La Liga | „Ich tue mich schwer, an einen anderen Meister als Barça zu glauben“ – Das Experten-Panel zur Saison 2022/23 | OneFootball

La Liga | „Ich tue mich schwer, an einen anderen Meister als Barça zu glauben“ – Das Experten-Panel zur Saison 2022/23

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Spotlight | Endlich ist es soweit, heute Abend rollt der Ball in La Liga wieder! Wie stark ist das neue Barça?Welchen Star-Neuzugang gilt es besonders im Auge zu behalten? Und: Welche Mannschaft könnte alle überraschen? Über diese und weitere Themen haben wir mit Experten gesprochen.

Vor Saisonstart haben wir uns mit Greg Gillard (laligaexpert.com) und Fabian Pakulat (Costa del Sol Online) unterhalten. Für 90PLUS antwortete Christoph Albers.

„Auf dem Papier hat Barça einen stärkeren Kader“ – Enges Titelrennen in La Liga?

Vergangene Saison zog Real Madrid recht einsame Kreise an der Tabellenspitze, wurde am Ende souverän Meister. Barça fand unter Xavi aber zurück zu alter Stärke, hat im Sommer eine Transferoffensive gestartet und die Mannschaft auf einigen Positionen verbessert. Wie stark ist das neue Barça im Vergleich zu Real?

Greg Gillard (GG): Auf dem Papier hat Barça einen stärkeren Kader, mit all den Neuzugängen, die Präsident Laporta geholt hat. Die Mannschaft von Xavi wird in dieser Saison um alles kämpfen können, und man sollte sich nicht wundern, wenn sie am Ende der Saison in der Champions League und in La Liga ganz vorne sind. Dass so viele Spieler zu Barça wollen, zeigt, welche Anziehungskraft Xavi hat – wobei mit Marcos Alonso und Bernardo Silva noch zwei weitere Neuverpflichtungen anstehen. Wenn Xavi es richtig macht, könnte dieses Team unaufhaltsam sein.

Fabian Pakulat (FP): Der Vorteil von Real Madrid ist meiner Meinung nach, dass sie ein eingespieltes Team sind, das kaum Veränderungen im Kader erlebt hat. Das bewährte Mittelfeld-Trio Kroos-Modric-Casemiro hat mit Valverde- Camavinga-Tchouameni jetzt schon Nachfolger im Weltklasse-Format. Aber ja, Barça hat rein von der spielerischen Qualität her die Möglichkeit, diese Saison wieder um die Meisterschaft mitzuspielen. Obwohl wir noch abwarten müssen, wie der Kader dann am 1. September tatsächlich aussieht.

Christoph Albers (CA): Die Neuzugänge werden Barcelona mit Sicherheit guttun. Insbesondere von Koundé verspreche ich mir sehr viel, weil er stilistisch ein extrem guter Fit ist und die Liga auch schon bestens kennt. Alles in allem erwarte ich auf jeden Fall ein deutlich gestärktes Barça, das sich auf Augenhöhe mit Real Madrid bewegen wird, das seinerseits weitere gute Schritte im laufenden Umbruch vollzieht. Neben den Verpflichtungen von Tchouameni und Rüdiger, die dem Kader die dringend benötigte Tiefe auf zwei absoluten Schlüsselpositionen geben, sind aus meiner Sicht aber vor allem die Abgänge bemerkenswert. Mit Marcelo, Isco und Bale haben drei durchaus prägende Figuren der letzten Jahre den Klub verlassen, was wiederum den Jüngeren mehr Raum gibt. Gerade von Spielern wie Camavinga oder Rodrygo darf man daher sicherlich den nächsten Schritt erwarten.

Athletic Club in die Top vier? Ein erster Hot Take

Am Ende der vergangenen drei Spielzeiten standen mit Real, Barça, Atlético und dem FC Sevilla stets die gleichen Mannschaften auf den Plätzen eins bis vier. Nun muss Sevilla mit den Abgängen von Diego Carlos und Jules Koundé einen herben Qualitätsverlust in der Abwehr hinnehmen, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben. Im Hinblick auf die Verfolger um Villarreal, Real Sociedad und Betis: Wie stehen die Chancen, dass 2022/23 ein anderes Team in die Top vier vorstößt?

