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·18. September 2023

Frauen-Bundesliga: Fünf Erkenntnisse zum 1. Spieltag

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Die Frauen-Bundesliga ist wieder da! Zum Start in die neue Saison gab es gleich mehrere Überraschungen. Titelverteidiger Bayern und der Vorjahresdritte Frankfurt ließen schon am ersten Spieltag die ersten Punkte liegen, der hochgehandelte Aufsteiger RB Leipzig verlor beim 1.FC Köln und die sonst so torarmen Bremerinnen feierten in Nürnberg ein echtes Schützenfest. Wir haben fünf Erkenntnisse zusammengestellt, die uns der erste Spieltag geliefert hat:

1. Stimmungsvoller Auftakt in die Saison

Die Bundesliga-Saison 2023/24 startete mit einer eindrucksvollen Kulisse. Gegen Bayern kamen 13.234 Zuschauer ins Dreisamstadion, ein neuer Rekord für den SC Freiburg. Die Entwicklung der letzten Jahre ist im Breisgau sehr positiv, schon beim Pokalfinale in Köln sorgten die SC-Fans für eine tolle Stimmung und die großen Gegner lockten auch letzte Saison viele Zuschauer an. Am Freitagabend gab es einen neuenHöhepunkt, und das begeisternde Spiel wird sicherlich dazu beitragen, dass das Dreisamstadion auch gegen kleinere Gegner gut gefüllt ist.


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Auch die anderen Spiele verzeichneten gute Zuschauerzahlen – mit einem klaren Ausreißer nach unten: Dort, wo die meisten Tore fielen, waren die wenigsten Fans da. In Hoffenheim fanden sich nur 587 Zuschauer ein, um den 9:0-Kantersieg gegen Duisburg zu feiern. Ansonsten wurde überall die 2000er-Marke geknackt. Das ist noch lange nicht selbstverständlich – noch 2021/22 lag selbst der höchste Zuschauerschnitt eines Teams, Eintracht Frankfurt, bei 1580.

Für die Frauen-Bundesliga ist das ein tolles Zeichen, nachdem es nach dem frühen WM-Aus des deutschen Nationalteams einige Zweifel gegeben hatte. Aber die Zahlen waren auf einem ähnlichen oder sogar höheren Level als letztes Jahr, direkt nach der erfolgreichen EM (mit Ausnahme von Frankfurts Spiel im großen Stadion). Der erste Spieltag macht Lust auf mehr – auf dem Rasen und auf den Rängen.

2. Bayern: Trotz Superstars liegt noch Arbeit vor Alexander Straus

Trotz der tollen Kulisse: Pernille Harder hatte keine gute Laune, als sie nach dem Spiel vor dem Magenta-Mikrofon stand. "It’s annoying", meinte Münchens Neuzugang nach ihrem ersten Bundesliga-Spiel im Bayern-Trikot. Gegen Freiburg kam der Titelverteidiger nicht über ein 2:2 hinaus: Die frühe Führung durch Janina Minge konnte Lea Schüller ausgleichen, und in der 91. Minute schien nach dem Treffer von Katharina Naschenweng das Spiel gedreht. In letzter Minute traf Svenja Fölmli aber doch noch für Freiburg und ließ Bayern so mit einem statt drei Punkten heimfahren.

Ärgerlich für Bayern ist, dass beide Tore mehr als vermeidbar gewesen wären. Das 1:0 resultierte aus einem uncharakteristischen Bock von Kapitänin Glódís Viggósdóttir, die an der Strafraumkante den Ball herschenkte. In der 96. Minute bekam die Abwehr im Hühnerhaufen-Stil einen losen Ball mehrmals nicht geklärt, sodass Fölmli – umringt von vier Bayern-Spielerinnen – an die Kugel kommen konnte.

Bis auf die beiden Tore war Freiburg nicht zu vielen weiteren Chancen gekommen, und wenn, dann lag das oft auch an individuellen Fehlern. Einen Schuss von Marie Müller aus weiter Distanz konnte Mala Grohs etwa nicht parieren, der Ball klatschte an den Pfosten. Ansonsten wurde der SCF vor allem durch Konter gefährlich. Die 18-jährige Cora Zicai wurde in der Sturmspitze immer wieder gesucht.

Trotzdem hätte Bayern das Spiel eigentlich gewinnen müssen und wird sich ärgern, die Tore so verschenkt zu haben. Das soll die Leistung der Gastgeberinnen keinesfalls schmälern: Freiburg machte es taktisch gut, stellte die Wege zwischen Mittelfeld und Sturm intelligent zu. Katharina Naschenweng gelang es einige Male, dieses Problem durch starke Diagonalpässe zu lösen, aber insgesamt kam Bayern zu selten in die gefährliche Zone.

