Und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

Maurice: Dass ein Spieler jemals in die Nähe des 40-Tore-Rekords von Gerd Müller kommen würde, hätte ich noch vor zehn Jahren für absolut unmöglich gehalten. Zu oft hatte in den 2000ern der Torschützenkönig gerade einmal 25 Tore erzielt. Doch mit der Verpflichtung von Robert Lewandowski setzten beim FC Bayern andere Zeiten ein. Der Pole wurde mit zunehmendem Alter immer torgefährlicher und näherte sich zielstrebig der Müller-Marke an. In der Saison 2020/21 kam es dann zum generationenübergreifenden Kopf-an-Kopf-Rennen um den Rekord (Link: https://www.youtube.com/watch?v=lDiuAVoE9mw). Nach jedem Spieltag lag ein anderer der beiden Ausnahmestürmer vorne. Nach 32 Spieltagen steht Lewandowski bei 39 Toren. Es fehlen noch zwei Tore zum alleinigen Rekord.

Unvergessen sind für mich, dann die beiden Momente aus diesen Spielen. Am 33. Spieltag gegen Freiburg bekam der bereits als Meister feststehende FC Bayern einen Elfmeter. Jeder Spieler, Zuschauer im Stadion und vorm Fernseher wusste direkt Bescheid: Es geht um den historischen 40. Treffer. Lewandowski bleibt in diesem Moment cool und verlädt Flekken. Der anschließende Jubel mit einem Shirt mit dem Konterfeit des Bombers und der Aufschrift “4Ever Gerd” sind ikonisch und zeugen von dem Respekt, den Lewandowski für die Vereinslegende Müller hat.

Doch der Pole wollte noch einen drauflegen. Am letzten Spieltag war der FC Augsburg zu Gast in der Allianz Arena und in einem torreichen Spiel wollte Lewandowski über 89 Minuten kein Treffer gelingen. Doch einen letzten Fernschuss von Leroy Sané konnte Gikiwiez nicht festhalten und in bester Gerd-Müller-Manier steht Lewandowski genau dort, wo der Ball hinfällt. Ein Haken, ein Abschluss, die Ekstase. Ein Rekord für die Ewigkeit?

Tobi: Neben den bereits erwähnten Momenten, die in keinen Geschichtsbüchern fehlen dürfen, blieb bei mir das letzte Spiel der Saison 2017/18 haften. Zunächst gab es die doch seltene Situation, dass der FCB im letzten Spiel vor eigenem Publikum Meister werden konnte. Doch dieser Umstand wurde fast zur Nebensache, denn man verabschiedete sich von Ribery und Robben – und wie! Die gealterten Legenden bekamen kein Schaulaufen, sie wurden nicht künstlich in den Mittelpunkt gestellt. Nein, sie lieferten in der zweiten Halbzeit ihre eigene Show. Insbesondere der Solotreffer von Ribery war ein perfektes Ende dieses Kapitels.

Mit Manuel Neuer und Thomas Müller waren gleich zwei Spieler für alle zehn Meisterschaften im Team. Manche wie Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm prägten die ersten Jahre, andere wie Joshua Kimmich die letzten Jahre. Wer war der prägende Spieler aus der Ära “10 Titel”?

Georg: Kann ein Spieler der prägendste sein, obwohl er nur in der ersten Hälfte der Ära dabei war? Ich beantworte die Frage mit ja und entscheide mich für Philipp Lahm. Er personifiziert für mich die Entwicklung des FC Bayern von einem sehr guten Verein zur absoluten Weltklasse. Und er symbolisiert die stetige Weiterentwicklung dieses Vereins, dieses Teams. Lahm war der weltbeste Rechtsverteidiger – und dennoch wechselte er ins zentrale Mittelfeld. Dort erfand er sich wieder neu, wuchs daran und war teilweise Herzstück eines der dominantesten und ballsichersten Mttelfelds, das je für den FC Bayern spielte.

Maurice: Die Entscheidung fällt schwer, doch die Rolle von Manuel Neuer für diese Mannschaft kann gar nicht ausreichend gewürdigt werden. Nach seinem Wechsel aus dem Ruhrpott wurde der mehrfache Welttorhüter nur einmal nicht Deutscher Meister. In bisher 308 Bundesliga-Spielen für die Münchner musste er nur 225 Gegentore hinnehmen, was einer Quote von 0,73 Gegentoren pro Spiel entspricht. Zum Vergleich: Sein heutiger Chef Oliver Kahn hatte für die Münchner am Karriereende einen Schnitt von 0,95 Gegentoren/Spiel. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Anzahl von Spielen ohne Gegentor, wo Neuer mit 152 Weißen Westen mittlerweile nur noch 17 Spiele hinter Kahn liegt, der aber 120 Spiele mehr absolvierte. Wenig überraschend sicherte er sich in diesem Zeitraum auch die Rekorde für wenigste Gegentore in einer Saison und meiste Spiele ohne Gegentor in einer Saison.

