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·7. Dezember 2023

Kommentar: Nia Künzer neue Sportdirektorin der DFB-Frauen - eine mutige Wahl

Artikelbild:Kommentar: Nia Künzer neue Sportdirektorin der DFB-Frauen - eine mutige Wahl

Nia Künzer wurde offiziell als neue Sportdirektorin der DFB-Frauen vorgestellt, nachdem die Bild bereits über die Einigung berichtet hatte. Die 43-Jährige ist eine mutige Wahl - denn als TV-Expertin hat sie mit Kritik nicht gespart, auch am DFB nicht.

Das ist Nia Künzer

Nia Künzer machte sich zunächst als aktive Spielerin einen Namen: Zwischen 1999 und 2008 spielte sie beim 1.FFC Frankfurt und räumte dort einen Meistertitel und Pokalsieg nach dem anderen ab. Auch international war sie mit dem 1.FFC erfolgreich und konnte dreimal den UEFA-Cup, den Vorgänger der Champions League, stemmen.


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Den größten Moment in ihrer Karriere feierte sie aber im DFB-Trikot: 2003 erzielte sie im WM-Finale gegen Schweden das Golden Goal und schoss Deutschland so zum Titel. Künzers Treffer wurde sogar zum Tor des Monats gewählt - dabei war Künzer beim Rest ihrer Karriere vor allem als Abwehr- und Mittelfeldspezialistin bekannt.

2008 beendete Künzer ihre Karriere, wie so viele andere auch wegen ihrer vielen Verletzungen. Vier Kreuzbandrisse hatte sie insgesamt im Laufe der Jahre. Danach war Künzer viele Jahre als TV-Expertin bei der ARD tätig und begleitete in der Funktion viele Turniere. Dieses Jahr schrieb sie zusammen mit Kommentator Bernd Schmelzer auch das Buch "Warum Frauen den besseren Fußball spielen". Nach der WM beendete sie ihre Tätigkeit als Expertin, arbeitet sonst in der Verwaltung von Gießen.

Kritik als TV-Expertin

Schon als TV-Expertin hatte Künzer eine besondere Rolle. Als sie 2006 bei der ARD anfing, war sie noch die einzige Fußball-Expertin im deutschen Fernsehen und ebnete damit den Weg für viele Frauen im Fußball-TV nach ihr. Künzer war aber im Fernsehen mehr als nur ein wichtiges Vorbild - vor allem fiel sie immer wieder mit klarer Kritik auf.

Künzer zeigte klare Analysen für das, was auf dem Spielfeld vorging, aber auch daneben. Nach der WM war sie etwa eine der Ersten, die den DFB kritisierte. Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen Bernd Neuendorf, der sich früh für einen Verbleib der Bundestrainerin ausgesprochen hatte und nicht alles infrage stellen wollte: "Für mich war das widersprüchlich. Es gab eigentlich keine Notwendigkeit, so schnell schon Fakten zu schaffen."

Auch bei der vieldiskutierten Taskforce des DFB nach der vergurkten WM 2022 fand Künzer klare Worte. "Ich weiß nicht, ob diese Task Force vielfältige Perspektiven so zusammenbringt. Vor diesem Hintergrund hätte man sie mit ein bisschen Fingerspitzengefühl auch anders zusammensetzen können. Im ersten Moment wirkt die Besetzung etwas irritierend, auch aktionistisch. Ich denke, dass es durchaus Expertinnen gibt, die da gut reingepasst hätten", sagte sie in einem Interview.

Dass der DFB mit Künzer jemanden anstellt, der sich vor Kritik nicht scheut, ist durchaus unerwartet, und ein gutes Zeichen. Genau die Schonungslosigkeit, die Künzer als TV-Expertin gezeigt hat, wird es auch in der internen Aufarbeitung brauchen. Beim DFB sind schon einige vorherige Systemkritiker plötzlich stumm geworden - Fritz Keller etwa erging es als Präsident nicht gut. Für den DFB ist es zu hoffen, dass sich Künzer ihre kritische Perspektive bewahren kann, denn die wird dringend benötigt.

