Das Puzzleteil: Warum heute ein anderer Mario Götze gegen Bayern antritt | OneFootball

Das Puzzleteil: Warum heute ein anderer Mario Götze gegen Bayern antritt

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Max von Stuckrad-Barre

Oliver Glasner ist kein Deutscher. Das macht natürlich nichts und ist normalerweise auch völlig egal, doch am Montagabend spielte es doch eine Rolle, dass der Frankfurter Trainer nicht aus Deutschland kommt.

Nach dem Pokalspiel gegen den FC Magdeburg wiederholten Male nach Mario Götze gefragt, entgegnete Glasner verwundert: „Ich amüsiere mich ein bisschen, dass mich jeder nach Mario fragt, obwohl Daichi Kamada zwei Tore geschossen hat.“

Was einen Österreicher amüsiert, ist für den gemeinen Fußballdeutschen glasklar: Dass Mario Götze zurück in Deutschland ist, geht uns alle an. Wahrscheinlich hätte Daichi Kamada auch fünf Tore schießen und beim Torjubel Filip Kostić jedes Mal einen Zungenkuss geben können, Mario Götze wäre trotzdem die größere Schlagzeile gewesen.

Denn so sehr Fußballfans bereit sind, sich von verdienten Spielern abzuwenden, sobald sie keine Leistung mehr bringen: Mit dem Weltmeisterschaftsfinal-Torschützen ist das nicht so einfach.

Nach Rio 2014 war sein Schicksal stets von nationalem Interesse, erst die enttäuschende Zeit beim FC Bayern, dann die gefeierte Rückkehr nach Dortmund. Die mediale Aufmerksamkeit hatte er durch ein einziges Tor auf Jahre hin gepachtet.

Doch während alle hofften, der Mario Götze von 2014 käme allein durch ein schwarz-gelbes Trikot zurück, verschwand eben dieser immer mehr zwischen fast fließend ineinander übergehenden Formkrisen. Eine schwere Stoffwechselerkrankung warf ihn noch weiter zurück, bis schließlich vom Weltmeister nicht mehr viel übrig war und es bisweilen wirkte, als hätte er es verlernt, Mario Götze zu sein. Der Weg zu dem Spieler, der er mal war, wurde immer weiter.

Weil es aber ohnehin irgendwann kaum noch möglich ist, wieder der Alte zu sein, wenn man mittlerweile um Jahre älter ist, hörte er irgendwann auf, es zu versuchen. Und erfand sich neu.

Abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit generalüberholte er sein Spiel in den Niederlanden bei der PSV Eindhoven. Er reduzierte es auf weniger spektakuläre, dafür aber umso klügere Aktionen. Aus einem Spieler, der früher sowohl zweistellig traf als auch auflegte, wurde einer, der vor allem anderen zuarbeitet.

Die Neuerfindung Götzes ist, um hier einen sehr weit hergeholten Vergleich zu bemühen, der Rückkehr eines der größten lebenden Rock-Gitarristen ähnlich. Als John Frusciante 1998 nach mehreren Jahren schwerer Drogenkrankheit zu den Red Hot Chili Peppers zurückkehrte, konnte er kaum noch Gitarre spielen.

Weil er schlicht nicht mehr dazu fähig war, verzichtete er fortan auf wilde, rasend schnelle Solos und eignete sich eine weniger spektakuläre, reduzierte Spielweise an, die mehr Raum für Bass, Schlagzeug und Gesang ließ und so vor allem seine Bandmitglieder in Szene setzte. Er spielte nicht mehr wie John Frusciante und trotzdem sind die in der Folge entstandenen, weniger funkigen, dafür aber melodischeren Lieder wie Californication bis heute die beliebtesten.

Der Spieler, den Eintracht Frankfurt nun verpflichtet hat, spielt nicht mehr wie Mario Götze, sondern eben viel subtiler und unauffälliger. Wie eine einen Kopf kleinere Version von Sergio Busquets. Der für Barcelona selten Tore schießt oder Vorlagen gibt, sondern die vorletzten Pässe spielt, mit denen er nicht auffällt, aber das so wichtige Puzzleteil ist, das auch Götze nun für Eintracht Frankfurt sein könnte.

Wie das dann aussieht, zeigte seine Beteiligung am 1:0 gegen Magdeburg, als er genau das machte, was man in Frankfurt von einem Puzzleteil erwartet: Den Ball im richtigen Moment an Filip Kostić geben.

Ohne Torbeteiligung wurde der so schön unspektakulär spielende Götze am Montag zum Man of the Match gewählt. Und dass Fußballdeutschland auch diesen unspektakulären Mario Götze liebt, zeigte das große Echo auf sein SGE-Debüt.

Das versteht auch der amüsierte Oliver Glasner, der im Interview noch hinterher schob: „Normalerweise wird immer nach dem Torschützen gefragt oder nach dem Torhüter, der einen Elfmeter hält. Das zeigt einfach, welchen Stellenwert Mario in Deutschland immer noch genießt. Und er hat das heute eindrucksvoll bewiesen.“

Um zu erkennen, dass auch der neue Götze noch fähig ist, uns alle zu verzaubern, muss man also kein Deutscher sein.