Doch auch abseits der Statistiken hat Neuer das Torwartspiel geprägt und revolutioniert wie kein Zweiter. In seinen Kerndisziplinen war er über die Jahre hinweg, bis auf eine kurze Phase nach seiner ersten schwereren Verletzung, ausnahmslos weltklasse. Seine schlagartigen Reflexe bei Abschlüssen aus nächster Nähe und seine Ruhe sowie Stellungsspiel im Eins-gegen-Eins bleiben ausdrücklich in Erinnerung. Und eben nicht nur gegen Benzema im WM-Viertelfinale oder gegen Walcott in der Champions League, sondern auch gegen Ingolstadt, Bremen und Augsburg.

Daniel: Thomas Müller. Er und Neuer sind die einzigen, die die volle Distanz der 10 Titel gegangen sind. Müller steht für mich aber nochmal mehr für diese, weil er die positiven, wie negativen Seiten bebildert.

Reinste Weltklasse in den ersten drei Meisterschaften, der Peak in Peps letzter Hinrunde, wie auch die nachlassende Form in der Rückrunde, die auch das gesamte Team traf. Der komplette Form-Absturz unter Ancelotti geht einher mit der biedersten Zeit des Bayern-Fußballs. Die Reinkarnation unter Heynckes, einhergehend dass am Ende doch wieder die Formprobleme zurückkamen. Unter Kovač so durchwachsen, wie das ganze Team – die Scorer stimmten, die Leistungen weniger. Der nochmal tiefere Tiefpunkt am Anfang von Kovačs zweiter Saison und dann der berüchtigte Sturmlauf unter Flick.

Neuer war über die Jahre konstanter, seine Form-Fluktuation hatte mehr mit seinem eigenen Körper, als dem Zustand des Vereins zu tun.

Hat die Serienmeisterschaft der Münchner der Bundesliga geschadet, sowohl beim Interesse der Fans als auch im internationalen Wettbewerb?

Georg: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig und vor allem international ist die Stärke des FC Bayern sogar hilfreich gewesen. Der FC Bayern ist in den letzten zehn Jahren zu einem globalen Superclub geworden, einem der bekanntesten, wertvollsten und interessantesten Teams, sportartübergreifend. Von dieser Strahlkraft profitiert die gesamte Liga. Denn Spannung ist zwar nice to have, aber ein ausgeglichener Wettbewerb alleine reicht nicht, um sich im globalen Wettbewerb gegen die Premier League, Baseball, Netflix und Call of Duty durchzusetzen.

Anders sieht es im deutschen Kernmarkt aus. Hier schadet die Bayern-Dominanz der Liga massiv. Überraschende Meisterschaften wie jene des VFB Stuttgart 2007, Heldengeschichte wie Klopps BVB und Herzschlagfinals wie die Last-Minute-Meisterschaft des FC Bayern 2001 machen den Wettbewerb aus. In Frankfurt und Stuttgart spricht man noch heute vom 38. Spieltag 1992.

Bei aller existenziellen Bedeutung des Abstiegskampfes und der Spannung um den Einzug in den Europapokal, die Liga braucht auch Drama um die Meisterschaft.

Daniel: Ob es dem Verein geschadet hat, weiß ich nicht. Man ist eigentlich erst mit diesem Jahrzehnt ein Superclub geworden. Vor 15, 20 Jahren wollte nur die zweite Reihe zu Bayern, siehe Roy Makaay oder man erinnere sich an Robbens Bauchschmerzen vor dem “Abstieg” nach Deutschland. Heute kommen die Spieler zwar immer noch nicht nach München, aber die Bauchschmerzen sind weg, der Respekt ein anderer.

Aber selbstverständlich hat es der Liga gewaltig geschadet. Ich selbst zucke nur noch mit den Schultern, wenn Bayern mal nicht gewinnt, denn die Jahre haben mich gelehrt: Am Ende wird Bayern doch noch komfortabel Meister. Die Spannung ist weg.

Prediction Time: Wie viele Meisterschaften holt der FC Bayern in den nächsten zehn Jahren?

Maurice: Ich sehe noch kein Ende für die Dominanz der Münchner in der LIga. Dafür ist die nationale Konkurrenz zu schwach und inkonstant. Weitere zehn Titel in Folge kann ich mir allerdings auch nicht vorstellen. Vereinzelt erwarte ich, dass RB Leipzig und Borussia Dortmund den Bayern in die Quere kommen und ihnen in der nächsten Dekade zumindest drei Titel abluchsen. Daher meine Vorhersage: Die Münchner erweitern ihre Streak noch auf dreizehn Titel und gewinnen insgesamt sieben der nächsten zehn Titel.

Georg: Die DFL und letztlich auch der FC Bayern selbst können sich die Bayern-Dominanz nicht mehr lange leisten, ohne den Wettbewerb Bundesliga zu sehr zu schwächen. Deshalb rechne ich mit einschneidenden Veränderungen: Ende von 50+1, Super League, Gehaltsobergrenzen oder eine andere Verteilung der TV-Gelder, you name it. Ich weiß nicht, was davon kommt, aber etwas wird passieren. Deshalb prognostiziere ich höchstens fünf der nächsten zehn Titel für den Rekordmeister.

Daniel: Elf.

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