Viele Einzelaktionen – Dribblings von Bühl, Flanken von Gwinn – funktionierten nicht so gut wie sonst. Es fehlte noch an Abstimmung, Pernille Harder und Lea Schüller harmonierten teilweise gut, aber in mehreren Szenen kam der Pass dann doch einen Tacken zu früh. Wie es aussehen kann, zeigte das 1:2, von Bayern schön herausgespielt. Diese Momente waren gegen Freiburg zu selten, aber das Potenzial ist da. "It’s a process", auch das sagte Pernille Harder nach dem Spiel oft.

3. Essen und Freiburg erfolgreich: Taktische Disziplin zahlt sich aus

Das Spiel gegen Freiburg war für Pernille Harder auch ein Wiedersehen mit Theresa Merk: Die Freiburg-Trainerin assistierte früher Stephan Lerch beim VfL Wolfsburg. Für sie eine lehrreiche Zeit, wie sie im 90min-Gespräch erzählte. Gegen Bayern zeigte Merk erneut, dass sie ihr Team auch gegen die Großen der Liga gut einstellen kann. Freiburg spielte stringent und setzte die Vorgaben der Trainerin sehr gut um. Sie wechselten immer wieder zwischen Raum- und Manndeckung und stelltenBayern so vor einige Probleme.

Schon in der letzten Saison sorgte der SCF in der Hinrunde für Aufsehen, die zweite Saisonhälfte geriet aber zum Desaster. Nun gilt es für Merk, das Team weiterzuentwickeln. Im Dreisamstadion zeigte sich, dass Freiburg wohl auch diese Saison für Unterhaltung sorgen wird. Nach vorne hatten sie einige gute Aktionen, nach hinten war es teils vogelwild – gut möglich, dass auch in dieser Spielzeit Ergebnisse wie 3:3 oder 5:2 vorkommen.

Auch Essen machte es als Außenseiter sehr gut und gewann auf typische SGS-Art mit 2:0 gegen Frankfurt. Essen geht erneut mit vielen jungen Spielerinnen in die Saison, muss aber keinen großen Umbruch verkraften. Mit Spielerinnen wie Katharina Piljić, Beke Sterner oder Natasha Kowalski gibt es weiterhin mehr als nur genug Talent im Kader. Perfekte Bedingungen für Trainer Markus Högner also, der mit der SGS wieder eine sorgenlose Saison spielen will.

Am Sonntag waren die Sorgenfalten eher auf der Stirn von Frankfurt-Coach Niko Arnautis zusehen. Vor seinem Team liegen harte Wochen mit Champions-League-Qualifikation sowie Duellen gegen Wolfsburg, Leipzig und Bayern. Da wäre ein Auftaktsieg wichtig gewesen, aber Frankfurtwar nach vorne zu ideenlos.

Essen stand defensiv sicher und lief Frankfurt früh an. Die Eintracht reagierte vor allem mit langen Bällen, die kamen aber zu selten an. Nur 19% der Flanken fanden einen Frankfurter Kopf. Vielleicht fordert die Dreifachbelastung schon früher ihren Tribut als gedacht, jedenfalls stellt sich erneut die Frage, ob Frankfurt im Transfersommer nicht für etwas mehr Verstärkung hätte sorgen sollen. Der Wechsel von Sjoeke Nüsken hinterlässt eine große Lücke in der Spieleröffnung. Ein Lichtblick war immerhin das Startelf-Debüt der 18-jährigen Jella Veit, die in der Innenverteidigung ein gutes Spiel machte.

Aber eigentlich sollte auch die erste Elf deutlich mehr Chancen herausspielen. Anyomi, Freigang, Prašnikar, Dunst – sie alle haben deutlich mehr drauf, als sie gegen die SGS zeigten. Die wenigen Chancen vergaben die Adlerträgerinnen auch noch, nur zwei Schüsse gingen überhaupt auf den Kasten von Sophia Winkler. Dass Trainer Niko Arnautis da so spät wechselte, war schwer nachzuvollziehen.

So können sie sich nicht über die Niederlage beschweren, auch wenn sie mehr vom Spiel hatten. Die Probleme sind nicht neu, aber in der letzten Saison hatte Frankfurt sie zwischenzeitlich besser im Griff, verlor seit Februar kein Bundesliga-Spiel. Gegen Essen gelang es nicht, die schnellen Stürmerinnen in Szene zu setzen. Nach dem ersten Spieltag ist es zu früh, um Schlüsse für die gesamte Saison zu ziehen, aber es könnte ein schwieriger Start in die Spielzeit werden. Das Duell um Platz Drei wird wieder spannend – Hoffenheim konnte mit dem 9:0 gegen Duisburg jedenfalls schon vorlegen.

