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Fehler im System?

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„Never change a running system.“ Klar, weiß jeder. Dennoch war es alternativlos, dass sich der VfB Stuttgart weiterentwickelt. Einerseits durch die Abgänge von Gregor Kobel und Nico Gonzalez, andererseits durch die langfristigen Ausfälle von Silas und Sasa Kalaidzic. Aber auch, weil sich die Gegner immer besser auf die Spielweise des Teams von Pellegrino Matarazzo hatten einstellen können.

Zum Saisonauftakt gegen Fürth sah es so aus, als sei der VfB 2.0 ein voller Erfolg. Doch mittlerweile lässt sich feststellen, dass der Aufsteiger eher ein Commodore 64 als eine Playstation 5 ist. Gegen die beileibe nicht überragend gestarteten Leipziger setzte es eine 0:4 Klatsche, gegen Freiburg stand es nach weniger als 30 Minuten 0:3, bevor der VfB seine Aufholjagd startete, die am Ende aber doch ohne zählbares Ergebnis blieb. Fast das gleiche Erlebnis mussten die VfB-Fans am vergangenen Sonntag gegen Leverkusen bestaunen: Konfuse Anfangsphase, starkes Comeback, schwaches Finish. Zwischenzeitlich blitzt immer wieder auf, wozu das Team in der Lage ist. Die große Frage: Warum schafft es der VfB nicht, seine PS dauerhaft auf den Rasen zu bekommen? Ist es vielleicht sogar ein Fehler im Betriebssystem?

Eigentlich hatte man gedacht, die Offensive sei das größte Problem. Kein Wunder: Mit Silas und Kalajdzic fehlen dem VfB satte 27 Saisontore. Doch das Torverhältnis von 9:12 nach fünf Spieltagen zeigt deutlich, dass der Schuh eher in der Defensive drückt. Erstaunlich, schließlich ist die Dreierkette namens Mavropanos, Anton, Kempf komplett eingespielt. Dennoch fehlt – gerade in den Anfangsphasen – die nötige Stabilität. Wie schon gegen Freiburg zeigte der VfB auch gegen Leverkusen in der ersten halben Stunde stellenweise eine vogelwilde Abwehrleistung.

Das liegt zum einen daran, dass das Powerhouse Endo/Mangala bis jetzt gesprengt war und selbst der unermüdliche Japaner allmählich seinem Sommerprogramm mit der Olympiateilnahme und weiteren Länderspielen Tribut zollen muss. Wataru kann viel, aber nicht alles: So ging der entscheidende Fehlpass vor dem 0:1 gegen Leverkusen auf Endos Konto. Immer deutlicher wird auch, dass Florian Müller in seiner Debüt-Saison logischerweise dem VfB-Spiel noch nicht die Ruhe geben kann wie Gregor Kobel am Ende seiner zweiten Saison. Doch gerade in einer Partie wie gegen Leverkusen merkt man deutlich, dass eine ordnende Hand (und eine laute Stimme) sowie ein sauberer Spielaufbau fehlen, um das Spiel zu beruhigen und zu ordnen.

In der Offensive hingegen hat sich die Architektur komplett geändert. Gegen Leverkusen stürmen der endlich wieder genesene Coulibaly und Neuzugang Marmoush. Der zeigt zwar in der zweiten Halbzeit, dass sein Kopfballspiel durchaus passabel ist, aber grundsätzlich fehlen die Zielspieler für Borna Sosas Flanken, die allerdings auch schon mal präziser waren.

Wie schon gegen Freiburg benötigt der VfB gegen Leverkusen viel zu lange, um sein System hochzufahren. Während die Pillen sofort online sind und erstaunlich hoch pressen, muss sich der VfB viel zu lange orientieren. Erst die rote Karte für Robert Andrich ist dann so etwas wie ein Neustart für den VfB 2.0. Danach schien es, als würden endlich sämtliche System-Ressourcen geladen, mit denen der VfB in der vergangenen Saison begeistern konnte: Tempo, Risiko, Präzision, Spielwitz. Alles da.

Und tatsächlich: Die Zahlen sprechen für die Stuttgarter: Der VfB erspielte sich in der laufenden Saison die drittmeisten Chancen in der Bundesliga. Nur Bayern und Dortmund sind besser. Also ist man zu ineffizient? Nein: 25 Prozent der Chancen wurden genutzt. Damit liegt man im oberen Mittelfeld der Liga.

Der VfB 2.0 funktioniert also. Aber leider noch zu selten. Es gibt noch viel zu viele Bugs, gerade im Spiel gegen den Ball. Hier ist Pellegrino Matarazzo gefragt: Es muss sie im laufendem Betrieb fixen. Für eine frühe Beta-Version sind vier Punkte nach fünf Spielen nicht überragend, aber so gerade noch okay. Gegen Bochum gibt es jetzt aber einen echten Stresstest: Nicht nur für das Team, sondern auch für Stimmung.

Drei Punkte müssen her, um in Ruhe weiterarbeiten zu können. Ansonsten könnte es sein, dass Matarazzo und Mislintat erstmals seit der Derby-Niederlage der Wind ins Gesicht bläst.

Es gibt keinen Grund zur Panik, aber null Punkte aus den Heimspielen gegen Freiburg und Leverkusen sind eindeutig zu wenig. Aber zum Glück sehen das auch die Verantwortlichen so.

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