Zu wenig Erfahrung in der Verbandsarbeit?

Auffällig ist, dass Künzer bisher noch keine Erfahrung in der Arbeit in Verbänden oder Klubs mitbringt, anders als einige andere Namen, die öffentlich gehandelt wurden, wie Bianca Rech oder Ralf Kellermann. Der Schritt in den DFB wird sicherlich eine Herausforderung. Dass der Verband zum Haifischbecken geraten kann, können viele bezeugen.

Die Ernennung von Künzer zeugt aber zumindest von einer gewissen Bereitschaft, sich neuen Perspektiven zu öffnen. Sicher wird Künzer in ihrem Amt nicht nur offene Türen einrennen, sondern auch auf Widerstand stoßen. Damit kennt sie sich als erste weibliche Fußballexpertin im Fernsehen aber schon aus - Künzer hat also schon einmal bewiesen, dass sie sich in einem nicht immer freundlichen Umfeld mit viel Druck durchsetzen kann.

Das nötige Know-How bringt sie sicherlich mit. Für das Gelingen ihrer Aufgaben kommt es maßgeblich auch auf den DFB an: Künzer darf nicht als bloßes Zeichen der Ambition für den Frauenfußball ernannt worden sein, ihre Stimme muss beim DFB ein wirkliches Gewicht haben.

Beim DFB erwarten Künzer große Herausforderungen

Dass der Posten nun besetzt ist, und dazu mit jemandem, der den DFB gut kennt und die Entwicklung des Frauenfußballs seit vielen Jahren begleitet, ist wichtig. Jetzt gibt es keine Zeit mehr zu verlieren, denn auf Künzer warten einige große Herausforderungen.

Die Spitze des Eisbergs bildet natürlich die Suche nach einer neuen Bundestrainerin oder einem Bundestrainer. Eine bessere Interimslösung als Horst Hrubesch gibt es zwar kaum, aber im Blick auf die wichtigen Nations-League-Spiele braucht es so früh wie möglich Klarheit. Bis zur EM 2025 in der Schweiz muss sich einiges verändert haben.

Aber schön wäre es, wenn nur das schlechte Abschneiden bei der WM das Problem wäre. Unter der Oberfläche gibt es noch deutlich mehr zu tun - auch wenn das Nationalteam zunächst Priorität haben dürfte, denn die EM im letzten Sommer hat gezeigt, wie viel die Erfolge der DFB-Frauen auch für die gesamte Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland auslösen können.

Ein erster Punkt ist natürlich die Frauen-Bundesliga, die ja anders als die Beletage der Männer unter dem Dach des DFB organisiert wird. Seit Künzer aktive Spielerin war, hat sich einiges verändert, aber in puncto Professionalisierung ist immer noch viel Luft nach oben. Auch bei der Sichtbarkeit und beim Marketing könnte sich der DFB noch eniges bei anderen Ligen abschauen. Zum Beispiel hat die Frauen-Bundesliga immer noch keinen eigenen Account auf X oder sonstigen sozialen Netzwerken.

Und noch eine Etage tiefer sitzen die Probleme, für die es langfristige Lösungen braucht: Der Schwund von Mädchenteams seit der WM 2011 beschäftigt den DFB schon lange, aber aufhalten konnte der Verband diesen Trend nicht. Dabei müssen auch grundlegende Fragen gestellt werden - wie etwa, ob Mädchen so lange wie möglich bei den Jungen mitspielen sollen oder lieber eigene Teams gefördert werden.

Als DFB-Sportdirektorin wird Nia Künzer also den Blick für das Ganze brauchen - vor ihr liegen Herausforderungen, die sich so schnell nicht lösen lassen. Ihre kritische Perspektive ist dabei gefragt, um an einigen Selbstverständlichkeiten zu rütteln. Wenn es Künzer gelingt, diesen Blick beizubehalten und auch der DFB die Offenheit behält, die er mit dieser Wahl gezeigt hat - dann gibt es einiges an Potenzial.

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