Kommentar: Bayerns größtes Problem steht derzeit neben dem Platz

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Helge Wohltmann

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Statt sich gemeinsam gegen die spielerische Krise zu stemmen, rücken die Bayern immer mehr voneinander ab. Die Stimmung ist angespannt und droht zu eskalieren. Schuld daran sind nicht die Spieler –  sondern die Entscheider.

Das einzige, was aktuell beim deutschen Rekordmeister einigermaßen zu stimmen scheint, sind die Ergebnisse. In der Champions League stehen nach drei Spieltagen neun Punkte zu Buche, im Pokal wurde die nächste Runde erreicht und in der Bundesliga befinden sie sich immerhin noch in unmittelbarer Schlagdistanz zu Tabellenführer Borussia Mönchengladbach. Spielerisch und taktisch wurde inzwischen allerdings alles wieder eingerissen, was unter Louis van Gaal, Jupp Heynckes und Pep Guardiola aufgebaut worden war.

Von der Dominanz vergangener Jahre ist auf dem Platz mittlerweile nichts mehr zu sehen. Spiele wie Union Berlin und den VfL Bochum (Gegner, die unter Guardiola mit der B-Mannschaft auseinandergenommen worden wären) werden unter Niko Kovač über die Zeit gerettet oder in den letzten Minuten umgebogen. Taktisch bietet der Trainer aktuell Hausmannskost, nachdem die Bayern zuvor jahrelang Gourmetküche gewohnt waren.

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Aus dem Konzert der ganz Großen hat man sich in Europa längst verabschiedet. Das hat das Ausscheiden aus der Königsklasse gegen Liverpool in der vergangenen Saison eindrucksvoll belegt.

Dazu zeigen die öffentlichen Auftritte, dass es im ganzen Klub brodelt. Statt den Trainer zu stützen, flüchtete sich Hasan Salihamidžić nach dem knappen Weiterkommen im Pokal in Galgenhumor: „Es war ein top Abend! Top“, sagte der Sportdirektor ins Mikrofon von ‚Sport1‘. „Ohne Ironie geht es nicht heute Abend. Das kann man nicht analysieren.“ Er wolle dieses Spiel einfach nur abhaken und schnell zurück nach München.

Auf weitere Nachfragen meinte er nur noch, dass man „ein Riesenspiel gesehen“ habe. Viel mehr wollte er dann nicht mehr sagen: „Ich bin einfach aus Freundlichkeit hier herausgekommen. Jetzt könnt ihr mich wieder nach Hause gehen lassen. Okay?“

Unterstützung für den Trainer? Fehlanzeige.

Der Bayern-Führung fällt es zunehmend schwer, die Abwehrprobleme und die schlechten Auftritte der Mannschaft zu verteidigen. Und was macht Kovač? Er leugnet taktische Missstände und schiebt die Schuld, nicht zum ersten Mal, einzig auf seine Spieler.

Ich habe Ahnung, meine Spieler eher nicht.

„Dass wir so viele Fehlpässe spielen, hat meiner Meinung nach ganz klar irgendetwas mit der Einstellung zu tun“, warf er seinen Profis bei ‚Sport1‘ vor. Er selbst sei von Fehlern freizusprechen, befand der Coach: „Man muss sauber Fußball spielen, das hat nichts mit Taktik zu tun. Das hat mit der Einstellung zu tun. Es waren zu viele Spieler, die Fehlpässe gespielt haben.“

Wem das noch nicht genug ist, für den legte Kovac sogar noch beim Lob für den Gegner aus Bochum nach: „Das was der VfL nach dem Spiel gegen Kiel in der Kürze der Zeit hinbekommen hat, war einzigartig. Daran sieht man: Wenn alle das machen, was der Trainer sagt, dann funktioniert es.“ Das ist die Kurzversion von: Ich habe Ahnung, meine Spieler eher nicht.

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Der Trainer setzt sich zuletzt öffentlich zunehmend in Fettnäpfchen, bezeichnete Thomas Müller beispielsweise als „Notnagel“ und zweifelte die Qualität seiner Spieler an: „Man muss auch die Spielertypen haben“, sagte er vor dem Bochum-Spiel auf die Frage, warum er nicht so ein intensives Pressing wie beispielsweise der FC Liverpool spielen lasse: „Man kann nicht versuchen, 200 km/h auf der Autobahn zu fahren, wenn man nur 100 schafft. Man muss das anpassen, was man hat. Wir haben andere Spielertypen. Wir müssen einen guten Mix finden.“

Dass Jürgen Klopp seinen Stil seit rund zehn Jahren mit allen möglichen Spielertypen durchzieht? Geschenkt.