GG: In dieser Saison dürfte das Rennen um die ersten vier Plätze sehr spannend werden. Wie immer werden Barcelona, Atlético und Real Madrid höchstwahrscheinlich unter den ersten drei Mannschaften landen, da ihre Kader viel größer und qualitativ besser besetzt sind als die der anderen Teams in La Liga. Wenn es eine Mannschaft gibt, die es neben den drei „Großen“ in die Top vier schaffen könnte, dann ist es der Athletic Club mit seinem neuen Trainer Valverde. In Valverdes letzter Amtszeit (2013-2017, Anm. d. Red.) hatte die Mannschaft einen großartigen Lauf.

(Photo by CRISTINA QUICLER / AFP) (Photo by CRISTINA QUICLER/AFP via Getty Images)

FP: Betis hat unter Manuel Pellegrini vor allem in der letzten Spielzeit einen großen Schritt nach vorne gemacht. Das Fanpotential der Grün-Weißen ist einzigartig und von daher traue ich Betis von den drei genannten noch am meisten zu, vielleicht in die Top vier zu rutschen. Bei Villarreal oder Real Sociedad sehe ich den Abstand etwas größer, aber auch hier könnte bis zum Ende des Sommer-Transfermarktes noch einiges passieren (Stürmer Sadiq zu Villarreal?).

CA: Mit Marcao hat Sevilla zwar bereits einen sehr interessanten Innenverteidiger als Nachfolger für Carlos verpflichtet, doch für Koundé fehlt es bislang an Ersatz und mit Rekik steht derzeit auch nur ein weiterer Innenverteidiger zur Verfügung. Hier wird sicherlich noch etwas passieren, weshalb es schwierig ist, jetzt schon ein abschließendes Urteil zu fällen. Nichtsdestotrotz erwarte ich den FC Sevilla auch in dieser Saison wieder als Favoriten auf Platz vier. Einerseits, weil ich davon ausgehe, dass Monchi die richtigen Transfers tätigen wird, und andererseits, weil Trainer Lopetegui es bestens versteht, einer Mannschaft Stabilität zu verleihen. Real Sociedad hat sich ebenfalls gut verstärkt, doch der Ausfall von Oyarzabal wiegt aus meiner Sicht sehr schwer, zumal auch David Silva nur noch sehr dosiert zum Einsatz kommen kann. Bei Real Betis fehlt es mir unterdessen ein wenig an frischem Blut. Die Mannschaft verfügt zwar über viel Qualität, doch zu viele Leistungsträger haben ihren Zenit bereits hinter sich, weshalb ich mir hier eine umfangreichere Auffrischung erhofft hätte. Beim FC Villarreal hängt vieles davon ab, wie stark man sich auf die Liga fokussiert. In den vergangenen Jahren lag der Fokus irgendwann zu stark auf dem internationalen Wettbewerb, um in der Liga erfolgreich zu sein.

Lewandowski, Rüdiger, Tchouameni und Co.: Was ist von den Neuzugängen zu erwarten?

Mit Lewandowski und Benzema spielen die beiden momentan besten Stürmer des Planeten in La Liga. Wer wird einen größeren Impact auf die Leistung seiner Mannschaft haben? Und damit einhergehend: Wer wird Torschützenkönig?

GG: Benzema hatte eine großartige Saison, in der er Torschützenkönig wurde, und es sieht stark danach aus, dass er seinen ersten Ballon d’Or gewinnen wird. Wenn man sich Real Madrid in dieser Saison anschaut, hat sich nicht wirklich viel verändert und Benzema wird zweifellos erneut einen großen Einfluss auf die Leistung der Mannschaft haben. Barcelona hingegen hat mit Lewandowski eine echte Tormaschine. Die Mannschaft wird nicht so sehr von ihm abhängig sein wie Real von Benzema, aber wenn Lewandowski seine Sache gut macht, wird es schwer, seine Trefferquote zu überbieten – auch für Benzema.

FP: Puh, schwierige Frage. Benzema hat natürlich den Vorteil, dass er La Liga schon mehrmals „durchgespielt“ hat. Aber bei Lewandowski können wir davon ausgehen, dass er kaum Anlaufzeit braucht. Ich könnte mir ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden daher durchaus vorstellen.

