
Miasanrot
·2. April 2025
FC Bayern: Erinnerungskultur und Wiederentdeckung herausragender Persönlichkeiten

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·2. April 2025
„Erinnerungskultur“ – beim FC Bayern ist das mehr als die Erinnerung an große Siege in großen Spielen: Kurt Landauer, Richard Dombi, Otto Beer – dies sind nur einige der Protagonisten der langen und lange vergessenen jüdischen Historie des FC Bayern, die heute wie selbstverständlich zur Identität des Vereins gehört. Wie kam es dazu und was macht die besondere Erinnerungskultur des FC Bayern aus?
Artikel Nr. 1 einer Artikelserie unseres Gastautors Thomas Jaud aus unserer Miasanrot-Kurve.
“Erinnerungskultur”, wer hat diesen Begriff im Kontext des FC Bayern nicht schon oft gehört oder gelesen oder sogar schon den einen oder anderen Film dazu gesehen? Vielen dürfte das Thema Erinnerungskultur beim Rekordmeister nicht fremd sein. Aber woher kommt diese Form der Erinnerung, die weiter zurückreicht als nur bis zum Bundesliga-Aufstieg und den glorreichen 70-er Jahren?
Wer hat sich an Kurt Landauer, Otto Beer und all die anderen Protagonisten der ersten glorreichen Zeit beim FCB erinnert und erforscht, was aus ihnen geworden ist? Wer war dieser ehemalige Präsident, der die Roten 1932 erstmals zur Deutschen Meisterschaft geführt hat?
Wer waren die Leute, die den Verein mitgegründet, mitfinanziert und unterstützt haben? Warum interessiert sich ein Autor, der Biografien über Borussia Dortmund geschrieben hat, für die jüdischen Mitglieder des FC Bayern München? Was hat die Evangelische Versöhnungskirche der Gedenkstätte in Dachau und der Archivar der Stadt München (übrigens ein bekennender Blauer) mit der aufkeimenden Aufmerksamkeit für Erinnerung beim FC Bayern zu tun?
Wie kam es zur Choreo für Kurt Landauer und den Julius-Hirsch-Preis und damit auch zur Gründung der Kurt-Landauer-Stiftung? Wie kam es zur Wanderausstellung der Bayern und was wurde daraus?
Diese und noch viel mehr Fragen zur Entwicklung dieser Erinnerungskultur, welche heute sehr stark auch vom Verein gelebt wird und auf die viele Mitglieder und Fans des FC Bayern zu Recht sehr stolz sind, stellen sich, wenn versucht wird, sich mehr mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Dass sich befreundete Ultras untereinander zum Fußballspielen treffen, ist soweit ja nichts Besonderes. Aber dass die Ultras von der Schickeria 2006 ihr Turnier mit Kurt Landauer nach einem Mann benannten, den zu dieser Zeit kaum jemand im Umfeld des Vereins kennt, mag für viele eine Überraschung gewesen sein: Wer war dieser Mann?
Diese Zeiten sind vorbei. Wie selbstverständlich können heute viele Anhänger des Vereins Auskunft geben über die frühen Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Auch die Namen der Trainer und Spieler der ersten Meistermannschaft sind immer mehr geläufig. Das erste Trikot und das vermutlich erste Wappen des FC Bayern wurden kürzlich wiederentdeckt und stolz zum 125-jährigen Bestehen des Vereins präsentiert.
„Rot gegen Rassismus“ wird mit Verweis auf die Geschichte und die Werte des Vereins nicht nur präsentiert, sondern auch vom ganzen Verein gelebt. Klar positioniert sich der Club gegen neo-faschistische Bewegungen und grenzt sich gegen jede Form von Rassismus, Misogynie, Homophobie und Antisemitismus ab, das aber immer Hand in Hand mit den Fangruppen der Südkurve und den daraus entstandenen Institutionen. Warum ist das so und wer sind die Menschen dahinter, die dieses Engagement gestartet haben und weiterentwickeln?
Gerne wollen wir diese Themen genauer beleuchten und allen Interessierten hier vorstellen. Wie ihr Euch vorstellen könnt und wahrscheinlich auch bei den vielen Fragen auch schon gedacht habt, ist ein Artikel zu diesem Thema entweder viel zu wenig oder er wird viel zu lang.
