Keine gewöhnliche Tormaschine: Das ist der türkische EM-Leitwolf

Logo: OneFootball

OneFootball

Jan Schultz

Artikelbild: https://image-service.onefootball.com/crop/face?h=810&image=https%3A%2F%2Fwp-images.onefootball.com%2Fwp-content%2Fuploads%2Fsites%2F11%2F2021%2F06%2Fimago1001774843h-1000x752.jpg&q=25&w=1080

Es ist ein lauer Frühlingsabend im Atatürk-Olympiastadion. Die Sonne ist längst untergegangen, die Vögel verstummt. Es herrscht komplette Stille, alles wartet ehrfurchtsvoll. Dann der kurze, schrille Pfiff. Vier Schritte Anlauf, ein perfekter Innenristschuss und das Netz zappelt. Es folgt die komplette Ekstase inklusive eines Jubelschreis, den man auch in den umliegenden Wohngebieten hört.

Burak Yılmaz hat gerade nicht nur einen berauschenden 4:2-Sieg der Türken gegen die Niederlande besiegelt, sondern zugleich einen Hattrick auf spektakuläre Art und Weise zum Abschluss gebracht. Mit einem Freistoßtreffer, wie man ihn im türkischen Dress wohl nur von Hakan Çalhanoğlu erwartet hätte. Dabei wissen sie in Istanbul doch alle: Dieser Burak ist kein gewöhnlicher Stürmer.

Auf dem Papier erscheint er wie der klassische, zentrale Angreifer. Der Mann aus Antalya misst 1,88 Meter Körpergröße, weiß seinen Körper einzusetzen und kann Bälle festmachen. Sein Kopfballspiel ist ordentlich und er schießt viele Tore. Sehr viele Tore. 279 als Profi, um ganz genau zu sein. Seit der Saison 2010/11 hat er in zehn von elf Ligaspielzeiten zweistellig getroffen. Burak ist das, was man einen Torgaranten nennt.

Oft, schön, entscheidend

Doch der 35-Jährige zerschießt nicht nur seit Ewigkeiten Tornetze, ihm gelingt dies auch regelmäßig in sehenswerter Manier. Wie etwa in der abgelaufenen Saison gegen Lens, als der gefürchtete Distanzschütze die Pille aus gut 30 Metern mit seinem vermeintlich schwächeren Linken in den Winkel geschweißt hat. Das brachte nicht nur seine Kollegen zum Staunen, sondern sogar die ganze Nation. Der Treffer wurde zum schönsten der Ligue-1-Saison gewählt. Quel beau but!

Artikelbild: https://image-service.onefootball.com/resize?fit=max&h=720&image=https%3A%2F%2Fwp-images.onefootball.com%2Fwp-content%2Fuploads%2Fsites%2F11%2F2021%2F06%2Fimago1002530734h.jpg&q=25&w=1080

Nicht weniger selten sind seine Tore spielentscheidend. So zählt ‚transfermarkt.de‘ allein in seinen Klubs 76 ‚Gamewinning-Goals‘, also Sieg bringende Treffer. All das macht ihn in der Summe zu einem echten Führungsspieler. In der türkischen Nationalmannschaft ist er der unumstrittene Kapitän, als mit Abstand ältester Spieler zudem der Leitwolf eines ebenso jungen wie hungrigen Teams. Das zeigt er auch auf Vereinsebene, führte er Lille vor wenigen Wochen doch zur sensationellen Meisterschaft.

Das hatte praktisch niemand kommen sehen. Zum einen gibt es in Frankreich diese eine übermächtige, so viel reichere Mannschaft, zum anderen wurde nicht zuletzt der Transfer von Burak im letzten Sommer belächelt. Im Land des Weltmeisters gleichermaßen wie in der Türkei, wo der Stürmer beinahe seine komplette Karriere verbracht hat. Nur von Februar 2016 bis August 2017 hatte er mal in China gekickt.

Artikelbild: https://image-service.onefootball.com/resize?fit=max&h=720&image=https%3A%2F%2Fwp-images.onefootball.com%2Fwp-content%2Fuploads%2Fsites%2F11%2F2021%2F06%2Fimago0028376872h.jpg&q=25&w=1080

Zu jener Zeit begann der Abgesang auf den Angreifer, der trotz seiner Vielzahl an Treffern immer nur respektiert, aber nie so richtig verehrt wurde. Das mag zum einen an seiner selbstbewussten Art liegen, mit der er schon früh in seiner Karriere aneckte. Burak galt auch einst als eitel, als Reaktion darauf rasierte er sich seine Haarpracht ab. Vor allem wagte es der 35-Jährige aber, als einziger Spieler neben Sergen Yalçın für alle vier Großklubs der Türkei aufzulaufen: Für Galatasaray, Fenerbahçe, Beşiktaş und Trabzonspor.

Als er die Heimat im Alter von 30 Jahren zum ersten Mal verließ, schien er unaufhaltsam auf ein zeitnahes Karriereende zuzusteuern. In der Milli Takim war er in der Folge anderthalb Jahre raus. Doch Burak kam noch einmal zurück und zeigte es seinen Kritikern: In der Süper Lig und im Nationalteam. Im letzten Sommer folgte schließlich der Sprung in eine von Europas fünf großen Ligen. Viele trauten ihm nur noch die Rolle des Ergänzungsspielers zu, doch Burak belehrte alle, erneut, eines Besseren.

Fanliebling in Lille

„Man könnte meinen, dass er schon seit 20 Jahren bei Lille spielt, hier aufgewachsen ist und alles kennt“, schwärmte sein Berater Necdet Ergezen zuletzt bei ‚Radyospor‘. Dabei verlief der Start noch stockend, Burak hatte Probleme mit der Sprache. Letztlich ist im Fußball aber bekanntermaßen auf dem Platz entscheidend – und dort spricht der Torjäger mit seinen Treffern sowie seiner Einstellung: „Er tritt nicht nur als Fußballer auf, sondern als wahrer Anführer.“

Binnen weniger Monate hat sich der Türke damit in die Herzen der Lille-Fans gespielt. Und auch im internationalen Vergleich hat er sich nach ganz oben geballert. Innerhalb der Altersklasse Ü35 hat in der abgelaufenen Saison nur Cristiano Ronaldo mehr Ligatore erzielt.

Eben jene Bilanz macht Burak plötzlich auch wieder in der Heimat begehrt, eine erneute Rückkehr will er trotz eines Vertrags bis 2022 nicht ausschließen. Was er indes ausschließen kann, ist die Möglichkeit, dass ihm entsprechende Gedankenspiele bei der EM im Weg stehen werden. „Im Moment gilt mein Fokus lediglich der Europameisterschaft“, versicherte er unlängst nationalen Medien: „Das Milli-Takim-Trikot zu tragen, steht für uns über allem.“

Burak will bei der EURO das machen, was ihn immer ausgezeichnet hat: Vorangehen und wichtige Tore schießen. Um in der Heimat auf seine späten Tage endlich zum Nationalhelden aufzusteigen.