CA: Was den Impact anbelangt, bin ich mir sehr sicher, dass Benzema für Real Madrid wichtiger sein wird als Lewandowski für den FC Barcelona. Als Kapitän, Torjäger und Spielmacher in Personalunion ist er DER Mann bei Real, während sich Lewandowski bei Barça als Neuzugang sicherlich erstmal akklimatisieren muss. Der Pole bringt natürlich auch eine enorme Qualität mit und wird mit Sicherheit auch viele Tore erzielen, doch in Summe sehe ich bei Benzema die größere Gewissheit. Ich sehe ihn da ziemlich klar als Favoriten.

(Photo by FREDERIC J. BROWN/AFP via Getty Images)

Neben Lewandowski wird La Liga um spannende Spieler wie Raphinha, Kessie und Tchouameni bereichert, mit Rüdiger kommt einer der besten Innenverteidiger der vergangenen Saison. Welchen Neuzugang gilt es besonders im Auge zu behalten?

GG: Das Sprichwort sagt: Was nicht kaputt ist, soll man nicht reparieren. Real Madrid hat das Double gewonnen und dementsprechend in diesem Sommer nicht so viele Neuverpflichtungen getätigt, wie sie es normalerweise tun. Aber sie haben Rüdiger verpflichtet, der in der letzten Saison wohl der beste Spieler von Chelsea war. Der Deutsche ist groß und stark, sehr schnell und kann sich sehr gut bewegen. Auf ihn wird man in dieser Saison besonders achten müssen. La Liga ist anders als die Premier League, und da Rüdiger sehr physisch ist, wird er sich an das Tempo des Spiels und auch an die Schiedsrichter anpassen müssen, die schneller auf Fouls entscheiden als in der Premier League.

FP: Auf Tchouameni bin ich gespannt, weil ich ihn persönlich noch fast gar nicht spielen hab sehen. In Reals Mittelfeld traue ich auch Camavinga und Valverde eine größere Rolle zu. Raphinha hat in der Vorbereitung aufblitzen lassen, dass er bei Barça zusammen mit Dembélé und Lewandowski einen neuen, brandgefährlichen „Dreizack“ bilden könnte.

CA: Rüdiger ist mit Sicherheit ein absoluter Top-Neuzugang. Mit seiner enormen Physis, der Fähigkeit, bedingungslos nach vorne zu verteidigen und der Tendenz dazu, im Spielaufbau konsequent die Halbräume anzugreifen, bringt er alles mit, was man sich von einem modernen Innenverteidiger erhoffen kann. Von daher ist er auf jeden Fall ein Spieler, auf den ich mich sehr freue. Ansonsten freue ich mich vor allem auf die vielversprechenden Talente: Ich hoffe, dass Pablo Torre beim FC Barcelona seine Minuten bekommen wird, Celta Vigo hat mit Williot Swedberg einen extrem spannenden Spieler verpflichtet und auch Almerias neuer Innenverteidiger Kaiky kommt mit großen Vorschusslorbeeren. Darüber hinaus werde ich auch immer ein Auge auf Taty Castellanos vom FC Girona haben. Der amtierende Toschützenkönig der MLS könnte eine sehr positive Erscheinung werden.

Starke Aufsteiger, Abstiegskandidaten und Hot Takes: Die letzten Prognosen zur neuen Saison

Jede Endtabelle bringt die ein oder andere Überraschung mit sich. Gibt es eine Mannschaft, die im Mai da stehen wird, wo sie die wenigsten erwartet hätten?

GG: Girona hatte ein großartiges La-Liga-Debüt in der Saison 2017/18, schloss auf Platz zehn ab. Nach dem dritten Anlauf in den Play-offs sind sie nun wieder in der Beletage und wollen ein Zeichen setzen. Die City Group als Eigentümer greift ihnen dabei finanziell unter die Arme, und mit einigen Neuverpflichtungen, die noch ausstehen, hoffen sie auf einen Platz unter den ersten zehn. Neben Girona hat auch der katalanische Rivale Espanyol seinen Kader kräftig umgekrempelt und mit Diego Martinez einen neuen Trainer an Bord geholt. Er bringt einen Fußball mit, der in Spanien bewundert wird, und könnte Espanyol in dieser Saison zu einer Überraschungsmannschaft machen.