Fraglich, ob Kovač es schafft, die Mannschaft auf seine Seite zu ziehen, wenn er sie regelmäßig in der Öffentlichkeit bloßstellt und sie vor den metaphorischen Bus schubst. Es mehren sich wahrscheinlich auch deshalb die kritischen Stimmen, die öffentlich mal Dampf ablassen. So hatte Manuel Neuer das Aufbauspiel des FCB kritisiert: „Ein Pass muss auch eine Message haben. Deshalb kann man nicht einfach einen Pass spielen, nur damit man einen Pass gespielt hat.“

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Auffällig ist dabei, dass das genau der Philosophie von Pep Guardiola entspricht. Von der ist Bayern aktuell aber meilenweit entfernt. Unter Kovač klaffen beim Spielaufbau im Zentrum große Löcher, da sich die Mittelfeldspieler Richtung Flügel orientieren. Dadurch werden auch die Abstände zwischen Verteidigern in den Vordermännern zu groß. Gern genommenes Mittel: Der lange Diagonalpass auf die üppig besetzten Flügel, gefolgt von der Hoffnung auf die individuelle Klasse der Angreifer.

Ist der FC Bayern entschlüsselt?

Das Problem ist allerdings, dass diese recht simple Taktik vergleichsweise leicht zu verteidigen ist. Verschiebt der Gegner korrekt, wird es schwer in den Strafraum zu kommen. Die Folge sind blind geschlagene Flanken oder ein U-förmiges Umspielen des Strafraums in ungefährlichen Zonen. Noch dazu bietet es dem Gegner bei Ballgewinn sehr viel Raum im Zentrum, weshalb die Münchener schlecht ins Gegenpressing kommen und relativ leicht auszukontern sind. Ein Pass Richtung zentrales Mittelfeld und es brennt lichterloh, da zu viele Mittelfeldspieler auf den Außen sind.

Schon Joshua Kimmich hatte das Ballbesitzverhalten vor einigen Wochen kritisiert: „Ich finde, dass wir ein bisschen zu leichtsinnig mit unserem Ballbesitz umgehen“, sagte er zu ‚Sport1‘. „Wir schaffen es nicht immer, Dominanz durch sicheren Ballbesitz auszustrahlen und dadurch signalisieren wir dem Gegner immer wieder, dass etwas möglich ist.“

Es sind Probleme, die die Bayern bereits seit eineinhalb Jahren verfolgen und vergangene Saison durch den Double-Sieg einigermaßen übertüncht wurden. Wie die Stimmung bei den Bayern-Bossen ist, zeigte sich nach dem Unentschieden gegen den FC Augsburg (2:2) am 19. Oktober.

Ein Sportdirektor, der einen vor Selbstironie triefenden Auftritt hinlegt, ein hochroter Hoeneß-Kopf und ein Trainer, der sich selbst auf seine Mannschaft einschießt. Der ganze Verein gleicht inzwischen einem Pulverfass, das kurz vor der Explosion steht. Das merken auch die Fans, die nicht nur in den sozialen Netzwerken heiß laufen.

Abteilung Attacke gegen die eigenen Fans

Denn anstatt wenigstens den Anhang hinter sich zu ziehen, verpasste Kovač ihm auch eine Verbalwatschn. Mit Hinblick auf das anstehende Spiel in Frankfurt, sagte der Bayern-Trainer gestern: “ Frankfurt wird es ein heißes Spiel, ich weiß, wie es in Frankfurt ist. Dort sind die besten Fans der Liga, das muss man ganz klar sagen.“ Das mag zwar stimmen, sollte man aber als Bayern-Trainer in der aktuellen Gemengelage keinesfalls sagen.

Außerhalb des Platztes brennt es beim FC Bayern derzeit an allen Ecken und Enden. Und die handelnden Personen halten grinsend die Streichhölzer in der Hand.

Nun müssen schnell Lösungen gefunden werden, damit es nicht zum großen Knall kommt. Siege alleine werden dafür nicht mehr reichen. Die Auftritte müssen auch wieder „Bayern-like“ werden, um einen weiteren Satz von Manuel Neuer zu zitieren.