La Liga | Real, Barça und Fragezeichen – Die Titelkandidaten 2022/23 | OneFootball

La Liga | Real, Barça und Fragezeichen – Die Titelkandidaten 2022/23

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Wer hat die besten Karten im Titelkampf in La Liga? In unserer Saisonvorschau blicken wir auf Meister Real Madrid und Barça sowie die Verfolger Atlético und Sevilla.

  • Kann Real Madrid den Titel verteidigen?
  • Transferoffensive beim FC Barcelona
  • Außenseiter-Chancen für Atlético und Sevilla?

Real Madrid: Der Generationswechsel gelingt

Real Madrid ist Champions-League-Sieger und Spanischer Meister. Was in der Liga diesmal anders war als bei vielen vorigen Meisterschaften: Es gab kein wirkliches Titelrennen. Dazu war die Konkurrenz zu unbeständig, Real zu konstant. Konstanz – ein Wort, das in Madrid schon lange ein Thema war. Endlich haben sie es geschafft, Aussetzer gegen kleinere Mannschaften zu reduzieren, beständiger zu werden, man könnte fast sagen: den Ligaalltag ernster zu nehmen. Die erfolgreiche Saison fußte einmal mehr auf einer starken Hintermannschaft. Das Innenverteidiger-Duo um Éder Militão (24) und David Alaba (30) fand schnell zueinander und machte die schmerzhaften Abgänge von Raphaël Varane (29) und Sergio Ramos (36) vergessen.

Neben einer sicheren Defensive funktionierte aber auch das Toreschießen besser als in den Jahren zuvor. Ein Grund dafür war der rasante Aufschwung von Vinícius Junior (22), der 17 Tore erzielte, dazu zehn Assists sammelte und damit mehr als nur eine Unterstützung für Karim Benzema (34) war. Auch wenn der Königliche Fußball nicht zwingend die Massen vom Hocker reißt – dazu steckt in Trainer Carlo Ancelotti (63) ein zu großer Pragmatiker – wirkt das Spiel der Madrilenen insbesondere in der Offensive fluider. Für Ancelotti gilt es nun, daran anzusetzen.

Stabiles Grundgerüst wird durch kluge Transfers ergänzt

Die Voraussetzungen dafür sind optimal. Das ohnehin schon sehr homogene Mannschaftskonstrukt wurde durch kluge Neuzugänge ergänzt. Mit Antonio Rüdiger (29) kommt einer der europaweit besten Verteidiger der vergangenen Saison in die spanische Hauptstadt. Mit ihm verfügt Real nun über drei gestandene Innenverteidiger, die ihre Klasse allesamt schon über einen längeren Zeitraum unter Beweis gestellt haben. Die ohnehin schon sattelfeste Defensive dürfte damit noch stabiler werden, zudem wird sich ein gesunder Konkurrenzkampf entwickeln, der im Idealfall die Spannung dauerhaft hochhält.

Mit Aurélien Tchouaméni (22) kommt zudem ein hochbegabter Mittelfeldspieler von der AS Monaco. Vergangene Saison machte der 22-Jährige abermals einen großen Entwicklungssprung, verbesserte sich neben seinen Kernqualitäten als Balleroberer gerade im Passspiel, besitzt bereits jetzt ein sehr vielseitiges Skillset. Mit ihm und Eduardo Camavinga (19) haben die Königlichen nicht nur zwei der vielversprechendsten Spieler des Planeten in den eigenen Reihen, sondern auch jede Menge Optionen im Mittelfeldzentrum. Der Generationswechsel läuft damit deutlich reibungsloser als erwartet. Ancelotti hat alle Möglichkeiten, die jungen Spieler in Ruhe heranzuführen und einen sanften Übergang zum etablierten Kern um Casemiro (30), Toni Kroos (32) und Luka Modrić (36) zu schaffen.

(Photo by Thearon W. Henderson/Getty Images)

Das gilt im Übrigen auch für andere Mannschaftsteile, insbesondere für die Offensive. Während Vinícius einen riesigen Entwicklungssprung gemacht und sich in der Mannschaft etabliert hat, könnte sein Flügelpartner Rodrygo (21) in der kommenden Saison die nächsten Schritte gehen. Gute Ansätze sind hierfür bereits vorhanden, nun gilt es für den 21-Jährigen, reifer und konstanter in seinen Leistungen zu werden. Nebenbei bemerkt: Die gleiche Beurteilung ließe sich vor zwölf Monaten bei Vinícius fällen.

Alles in allem verfügt Real über eine sehr starke Mannschaft. Die Altersstruktur im Kader stimmt, die Achse um Thibaut Courtois (30), Alaba, Kroos und Benzema steht. Spieler wie Dani Carvajal (30) und Modrić bringen – wenngleich sie über ihren Leistungszenit hinüber sind – viele Jahre Erfahrung auf allerhöchstem Niveau mit und werden durch junge, talentierte Spieler ergänzt. Real Madrid wird auch in der Saison 2022/23 zum Kern der stärksten Mannschaften Europas gehören. Folglich wird auch die Spanische Meisterschaft nur über die Königlichen entschieden.