(Photo by Eric Alonso/Getty Images)

FP: Unter den Top drei werden wie jedes Jahr Real Madrid, der FC Barcelona und Atlético Madrid stehen, da lehne ich mich glaube ich nicht wirklich weit aus dem Fenster. Gespannt bin ich zum einen auf den Aufsteiger UD Almería, der von Saudi-Scheich Turki Al-Sheikh geführt und finanziert wird. Die machen dort gute Arbeit und werden auf dem Transfermarkt noch ordentlich nachlegen. Bei Betis bin ich gespannt, ob sie die nächste Qualitätsstufe nehmen können. Valencia mit Trainer Gattuso ist auch eine interessante Geschichte, bei der wir uns jetzt schon auf viele Schlagzeilen freuen können.

CA: Wie im Grunde jedes Jahr, traue ich Celta Vigo eine ganze Menge zu. Unter Coach Eduardo Coudet hat sich Celta zuletzt deutlich stabilisiert, hat zudem das Potenzial, um für einige Überraschungen zu sorgen. Mit Unai Núñez, Oscar Mingueza, Óscar Rodríguez, Carles Pérez und Svedberg hat man sehr gute Neuzugänge präsentiert, die allesamt über sehr viel spielerische Qualität verfügen und somit sehr gut zum Kader Celtas passen. Der Abgang von Brais Mendéz ist zwar etwas ärgerlich, mit Fran Beltrán, Denis Suárez und den erwähnten Neuzugängen ist aber dennoch ausreichend viel kreatives Potenzial vorhanden. Über allem thront natürlich weiterhin Celtas personifizierte Lebensversicherung: Iago Aspas. Von daher, positive Überraschung Celta Vigo.

Was negative Überraschungen angeht, habe ich den FC Valencia ganz oben auf der Liste. Von Trainer Gattuso bin ich bisher nicht überzeugt, die Vereinsführung gibt seit Jahren ein verheerendes Bild ab und der Kader wurde in der bisherigen Transferperiode in erster Linie geschwächt. Ich sehe da wenig, was einem Mut machen könnte.

Eine kleine Prognose-Runde zum Schluss: Wer wird Meister, welche Teams steigen ab? Dazu ein Hot Take für die Saison 2022/23.

GG: Ich tue mich schwer, an einen anderen Meister als Barça zu glauben. Der Kader ist in der Tiefe sehr stark, Xavi hat sein Team letztes Jahr großartigen Fußball spielen lassen und jetzt, wo er seine Spieler hat, geht es nur noch aufwärts. Real und Atletico werden nicht aufgeben und kämpfen, aber Barça dürfte zu stark sein. Die drei Mannschaften, die meiner Meinung nach absteigen werden, sind Mallorca, Almeria und Cádiz. Mein Hot Take für die Saison 2022/2023 dreht sich um Barças Offensive. Raphina und Dembélé werden den Gegnern viele Probleme bereiten, und wenn man weiß, dass Lewandowski nur darauf wartet, zuzuschlagen, wird es beängstigend. Und ich habe Ansu Fati und Ferran Torres noch gar nicht erwähnt, die ebenfalls eine Schlüsselrolle spielen werden.

FP: Meister wird Real oder Barça, mit Vorteilen Stand heute für die Königlichen, da sie einfach eingespielter und klarer strukturiert sind. Die Katalanen sind noch eine Wundertüte, bei der man nicht genau weiß, was im Endeffekt herauskommt, die aber unglaubliches Potential hat. Die Aufsteiger Girona und Valladolid werden es schwer haben, Mallorca, Elche und eventuell auch Getafe und Osasuna könnten unten reinrutschen, Rayo Vallecano muss auch aufpassen dieses Jahr. Beim Hot Take wird es schon schwieriger. Schafft Gattuso es, bei Valencia etwas zu formen? Kann Betis nochmal zulegen? Und wie sehr wird sich Almería noch auf dem Transfermarkt verstärken? Ab diesem Wochenende werden wir schon einmal einen ersten Eindruck bekommen. Ich freue mich auf jeden Fall auf die neue Spielzeit in La Liga.

CA: Um es kurz zu halten: Der FC Barcelona wird Meister. Cádiz, Valladolid und Elche steigen ab. Hot Take: Ancelotti geht in seine letzte Saison als Trainer von Real Madrid.

Fragen von Michael Bojkov

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