4. Wolfsburg will mit neuem System zurück an die Spitze

Wolfsburgs Trainer Tommy Stroot hatte bereits im Sommer angekündigt, mit einem neuen System in die neue Saison gehen zu wollen. Anstelle des bewährten 4-2-3-1 setzen die Wölfinnen nun auf eine 4-3-3-Formation. Beim 3:0 gegen Bayer Leverkusen übernahm Lena Lattwein die Rolle als alleinige Sechs vor der Abwehr, während Lena Oberdorf eine Position nach vorne rückte und ebenso wie Jule Brand auf der Achterposition agierte. Alexandra Popp rückte auf ihre Lieblingsposition im Sturmzentrum, wo sie in dieser Spielzeit dauerhaft bleiben soll. In der vergangenen Saison war die DFB-Kapitänin häufig im Mittelfeld aufgelaufen. Ewa Pajor rückte dafür auf die linke offensive Außenbahn, auf der rechten Offensivseite schickte Stroot Sveindís Jónsdóttir ins Rennen. An der Viererkette änderte sich im Vergleich zur Vorsaison nichts.

Nach dem ersten Spieltag ist es natürlich zu früh, das neue System abschließend zu bewerten. Fest steht allerdings, dass sich speziell die Rolle der Schlüsselspielerinnen Lena Oberdorf und Alexandra Popp spürbar verändern wird. Oberdorf war gegen Leverkusen deutlich stärker ins Offensivspiel eingebunden. Dass sie das Führungstor erzielte, war kein Zufall. Fraglich ist, ob der VfL ohne Oberdorf als Abräumerin die defensive Stabilität wahren kann. Gegen Leverkusen meisterte Lena Lattwein die Aufgabe als alleinige Sechserin souverän. Abzuwarten bleibt, ob ihr das auch gegen stärkere Teams gelingt. Alexandra Popp, letztes Jahr bereits Torschützenkönig, wird ihre Torquote wohl noch einmal steigern können. Ewa Pajor, die nun von der Neun auf die linke Außenbahn rückt, muss ihr Spiel hingegen umstellen und sich mit weniger Abschlussmöglichkeiten als auf ihrer alten Position abfinden.

Während die Wölfinnen gegen Leverkusen auf ein neues System setzen, blieb das Personal das Gleiche. Tommy Stroot schenkte den Stammkräften aus der letzten Saison das Vertrauen, die Neuzugänge blieben auf der Bank. Es ist davon auszugehen, dass sich daran im Laufe der Saison nicht allzu viel ändern wird. Der VfL hat sich im Sommer vor allem in der Breite und mit Talenten verstärkt. Spielerinnen, die sofort Ansprüche auf einen Stammplatz anmelden können, wurden nicht verpflichtet.

5. Duisburg und Nürnberg sind die großen Abstiegskandidaten

Der MSV Duisburg und der 1.FC Nürnberg müssen sich gewaltig strecken, wenn es mit dem Klassenerhalt klappen soll. Beide Klubs galten schon vor Saisonstart als heißeste Abstiegskandidaten. Der erste Spieltag hat diesen Eindruck bestätigt. Die Zebras gingen in Hoffenheim sage und schreibe mit 0:9 unter, der Club startete mit einer satten 1:5-Heimspielpleite gegen Werder Bremen in seine erste Bundesliga-Saison. Beide Mannschaften ließen es am ersten Spieltag an fast allem vermissen. Der MSV hatte den Abstieg schon in der Vorsaison nur ganz knapp vermeiden können, personell hat sich beim Team von Trainer Thomas Gerstner nur wenig getan. Die Nürnbergerinnen sind als Aufsteiger von Natur aus in der Außenseiterrolle und müssen zudem verletzungsbedingt auf zahlreiche Leistungsträgerinnen verzichten. Aktuell ist es schwer vorstellbar, dass die Franken und der MSV die Liga halten können.

Das hängt auch damit zusammen, dass der zweite Bundesliga-Neuling RB Leipzig nicht als normaler Aufsteiger gelten kann. Die Sachsen haben einen deutlich größeren finanziellen Spielraum und bereits in der vergangenen DFB-Pokalsaison gezeigt, dass sie mit ihrem Kader in der Bundesliga mithalten können. Daran ändert auch die 1:2-Niederlage zum Start beim 1.FC Köln nichts, der nach der schwachen letzten Spielzeit ebenfalls zum erweiterten Kreis der Abstiegskandidaten zählt. Dasselbe gilt für Werder Bremen und mit Abstrichen für die SGS Essen (2:0 gegen Eintracht Frankfurt), die beide einen Traumstart in die neue Saison hingelegt haben.

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