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·2. Oktober 2022

Kein Rückstand kann uns stoppen

Artikelbild:Kein Rückstand kann uns stoppen

Über den deutschen Nationalspieler Günter Netzer schrieb einst der Literaturkritiker Karl-Heinz Bohrer, dass dessen Pässe den Geist der Utopie atmen würden. Die Pässe des 1. FC Kaiserslautern im Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig erstickten hingegen in Dystopie. Denn mit dem Aufsteiger aus Niedersachsen war zum ersten Mal in dieser Zweitligasaison eine Mannschaft zu Gast, die den Roten Teufeln den Ball überließ. Und da der FCK damit nicht umgehen kann, gab es in feinster Netzer-Manier viele Pässe aus den Tiefen des Raumes, die leider jedoch meistens im Nichts des Raumes versandeten. Wenn bei einer solchen Regenpartie überhaupt noch von Sand gesprochen werden kann.

Vom Regen in die Traufe

Fünf Mal punkteten die Lautrer in dieser Saison bereits nach einem Rückstand. Ist es daher nicht ärgerlich, immer in Rückstand zu geraten? Geschäftsführer Thomas Hengen erklärte dazu im Sky-Interview schmunzelnd seinen Standpunkt: „Ja, aber dann wären wir ja eine Spitzenmannschaft.“ An diesem 10. Spieltag hat der FCK gezeigt, dass er definitiv keine Spitzenmannschaft ist, sich jedoch ernste Hoffnungen machen kann, eine Saison ohne das spürbare Abstiegsgespenst im Rücken zu spielen. Denn wenn eine Mannschaft nach sechs Rückständen noch mit Punkt(en) vom Platz gehen kann, gehört sie nicht in die Niederungen einer Zweitliga-Tabelle. Aber nun Spiel. Auf geht's.

Auf dem Betzenberg, im Fritz-Walter-Stadion und bei Fritz-Walter-Wetter trafen sich im Aufsteigerduell zwei Mannschaften, die wenig Wert auf ballbesitzorientierten Fußball legen, zu einem romantischen Rendezvous. In der ersten Hälfte wusste niemand auf dem Platz recht genau, wie er den Ball am besten in die Füße des Gegners zu spielen hat - seien es lange Bälle auf Terrence Boyd, die von Jean Zimmer, Phillip Klement oder Marlon Ritter geschlagen wurden, oder Kurzpässe von Kenny Prince Redondo auf Hendrick Zuck und umgekehrt. Der FCK wie auch Eintracht Braunschweig waren bemüht, in Umschaltsituationen und Konter zu kommen. Um solche Szenen jedoch ausnutzen zu können, sollte wenn möglichst die gegnerische Mannschaft den Ball haben. Ein Trauerspiel für fußballerische Feingeister - und ein gewohnter Anblick, wenn man mit den Roten Teufeln durch vier Jahre Magenta Sport gegangen ist. Besonders Kapitän Jean Zimmer wirkte in Halbzeit eins was Ballannahmen und Pässe angeht, sehr unglücklich. Sein Einsatz in der Defensive gleicht das zwar über weite Strecken aus, doch besonders in der ersten Halbzeit spielten die Pfälzer fast ausschließlich über die linke Seite, die von Zuck und Redondo beackert wurde. Weltmeister Erik Durm und sein Frontmann Zimmer wurden dahingehend ignoriert.

Fußballerischer Leckerbissen: Fehlanzeige

Es folgten 45 Minuten Abwehrschlacht ohne Angriff. Wie sowas geht? Durch lange Bälle auf Terrence Boyd und Anthony Ujah, in der Hoffnung, dass einer der beiden einen Ball halten oder direkt weiterleiten kann. Selbst wenn sich eine der beiden Mannschaften in die Nähe des gegnerischen Sechzehners spielte, endete der Angriff meist in einem hohen Ball oder einer einer Ecke. Der bereits angesprochene Braunschweiger Stürmer Ujah köpfte in der ersten Hälfte übrigens einen sehenswerten Kopfball in den Winkel. Glücklicherweise wurde das Tor zurecht aberkannt. Wer so lange in der Luft stehen kann, muss eben einen Boris Tomiak als Leiter benutzt haben - und das ist Teufel sei Dank nicht zulässig.

