Marina Hegering: Abwehrchefin gegen alle Wahrscheinlichkeiten | OneFootball

Marina Hegering: Abwehrchefin gegen alle Wahrscheinlichkeiten

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"Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt" - dieser Satz stand im Mittelpunkt eines Videoclips, mit dem die DFB-Frauen die WM 2019 in Frankreich bewarben. Drei Jahre später steht das nächste große Turnier, die EM in England, vor der Tür. Die Namen der DFB-Kickerinnen kennt die Nation aber immer noch nicht. Damit sich das ändert, stellt 90min die wichtigsten Spielerinnen der deutschen Elf vor. Heute im Porträt: Abwehrchefin Marina Hegering

Kurzvorstellung

Es war, als wäre sie nie weggewesen: Beim überzeugenden 7:0 Sieg Deutschlands gegen die Schweiz, im letzten Spiel vor der EM, gab Abwehrchefin Marina Hegering ihr Comeback. Im November war sie davor zuletzt beim Nationalteam dabei gewesen, dann hatte sie eine Verletzung ausgebremst - mal wieder. Die Innenverteidigerin, zuletzt bei Bayern im Einsatz und ab Sommer für den Rivalen VfL Wolfsburg tätig, kennt sich mit Verletzungen wohl so gut aus wie kaum eine andere aktive Profifußballerin.

Hegering hat eine besonders lange Leidenszeit hinter sich - fast sechs Jahre konnte sie zwischenzeitig nicht regelmäßig Fußball spielen. Nun das erneute Comeback, genau zum richtigen Zeitpunkt: Hegering ist mit ihrem Zweikampfverhalten, ihrer Physis und auch ihrem starken Spielaufbau eine Weltklasse-Innenverteidigerin. Wie das Spiel gegen die Schweiz erneut gezeigt hat, kann sie sehr viel Ruhe und Stabilität in das Spiel der DFB-Elf bringen.

Zudem die Innenverteidigung nicht gerade eine Position ist, auf der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ein Luxusproblem hatte. Hegerings Rückkehr ermöglicht es nun auch, dass ihre baldige Teamkollegin bei Wolfsburg, Lena Oberdorf, wieder auf ihre Stammposition im defensiven Mittelfeld rücken kann. Eine Win-Win-Situation also, die für Deutschlands Abschneiden bei der EM entscheidend sein kann.

Karriere

Marina Hegerings Karriere liest sich zunächst wie eine Laufbahn aus dem Lehrbuch. Sie spielte bis zum Alter von 16 Jahren in einer Jungenmannschaft, der DJK Lowick 1930. Dann folgte der Schritt zum damaligen Topteam FCR Duisburg 2001, wo sie zusammen mit der ein Jahr jüngeren Alexandra Popp sowie mit Inka Grings unter Voss-Tecklenburg spielte. 2009 dann ein vorläufiger Karriere-Höhepunkt: Mit Duisburg gewann sie UEFA-Cup und DFB-Pokal, wurde zudem mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet. Ein Jahr später folgte der Weltmeister-Titel mit der U20, es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch ihr Debüt im A-Nationalteam geben würde.

Aber in der nächsten Saison zogen die ersten dunklen Wolken auf. Wegen einer Fersen-Verletzung konnte Hegering keine Spiele bestreiten, wechselte dann zu Bayer Leverkusen. Die Ferse bereitete ihr in den nächsten Jahren so viele Probleme, dass an ein reguläres Training nicht zu denken war. Hegering setzte den Fokus mehr auf ihr Studium und berufliches Leben (Kauffrau bei einer Baufirma), hatte mit der Möglichkeit, mit der DFB-Elf bei einem großen Turnier anzutreten, bereits abgeschlossen. Sie kam zu einigen Spielen für Leverkusen, und ab 2017 für die SGS Essen, aber mit einem spektakulären Comeback war nicht zu rechnen.

Und doch: Gegen alle Wahrscheinlichkeiten stand Marina Hegering im Kader für die WM 2019. Sie stand bei jeder Partie die ganzen 90 Minuten auf dem Platz und hatte sich den für nicht mehr möglich gehaltenen Traum doch noch erfüllt. Noch immer war der Fußball für Hegering nur ein "bezahltes Hobby", wie sie in einem Interview bei der WM sagte. Das änderte sich 2020: MIt ihrem Wechsel zum FC Bayern wurde sie erstmals Profifußballerin, konnte sich voll und ganz auf den Leistungssport konzentrieren. Auch in München plagten sie immer wieder Verletzungssorgen, jetzt ist sie gerade rechtzeitig wieder fit.

Spielstil

Bei so einer Karriere ist natürlich die Frage: Wie schafft man es, von solch einer langen Auszeit zurückzukommen, und dann auch noch auf Topniveau? In Hegerings Fall mit einer Mischung aus Physis und mutigem Spiel, wie sie selbst sagt: "Ich bin doch sehr robust und mache nicht immer nur Dinge, die typische Innenverteidigerinnen machen", erklärte sie in dem bereits erwähnten Interview. Diese beiden Stärken machen ihr Spiel aus und sorgen dafür, dass sie eine Innenverteidigerin ist, die nicht nur defensiv abräumt, sondern sich auch vorne mit einschaltet.

Hegerings Abwehrpartnerin gegen die Schweiz, Kathrin Hendrich, ist beim Spielaufbau eher etwas konservativer als sie. Während Hegering auch mal mit dem Ball ins Mittelfeld geht oder sich traut, Pässe in die Schnittstelle zu spielen, bleibt Hendrich eher einen Tacken weiter hinten und sichert ab. Dadurch ergänzen sich die beiden gut. Hegering ist eine moderne Verteidigerin, die sich nicht als Abwehr-Haudegen versteht und gerne selbst Angriffe einleitet. Ihrem Spiel ist anzumerken, dass sie früher oft als Mittelfeldspielerin eingesetzt wurde und daher im Kombinationsspiel nach vorne geübt ist.

Aber auch defensiv ist Hegering auf der Höhe. Wegen ihrer Robustheit von Nationalteam-Kollegin Sara Doorsoun einst "Maschina" getauft, weiß sie ihren Körper in Zweikämpfen sehr geschickt einzusetzen. Auch Kopfballduelle sind eine Stärke von ihr, was auch offensiv von Vorteil sein kann. Hegering ist außerdem eine sehr vorausschauende Verteidigerin, die weniger im letzten Moment mit einem Tackle dazwischengeht und mehr den Ball vorher durch gute Positionierung abfängt.

Zwei kleine Schwächen hat die Abwehrchefin dennoch: Zum einen ist sie nicht immer ganz souverän im Einschätzen von langen Bällen und kam daher in ein paar Spielen zu spät. Außerdem ist sie nich die Beweglichste, was sich gegen schnelle und wendige Stürmerinnen rächen kann. Mit ihren anderen Qualitäten macht sie diese Mankos aber mehr als nur wett und ist in Topform die beste Verteidigerin in Voss-Tecklenburgs Aufgebot.

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