Daher möchten wir bei entsprechendem Interesse in einer Reihe diese ganzen Fragen beantworten und aufzeigen, wie die Erinnerungskultur beim FC Bayern München zu dem geworden ist, was sie heute ist. Schreibt auch gerne in die Kommentare, was Euch besonders interessiert.
Beginnen wir mit den Anfängen der Erinnerung an herausragende Persönlichkeiten in der frühen Geschichte der Bayern. Lange Zeit nach der letzten Präsidentschaft und 36 Jahre nach seinem Tod wurde der Name Kurt Landauer erst im Jahr 1997 wieder in einer Publikation zusammen mit dem FC Bayern genannt. Man kann es als Ironie des Schicksals ansehen, dass es ausgerechnet ein “Blauer” war, der die frühen Protagonisten des FC Bayern wieder in die Öffentlichkeit brachte.
Als Archivar der Stadt München veröffentlichte Anton Löffelmeier mit weiteren Autoren ein Buch mit dem Namen “München und der Fußball – Von den Anfängen 1896 bis zur Gegenwart”. Darin werden unter anderem auch die Gründung des heutigen Rekordmeisters und seine frühen Erfolge beschrieben. Natürlich werden zur ersten Meisterschaft 1932 auch die beiden Hauptakteure genannt: Präsident Kurt Landauer und Trainer Richard “Little” Dombi. Einigen der fußballinteressierten Leser dieses Buches dürften diese Namen bei der Lektüre zum ersten Mal in ihrem Leben aufgefallen sein.
Aber dann dauerte es weitere sechs Jahre, bis der Name Landauer wieder in der Öffentlichkeit auftauchte. 2003 veröffentlichte Dietrich Schulze-Marmeling, der Jahre später auch der Autor der großen Chronik des FCB war, ein Buch mit dem Titel “Davidstern und Lederball – Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball”.
Im selben Zeitraum, in dem das Buch von Schulze Marmeling erschien, wurde in der Zeit ein Artikel mit dem Titel “Onkel Kurt und die Bayern” veröffentlicht. Darin wird erzählt, wie Uri Siegel seinen Onkel Kurt Landauer und die Beziehung zum FC Bayern München erlebte und was davon übrig geblieben war. In dem Artikel wird erstmals von der Leidenschaft und Hingabe erzählt, mit der Kurt Landauer seinen Verein unterstützte und förderte und welche Verwerfungen es in den Jahren aufgrund seiner jüdischen Herkunft gab.
Uri Siegel, Sohn einer Schwester Kurt Landauers, war bis zu seinem Tod im Jahr 2020 ein großer Unterstützer der Bemühungen, die Erinnerung an die “vergessenen Mitglieder” und vor allem an seinen Onkel wachzurufen.
Im selben und darauf folgenden Jahr erschienen im Clubmagazin des FC Bayern München unter dem damaligen Chefredakteur Peter Renner mehrere Artikel zu Richard Dombi und Kurt Landauer. Renner war mit seiner Unterstützung der Veröffentlichungen eine der ersten Personen beim FC Bayern München, die dazu beitrugen, den Namen Landauer bei den Mitgliedern des FC Bayern wieder bekannt zu machen.
Der Verfasser der Artikel war Andreas Wittner, ehemals Archivar des FC Bayern und “wandelndes Lexikon” in Sachen Geschichte des Clubs. Er war unter anderem mitverantwortlich für die Gründung des FC-Bayern-Museum, Initiator der Wanderausstelllung “Verehrt – Verfolgt – Vergessen”, Autor des Gedenkbuchs der verfolgten Mitglieder des FCB und vieles mehr. Andreas wird uns in der Historie der Erinnerungskultur noch öfter begegnen.
Mit diesen Veröffentlichungen wurde der Grundstein gelegt. Interessierte Mitglieder und Fans lasen erstaunt über die Geschichte ihres Vereins, die völlig unbekannt war und begannen, selber zu recherchieren. Was aus den Recherchen folgt, erfahrt im nächsten Teil der Geschichte um die Erinnerungskultur des FC Bayern München. Seid gespannt!