Katalanen im Kaufrausch: Das neue Barça

Für eingeschweißte Barça-Fans waren die letzten zwölf Monate ein Wechselbad der Gefühle. Dem Abgang der Vereinsikone, Lionel Messi (35), folgte eine sportliche Talfahrt. Der Klub: Ein Trümmerhaufen – auf wie neben dem Platz. Erst mit dem Amtsantritt von Xavi (42) ging es sportlich wieder bergauf.

Die Vereinslegende schaffte es, der Mannschaft ihre verlorengegangene DNA zurückzugeben, brachte die Maschine auf eine beeindruckende Art und Weise wieder zum Laufen. Dem 42-Jährigen gelang es nicht nur, binnen kürzester Zeit mannschaftstaktische Prinzipien zu etablieren, sondern machte auch die Spieler besser. Ousmane Dembélé (25) etwa lieferte in der Rückrunde konstant das ab, wofür man ihn ursprünglich nach Barcelona geholt hatte, die Konsequenz daraus war die Vertragsverlängerung im Juli.

Und Barça bediente sich kräftig auf dem Transfermarkt. Mit Robert Lewandowski (33), Raphinha (25), Franck Kessié (25), Andreas Christensen (26) und Jules Koundé (23) haben die Verantwortlichen mindestens fünf Top-Neuzugänge an Land gezogen – mindestens deshalb, weil weitere Transfers keinesfalls ausgeschlossen sind. Im Gegenteil: Mit Bernardo Silva (29) und Marcos Alonso (31) soll man aktuell an zwei weiteren Spielern dran sein.

Wie plant Xavi mit seinen Neuen?

Der wichtigste Neuzugang ist mit Sicherheit Lewandowski. Der Stürmer hat bereits in den ersten Testspielen bewiesen, dass er auch für nicht-deutsche Topklubs verlässlich Tore erzielen kann. Dass er die Offensive der Katalanen auf ein neues Level hieven wird, ist im Grunde selbsterklärend.

Mit Koundé und Christensen hat Barça zwei starke Innenverteidiger dazugewonnen, die ihr Können bereits konstant auf internationalem Toplevel nachgewiesen haben. Zusammen mit Ronald Araújo (23), Eric Garcia (21) und Gerard Piqué (35) hat Xavi nun jede Menge Optionen in der Vierkette. Offen ist, welches Pärchen sich in der Innenverteidigung durchsetzt. Gerade in diesem Mannschaftsteil ist es von Vorteil, eins, zwei Konstanten zu haben. In der Hinsicht hatte Barça in der jüngeren Vergangenheit noch mit zu vielen Unwägbarkeiten zu kämpfen.

(Photo by Pau BARRENA / AFP) (Photo by PAU BARRENA/AFP via Getty Images)

Auch für Kessié und Raphinha gilt: Das Potenzial, die Mannschaft zu verbessern, ist vorhanden. Fraglich ist aber, wie genau Xavi mit ihnen plant und wie sie ins ohnehin etwas fragile Konstrukt „Blaugrana“ eingebunden werden sollen. Durch den immer noch andauernden Umbruch und ständige Fluktuation im Kader fehlt der Mannschaft eine klare Achse. Im Grunde sind Sergio Busquets (34) und Jordi Alba (33) die einzigen erfahrenen Spieler im Team, die gesetzt sind und konstante Leistungen bringen. Piqué war zuletzt öfter verletzt, könnte für die Neuzugänge weichen, und auch Marc-André ter Stegen (30) war in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr der sichere Rückhalt, der er einst war. Spieler wie Pedri (19) und Gavi (18) überzeugen durch starke Leistungen, sind aber noch zu jung, um in Führungsrollen hineinzuschlüpfen, derweil bei Frenkie de Jong (25) unklar ist, ob er überhaupt im Verein bleibt.

Rein nominell verfügt Barça über einen sehr starken Kader, der prinzipiell um alle Titel mitspielen kann. Allerdings ist Geduld gefragt. Es wird mit Sicherheit eine gewisse Zeit brauchen, bis sich die Neuzugänge integrieren und sich eine klare Elf herauskristallisiert, darüberhinaus eine neue Hierarchie bildet. Diesen Prozess zu moderieren, wird keine leichte Aufgabe, ist Xavi aber in jedem Fall zuzutrauen.

Atlético: (K)ein ernstzunehmender Titelkandidat in La Liga?

