Hygge in der Bundesliga: Ein Shootingstar mit gemütlichem Mindset | OneFootball

Hygge in der Bundesliga: Ein Shootingstar mit gemütlichem Mindset

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Antonia Hennigs

Hygge ist ein Bestandteil der dänischen Tradition und Lebensweise und wurde spätestens in Zeiten der Pandemie für viele zur einer Art Mantra. Per Definition bedeutet Hygge im Wesentlichen „eine gemütliche und herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens zusammen mit lieben Leuten genießt“. So wird es zumindest auf ‚visitdenmark.de‘ erklärt. Und die müssen es ja wissen.

Du hast noch nie von Hygge gehört? Das könnte Filip Kostić oder Timothy Chandler auch so gegangen sein. Bis ein junger, schmächtiger Däne in ihr Leben trat.

Jesper Lindström, 21 Jahre alt und geboren in Taastrup/Dänemark, lebt Hygge durch und durch. Vor allem an Weihnachten. „Am Weihnachtsmorgen wachen wir sehr früh auf und frühstücken gemeinsam. Meine Mutter kauft immer kleine Geschenke, um schon morgens das weihnachtliche Hygge-Gefühl zu bekommen“, verriet er in einem Interview mit dem Klubmagazin von Eintracht Frankfurt.

Eintracht Frankfurt – der Klub für den Lindström seit Sommer seine Schuhe bindet und der seine erste Station außerhalb von Dänemark ist. Eingelebt habe sich „Jobbe“ sehr gut. „Deutschland ist perfekt für uns“, verriet er den Klubmedien. „Uns“, das sind seine Freundin und er. Und warum Deutschland perfekt für die beiden ist? Wegen der Nähe zu Dänemark und wegen des Flughafens.

Einschub Dad Joke: Was antworten Frankfurter:innen auf die Frage, was denn das beste an Offenbach sei? Die Verbindungsstraße nach Frankfurt natürlich.

Aber Spaß beiseite. Auch die Bundesliga war der perfekte nächste Schritt für den 21-Jährigen und der „Wechsel war im Endeffekt einfacher, als ich mir vorgestellt hatte“, erklärte er glücklich. Warmen Apfelwein und Kartoffelwurst befand er auch schon für gut und damit wird ihn wohl kein Eintracht-Fan mehr nicht mögen können.

Sind Apfelwein und Kartoffelwurst Hygge? Wir würden sagen Ja. Genauso Hygge wie die Kindheit des jungen Profis. Lindström wuchs bei seinen Eltern auf und begann früh mit dem Fußballspielen. Als er sechs Jahre alt war ließen sich seine Eltern scheiden und er zog mit seiner Mutter und ihrem neuen Partner nach Bröndby Strand um. Dort spielte er weiter Fußball und ging zur Schule. So weit, so normal.

Mit zwölf Jahren wurde er bei seinem damaligen Klub Vallensbeak von Bröndby IF gescoutet. 65 Einsätze, 15 Tore und 15 Assists später feierte er die dänische Meisterschaft und zwischenzeitlich auch das Nationalmannschaftsdebüt.

Die guten Seiten im Leben genießen – das ist Hygge. Und das ist Jesper Lindström. Ein Optimist wie er im Buche steht. „Ich bin einer, der immer fröhlich ist und gerne lacht. Ich habe doch ein schönes Leben, warum sollte ich dann sauer sein? Ich werde immer irgendwie das Kind sein, das jeden anlacht und positiv denkt“, sagte er einst der ‚Bild‘.

Drei Mal darfst Du raten, was für ein Tattoo der 21-Jährige deshalb auf dem Unterarm trägt. Einen Smiley natürlich. Den ließ es sich zusammen mit Freunden nach dem Abitur stechen, das er übrigens machte, falls es mit dem Profifußball doch nichts wird.

„Jobbe“, wie er genannt wird, wechselte für sieben Millionen Euro nach Frankfurt. „Jobbe“ stammt übrigens noch von seinem Jugendtrainer aus Taastrup. Der Spitzname hält sich bis heute und wurde sogar zur Vorlage für die Social-Media-Accounts des Dänen. „Jobbe“ war schon immer recht schmächtig, ein Leichtgewicht. Das machte ihm den Start in der Bundesliga schwerer.

Die Konsequenz: Lindström verbrachte mehr Zeit im Kraftraum und hat mittlerweile schon zwei, drei Kilo Muskelmasse zugelegt, wie er der ‚Hessenschau‘ stolz mitteilte. Kollege Kevin Trapp nennt ihn daher übrigens nur noch „Muscle Kid“. Die ‚Frankfurter Rundschau‘ wiederum nennt Lindström einen „Mann für die entscheidenden Momente“ und ein „Versprechen für die Zukunft“.

Eine kleine Hygge-Enttäuschung scheint wiederum die Wohnungseinrichtung von Lindström und seiner Freundin zu sein. Im Dezember, also schon Monate nach seinem Wechsel nach Frankfurt, war er möbeltechnisch noch nicht groß über ein Bett und ein Sofa hinausgekommen, erzählte er den Vereinsmedien lachend.

Eintracht Frankfurt war ihm übrigens schon lange ein Begriff. Im September 2006 spielte die SGE im Uefa-Cup gegen Bröndby. Von diesem Spiel gibt es ein Video von den Frankfurter Fans, die die Tribüne im Vorort von Kopenhagen hüpfend zum Wackeln brachten.

Der ‚Frankfurter Rundschau erzählte er: „Einer meiner Brüder war früher der Vorsänger der Bröndby-Fans und hat mir davon erzählt: Denn normalerweise sind die Bröndby-Anhänger immer sehr laut, auch auswärts, fast immer lauter als der Gegner. Aber als die Frankfurter damals kamen, haben sie die Bröndby-Fans niedergesungen.“

In besagtem Video singen die Eintracht-Anhänger:innen die berühmte Pippi Langstrumpf-Melodie. Auch deshalb liebt Lindström gerade dieses Lied besonders. Gut möglich übrigens, dass Lindström die Texte über die „Diva vom Main“ zum Großteil versteht. In der Schule lernte er Deutsch und versteht nach eigenen Angaben 80 bis 90 Prozent.

Das zugehörige Adjektiv zu Hygge ist übrigens „hyggelig“ und heißt so viel wie „gemütlich“ und „Wohlbefinden verbreitend“. Während Lindström das Gemütliche schätzt, weiß er auch, dass er im Profifußball über seine Grenzen hinausgehen muss. Dann könnte er Großes erreichen, denkt auch der dänische Ex-Profi Flemming Poulsen, der Lindström gegenüber ‚hr-sport‘ mit niemand Geringerem als Kai Havertz verglich.

„Er entgeht vielen direkten Duellen, weil er sich gut im Raum bewegt“, erklärte er. Vom Spielstil erinnere Lindström daher an den Chelsea-Star.

Die Däninnen und Dänen haben Hygge im Blut. Deshalb ist Dänemark womöglich auch eines der wenigen Länder, das ein Institut für Glücksforschung besitzt. Lindström ist das perfekte Beispiel für diese Lebensweise, strahlt das auch jeden Tag aus. In Eintracht-Sprache könnte man sagen: Der Timothy Chandler 2.0. Die beiden verstehen sich wenig überraschend auch sehr gut.

Jobbe, das gemütliche „Muscle Kid“. Eine 7-Millionen-Euro-Investition, die sich so richtig auszahlen könnte.