Hauptsache, der Ball rollt | Sportsanktionen gegen Russland? Natürlich, und zwar auf allen Ebenen! | OneFootball

Hauptsache, der Ball rollt | Sportsanktionen gegen Russland? Natürlich, und zwar auf allen Ebenen!

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Eine Kolumne über Sportsanktionen in Zeiten des Krieges und wieso sie so rigide und strikt sein sollten, wie es nur irgendwie geht: Keine WM, keine EM, keine Champions League mit russischer Beteiligung.


„Hauptsache der Ball rollt“ erscheint künftig wöchentlich. Jeden Montag als Rückblick darauf, welche wechselseitigen Auswirkungen von Fußball und Politik in der vergangenen Woche wichtig waren. Um die Mär, Fußball sei unpolitisch, der noch immer einige Funktionäre hinterhersinnen, zu widerlegen.


Die Saison der ukrainischen Premjer-Liha wurde kurz vor Kriegsausbruch pausiert. Niemand kümmert sich in der Ukraine aktuell um Fußball. In einem Krieg fällt es schwer, den Blick auf den Sport zu richten. Oleg Dulub hat dies jüngst trotzdem getan. Er ist Belarusse und Trainer des ukrainischen Erstligisten FK Lwiw. Die Ukraine bezeichnet er als seine zweite Heimat, er trainierte bereits mehrere Profi-Klubs in der Ukraine und ist in den beiden Ländern eine Bekanntheit. Aufgrund einiger Warnungen, dass er aufgrund seiner Haltung zum russischen Einmarsch in akuter Gefahr sei, hat er die Ukraine kurz vor dem Kriegsausbruch verlassen. Mit dem russischen Portal „Nasha Niva“ sprach Dulub nun über seine Gefühle. Und öffnete eine wichtige Perspektive aus Sportsanktionen in Zeiten des Krieges. Aber zuerst die Gegenseite.

Seitdem der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, wird innerhalb des Sports eine erbitterte Debatte geführt: Sind pauschale Sanktionen gegen russische und belarussische Sportler gerechtfertigt?

Thomas Wheeler führte im Deutschlandfunk vor allem ein Argument gegen allgemeine Sportsanktionen ins Feld. Die Sportler per se zu bestrafen, nur weil sie Russen oder Belarussen sind, würde radikal gegen unser weltoffenes und liberales Selbstverständnis sprechen. Und sei sogar diskriminierend. Funktionäre, Oligarchen und Prominente mit Verbindungen zum Kreml seien fraglos zu bestrafen. Ein Ausschluss aller Sportler von internationalen Wettbewerben sei allerdings undifferenziert und „unverhältnismäßig“. Diejenigen, die sich gegen den Angriffskrieg stellen, denen müsse viel eher die Tür aufgehalten werden. Eine Tür in Richtung der liberalen und friedlichen Werte. Und die Fähigkeit, Brücken zu bauen, Nähe herzustellen und zu verbinden, die sollte der Sport leisten.

Eine radikal andere Position vertritt Dulub, der Belarusse der die Ukraine seine zweite Heimat nennt. Ebenfalls im Namen der liberalen und friedlichen Werte, so sagt er. Seine Ausführungen leitet er mit einem unmissverständlichen Satz ein: „Ich verstehe überhaupt nicht, warum diese Sanktionen für Empörung sorgen.“ Er bemüht die Geschichte, um mit der Aussage aufzuräumen, dass Sport jenseits von Politik existiere. Er erinnert an die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland, als die Nazis mithilfe des Sports die Überlegenheit ihres Volkes und damit eine Bestätigung ihrer ekelerregenden Rassentheorie schaffen wollten. Auch die Russen hätten mit den Olympischen Spielen und Moskau und Sotschi den Sport schon dafür instrumentalisiert, Überlegenheit zu zeigen. Der Glaube, Sport und Politik seine zwei sich nicht bedingende Parallelwelten, ist für Dulub damit bereits indiskutabel.

Der nächste Punkt, den Dulub vorbringt, ist entscheidend, um zu verstehen, wieso der Sport nicht von den Sanktionen ausgeschlossen werden kann: Sanktionen, die nur den Kreml und nicht die Bevölkerung treffen, existieren nicht. Die Abwanderung globaler Marken aus Russland, der Ausschluss einiger Banken vom SWIFT-System. All das trifft die Wirtschaft der Russen und Belarussen – und damit sowohl die Bevölkerung als auch den Kreml.

In dieser Logik bleibend, sind die Sportsanktionen gegen die Kriegstreiber ebenfalls unerlässlich. „Jeder Sportler ist Bürger seines Landes“, sagt Dulub und damit eigentlich schon alles. Wieso sollten gerade die sowieso schon überprivilegierten nicht wie solche behandelt werden – und genau wie alle anderen Bürger von den Sanktionen betroffen sein. Nicht, weil sie am Krieg schuld sind. Sondern, wie Dulub ausführt, weil ein Land, „dass im 21. Jahrhundert im Herzen Europas einen Krieg entfacht hat, bestraft werden“ muss. Vor allem die Verantwortlichen, also die Regierung. Aber eine harte Bestrafung dieser bringt zwangsläufig eine Bestrafung der Bevölkerung mit sich, ungeachtet ihrer Haltung zu den kriegstreiberischen Handlungen. Das gebietet die Logik.

Und auch wenn die Sportsanktionen Russland wirtschaftlich nicht ausschlaggebend treffen. Weniger als zum Beispiel der Ausschluss einiger Banken aus dem SWIFT-Zahlungssystem natürlich. Sie sollten so rigide aufrecht erhalten werden, wie es nur irgendwie geht. Denn Kriege leben auch von Propaganda. Jeder versucht die Symbolik und die Informationshoheit für sich zu Beanspruchen. Und der Sport ist seit Jahren eines der Mittel, mit dem der Kreml Propaganda nach innen betreibt. Mit dem Sport versuchte er immer wieder, in dem größten Land der Welt, das mit über hundert Volksgruppen keine übergreifende Identität hat, ein kollektives Gefühl gegenüber dem Rest der Welt herzustellen.

„Viele Menschen [in Russland] kompensieren ihre finanziellen Sorgen mit Ablehnung gegen Einwanderer“, sagte Ronny Blaschke, ein Experte für Sportpolitik gegenüber dem Deutschlandfunk. „In diesem Klima wollte Putin mit Hilfe des Sports seine Erzählung der Einheit fortschreiben, gegen die angebliche Bevormundung des Westens. Es ist gut möglich, dass die erfolgreich organisierten Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi seine Machtansprüche bestärkt haben. Wenige Tage später ließ Putin die Krim annektieren.“ Und dieses Mittel sollte Putin auf ewig genommen werden: Keine Fußball-Weltmeisterschaft, keine Fußball-Europameisterschaft, keine Champions League, keine Europa League und keine Conference League mit der Beteiligung der Nationalteams oder Klubs aus Russland und Belarus.

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