Real, Barça – und sonst? Die dritte Kraft in Spanien ist traditionell Atlético, die eine ungewöhnliche Saison hinter sich haben. Ausgerechnet die seit Jahren erprobte Stärke der „Colchoneros“ wurde zum eigenen Verhängnis: die Defensive. Biss sich sonst jeder Gegner die Zähne an den tief stehenden Ketten und der körperbetonten Herangehensweise Atletis aus, hatte man in der vergangenen Spielzeit teils große Probleme bei der Arbeit gegen den Ball. Die Maschinerie schien nicht mehr so zu funktionieren wie Diego Simeone (52) es wollte, dazu schlichen sich immer wieder individuelle Aussetzer in der Hintermannschaft ein. Das Endresultat waren 43 Gegentore – so viele wie seit dem Amtsantritt Simeones in der Saison 2011/12 nicht. Immerhin: Für Platz drei und das erneute Erreichen des Minimalziels, der Qualifikation für die Champions League, reichte es am Ende. Zufriedenstellend war die Saison dennoch nicht – insbesondere nicht für Simeone selbst, der die Defensive als das Urheiligtum des Fußballsports preist.

(Photo by CRISTINA QUICLER/AFP via Getty Images)

In der Sommervorbereitung hatte der Argentinier die Chance, inhaltliche Dinge zu korrigieren und den Kader an der ein oder anderen Stelle zu verbessern. So wurde mit Nahuel Molina (24) ein Rechtsverteidiger geholt, der eine starke Saison bei Udinese Calcio hinter sich hat, mit sieben Saisontoren in der Serie A vor allem offensive Qualitäten mitbringt. Mit der Rückkehr von Álvaro Morata (29), der den Abgang von Luis Suárez (35) kompensieren soll, bietet sich Simeone außerdem eine neue Option im Angriff, der mit João Felix (22), Antoine Griezmann (31) und Ángel Correa (27) in der Spitze wie in der Breite gut besetzt ist. Schwerwiegende Abgänge musste Atleti keine verkraften, der Kader bleibt also im Großen und Ganzen zusammen. Für Simeone kann das nur von Vorteil sein.

Atletico verfügt über einiges an Qualität im Kader, ist in allen Mannschaftsteilen solide aufgestellt. Zieht man einen Vergleich zu den „Big Playern“, ist aber doch ein Qualitätsgefälle erkennbar, zumal sowohl Real als auch Barça einige sportliche Fragezeichen der letzten Jahre beseitigen konnten. Für die Champions League wird es auch diesmal reichen, um Meister zu werden, müsste aber schon ungewöhnlich viel zugunsten der „Rojiblancos“ laufen.

Sevilla und die neue Baustelle Abwehr

Ähnliches gilt für den FC Sevilla, wobei die Andalusier im Gegensatz zu Atlético zwei Stammkräfte abgeben mussten. Noch dazu handelt es sich um die Innenverteidigung, das Prunkstück der vergangenen Jahre. Koundé zog es zum FC Barcelona, Diego Carlos (29) in die Premier League zu Aston Villa. Neu in der Mannschaft ist dafür Marcão (26), der für zwölf Millionen Euro von Galatasaray losgeeist wurde und von dem man sich einiges erhofft. Ein weiterer Neuzugang wird noch erwartet, denn momentan hat man neben dem Brasilianer nur noch Karim Rekik (27) für die Innenverteidigung.

Trainer Julen Lopetegui (55) steht damit vor einer großen Herausforderung. Selbst wenn sich ein neues Innenverteidiger-Pärchen findet, wird es eine gewisse Zeit brauchen, bis die mannschaftstaktischen Mechanismen ganzheitlich stimmig sind. Die sind im Verbund mit einer hohen Laufarbeit gegen den Ball nämlich durchaus anspruchsvoll unter Lopetegui. Immerhin: Der Rest der Mannschaft bleibt weitestgehend zusammen, weitere schmerzhafte Abgänge mussten die Sevillistas bislang keine verkraften. Linksverteidiger Alex Telles (29) kommt auf Leihbasis von Manchester United, soll Marcos Acuña (30) entlasten.

Im Mittelfeld bleibt der Kern der Mannschaft um Joan Jordán (28) und Ivan Rakitić (34) zusammen, auf den Flügelpositionen erweitert Neuzugang Isco (30) die bestehenden Optionen um Lucas Ocampos (28), Jesús Corona (29) und Erik Lamela (30), der in der Rückrunde einer der wichtigsten Spieler war. Was den Andalusiern fehlt, ist ein echter Knipser. Bester Torschütze in der vergangenen Saison war Rafa Mir (25) mit zehn Treffern. Bei Youssef En-Nesyri (25) besteht immerhin die Hoffnung, dass er verletzungsfrei bleibt und an vorletzte Saison anknüpft, wo er 18-mal traf.

Insgesamt liest sich der Kader des FC Sevilla auch dieses Jahr nicht schlecht. Ganz ohne Fragezeichen geht es aber nicht in die Spielzeit, gerade hinsichtlich der Verteidigung. Ein Platz in den Top vier ist wieder im Bereich des Möglichkeiten, eine ernsthafte Teilhabe am Meisterschaftskampf dagegen utopisch.

Photo by Getty Images Michael Bojkov

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