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Louis Richter

Kommentar zum DFB-Neustart: Was man erwarten darf - und was nicht


Es geht also wieder los: Die WM ist ausanalysiert, Jogi Löw hat auf ein knapp zweimonatiges Schweigen eine zweistündige Pressekonferenz und einen minimal veränderten Kader folgen lassen. Wie viel „neu“ steckt in diesem DFB-Neustart?

Es wäre unfair, diese Frage bereits nach den beiden bevorstehenden Länderspielen gegen Frankreich und Peru vollends beantworten zu wollen. Zu klein wäre die sample size, 180 Minuten sind schlichtweg zu wenig, um eine zeitlose Blamage korrigieren zu können. Auch Löw ist „nicht so naiv, zu denken, dass nach zwei Spielen alles wieder gut ist“, wie er auf der Pressekonferenz am Mittwoch erklärte.

Dennoch: Man darf, nein, man muss eine Reaktion der Mannschaft erwarten, die sich in Russland mit zeitweise lustlos anmutendem Spiel ins Vorrunden-Aus passte. Klar scheint aber schon jetzt zu sein, dass diese Reaktion nicht die erhofften, bahnbrechenden Veränderungen mit sich bringen wird. Darauf ließ bereits die erste Post-WM-Kadernominierung deuten, die nur drei mögliche Debütanten mit sich brachte.

Spätestens die Pressekonferenz vom Mittwochmittag, in der Löw ausführlich über das „neue“ Spiel der deutschen Nationalmannschaft sprach, macht deutlich: Es wird an Stellschrauben gedreht, nicht aber das gesamte technische Innenleben des zuletzt so stotternden DFB-Motors ausgetauscht.

Revolutionär? Ist das nicht.

Löws Vorstellungen für den zukünftigen Spielstil seiner Mannschaft lesen sich, vom Bundestrainer selbst zusammengefasst, wie folgt: „Wir wollen die Offensivkraft nicht verlieren, aber wir müssen unsere Defensive stabilisieren.“ Mhh. Exakt diese Forderung stellte die ganze Fußball-Nation bereits nach dem Harakiri-Auftritt gegen Mexiko an das Nationalteam.

Es gehe Löw außerdem darum, wieder mehr Balance ins deutsche Spiel zu bringen. Ähnlich wie bei der WM 2014. Und gegen große Gegner wie Frankreich wolle man sich besser „anpassen“, mehr auf das Spiel des Gegners reagieren. Revolutionär? Ist das nicht. Und im Hinblick auf die zehn Minuten zuvor getätigten Aussagen, dass man hart mit sich ins Gericht gegangen sei, um Lösungen zu präsentieren, auch irgendwie enttäuschend.

Löw bezeichnete es sogar als „kompletten Blödsinn“, taktisch nun alles umzustellen und der Mannschaft ein ganz neues fußballerisches Gesicht zu verpassen. Zu lange habe man mit der eigenen Philosophie ja Erfolg gehabt und „die Fans begeistert“. Das stimmt. Es weckt zeitgleich aber auch den Eindruck, dass man sich beim DFB darauf verlässt, den Weg zu in der Vergangenheit errungenen Erfolgen nur modifizieren zu müssen, um zukünftig wieder welche zu feiern. Einen ganz neuen Pfad austrampeln? Das ist nicht der Plan.

„So etwas“ wie ein Neustart

Drum passt es ins Bild, dass Löw zu Beginn der Pressekonferenz sagte: „Wir stehen vor so etwas wie einem Neustart.“ Irgendwie möchte keiner beim DFB die Zeit nach der missratenen WM als das ausrufen, was so viele Fans sich wünschen: Eine Zeitenwende, einen fußballerischen Kulturwandel.

Natürlich hat Löw Recht, wenn er sagt, dass das Spiel des DFB jahrelang für Erfolg stand. Natürlich können kleine Details einen großen Unterschied ausmachen. Dennoch mutet der erwartete Neubeginn doch arg konservativ und kaum progressiv an. Dadurch, dass Löw tief stapelt, pokert er extrem hoch.