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Der Märchen-Präsident

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Baron Hieronymus Wolfgang Freiherr von Dietrich ist ein deutscher Sport-Funktionär und Finanzinvestor. Im Moment ist er noch Präsident des VfB Stuttgart e.V., Aufsichtsratsvorsitzender der VfB 1893 AG und war beteiligt an verschiedenen Unternehmen (u.a. der Quattrex Finance GmbH), die sich in der Finanzierung von Profi-Fußball-Clubs engagieren.

Freiherr von Dietrich ist ein spannender Geschichtenerzähler, der gerne Freunde, Untergebene und Medien mit gebeugten Wahrheiten und sehr selbstbezogenen Einschätzungen unterhält, das Ganze an einer opulenten Tafel sitzend, die gedeckt ist mit Ausreden, Phrasen und Märchen. So hören sich seine Ausführungen zu seinen Finanzbeteiligungen ganz harmlos an und die schlechteste Saison seines Vereins trotz der höchsten Investitionen ist für ihn nur eine kleine sportliche Delle. In Wirklichkeit hat er den VfB auf einer Kanonenkugel reitend in die zweite Liga katapultiert. Aber das macht Dietrich nichts, denn seine größte Stärke ist, dass er unbeirr- und unbelehrbar ist und seine tollkühnen Geschichten selbst glaubt. Dietrich interpretiert das „Ehrenamt“ des VfB-Präsidenten auf seine ganz eigene Art. Das Amt ist ihm wichtig, es mit Ehre auszufüllen dagegen anscheinend weniger.

Manche seiner Zuhörer bekommen bei seinen Erzählungen allerdings Kopfschmerzen. Es sind die sogenannten „Mitglieder“ seines Vereins. Bevor die ihn mit knapper Mehrheit zu ihrem Oberhaupt gewählt haben, hat er die eine oder andere Geschichte zu seinen Beteiligungen an Finanzierungsgeschäften für Fußballvereine geflissentlich verschwiegen. Jetzt erzählt er, alle hätten alles gewusst und schmückt seine Stories aus mit Ehrenerklärungen, vielen Firmennamen, fehlenden Handesregistereinträgen und Bilanzen, verwirrenden Verflechtungen und Beteiligungen. Damit schickt er seine Mitglieder in ein Labyrinth, in dem sie sich immer verlaufen. Freiherr von Dietrich hat auch eine ganz eigene Zeitrechnung. Als er 2016 zum Präsident wurde, kündigte er vollmundig an, sich sofort von allen Beteiligungen zu trennen. Zweieinhalb Jahre später, am 14. Mai 2019 wurde dies offiziell vollzogen. Gerade noch rechtzeitig vor dem Relegationsduell mit Union Berlin, denen er mit seiner Firma Quattrex Geld geliehen hat und an deren Erfolg sein Sohn Christoph Albert Wilhelm Dietrich partizipiert.

Seine Abenteuer sind in dem erfolgreichen Werk „Wunderbare Reisen in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga – Feldzüge und fabelhafte Geschichten des Freiherrn von Dietrich“ verarbeitet worden. Auf seiner Reise fand er fünf neue Freunde, die ihn seitdem begleiten:

Aus dem Freistaat Bayern sein großes Vorbild Uli Hoeneß, dem er eifrig nachzueifern versucht. In punkto Sympathiewerte hat er es schnell geschafft.

Der windige Perlentaucher Michael Reschke, der sich mit den finanziellen Zuwendungen Dietrichs eine luxuriöse Stuttyacht gekauft hat.

Der lustige SWR-Moderator Michael Antwerpes, der keine Wirtschaftssendung moderieren möchte und ein wohlfeiler Zuhörer seiner fantastischen Geschichten ist.

Wilfried Porth vom Adelsgeschlecht Mercedes, der genau so einen Präsidenten wie Dietrich wollte und der an seiner Seite mit allen Mitteln gegen Kritiker kämpft.

Die sympathische Identifikationsfigur Thomas Hitzlsperger, dessen Beliebtheit bei den Fans er als stabiles Schutzschild benutzt.

Der 70-jährige Freiherr von Dietrich hat angesichts des Abstiegs seines Vereins schon bessere Tage gesehen. Aber man darf ihn nie abschreiben, er ist ein gerissener und gewissenloser Taktiker. Ihm sind überraschende Husarenstücke jederzeit zuzutrauen. So darf man Winkelzüge wie aus heiterem Himmel von ihm erwarten, wenn es am 14. Juli zur Mitgliederversammlung seiner Gefolgschaft kommt.

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