Nach der Halbzeit dann wieder der neu FCK 'Marke 22/23'. Zunächst ein Rückstand nach einer Standardsituation. In diesem Falle sorgte allerdings kein Eckball oder reingezirkelter Freistoß für das Gegentor. Ein Flachpass von der Mittellinie in den leeren Raum, der mit zwei leichten Ballkontakten zwischen Kevin Kraus und Boris Tomiak landete und letztendlich auch im Tor. Doch echte Lautrer Fans wissen: Rückstände auf dem Betzenberg sind in diesem Jahr nur temporär. Und so stellte Tomiak das Spiel eine Minute später wieder auf null, beziehungsweise auf 1:1 Unentschieden. Dass das Spiel dann auch 1:1 endete, lag an einem unglücklichen Terrence Boyd, einem glänzend parierenden Jasmin Fejzic und einem Gegner, der dem FCK in der letzten halben Stunde den Ball vollständig überließ.

Ein Spiel ohne Rückstand wäre doch ganz schön

Was also mitnehmen aus diesem fünften Unentschieden in Folge? Die Roten Teufel schaffen es zwar, besseren Teams zwei Punkte vorzuenthalten, kommen gegen schlechtere Mannschaften jedoch nicht in die Position, ein Spiel zu dominieren und ruhig nach Hause zu bringen. Zum ersten Mal in dieser Saison gelang es der Mannschaft von Cheftrainer Dirk Schuster, eine gegnerische Mannschaft im eigenen Sechzehner einzuschnüren. Doch ohne Erfolg. Spieler wie Redondo oder Hercher brauchen Platz, um ihre Stärken ausspielen zu können. Im besten Fall spielen sie dabei keine Bälle aus der 'Tiefe des Raumes', sondern starten ihre Sprints aus eben jener Tiefe. Wo Netzers Pässe Utopie atmeten, ist es beim FCK derzeit das Spektakel, die Konter, die wahnsinnigen Fans, die diesen Verein und seine Spielweise ausmachen. Nur zwei andere Zweitligisten in Europa haben einen höheren Zuschauerschnitt als die frisch aus Liga drei angereisten Lautrer.

Und die haben seit fünf Spielen zwar nicht mehr gewonnen, aber auch seit sechs Spielen nicht mehr verloren. Von daher mag man zwar von zwei verlorenen Punkte gegen Braunschweig sprechen, doch insgesamt spielt der 1. FC Kaiserslautern eine fantastische Aufstiegssaison. Diese könnte nur noch besser laufen, wenn gegnerische Mannschaften aufhören würden, den Pfälzern den Ball zuzuspielen. Dank diesem ballbesitzfernen Fußball werden die Feingeister und Rasen-Philosophen mit dem FCK wahrscheinlich nicht mehr warm. Doch wenn man ehrlich ist, waren sie das noch nie. Wobei schon Jean-Paul Satre, der größte aller fußballerischen Feingeister, das heutige Spiel in seiner Kritik der dialektischen Vernunft überraschend gut beschrieb: "Beim Fußball kompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft." Wie wahr. Wie wahr.

Betze Inside: Datenanalyse zu #FCKEBS

Statistisch betrachtet haben die Roten Teufel im Heimspiel gegen Braunschweig eher zwei Punkte verloren als einen gewonnen. Der FCK dominierte die Gäste aus Niedersachsen weitgehend und ließ bis auf das Gegentor kaum Chancen zu. Hinzu kamen eigene hochkarätige Großchancen (v.a. durch Boyd) und zwei Abschlüsse, die auf der Linie geklärt wurden. Der xG-Plot (Abb. 2, 3) zeigt, dass die Lautrer über die gesamte Spieldauer hinweg deutlich mehr Chancen zu verzeichnen hatten und bereits zur Pause hätten führen müssen. Allerdings blieb eine große Schlussoffensive aus, sodass der Sieg nicht erzwungen werden konnte.

Grafiken: Darstellung von Betze Inside (Instagram / Twitter)

Quelle: Treffpunkt Betze

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