Coutinhos Zauber verflogen? Was den kleinen Magier mit Spiderman verbindet | OneFootball

Coutinhos Zauber verflogen? Was den kleinen Magier mit Spiderman verbindet

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Matti Peters

Der blau-rot gekleidete Held fliegt durch die Lüfte und schwebt fast schwerelos weit über dem Rest der Welt. Als er jedoch am Höhepunkt seiner Flugbahn ankommt, verlassen ihn plötzlich seine Kräfte und er kracht mit rasender Geschwindigkeit auf den Erboden.

Diese Szene aus dem zweiten Spiderman-Film mit Tobey Maguire ist nicht die einzige Parallele zur Karriere von Philippe Coutinho, der noch vor vier Jahren in einem Atemzug mit Messi, Ronaldo und Neymar genannt wurde. Sah sein damaliger Wechsel zu Barcelona für 135 Millionen Euro zunächst wie die Aufnahme in den elitären Kreis der Fußball-Avengers aus, folgte wenig später der sportliche Absturz eines Superstars, der plötzlich wieder ganz menschlich wirkt.

Ähnlich wie bei der an Fäden schwingenden Marvel-Figur ging es in Coutinhos Laufbahn nach erreichten Höhepunkten immer erstmal abwärts, bevor er sich danach wieder nach oben katapultierte. Wenn er vor seinem Winterwechsel von Liverpool nach Barcelona auf seinen Förderer Jürgen Klopp gehört hätte, hätte er sich aber vielleicht zumindest das letzte Tief ersparen können.

„Wenn du hier bleibst, wird man dir zu Ehren eine Statue errichten. Geh woanders hin, nach Barcelona, zu Bayern München, zu Real Madrid, und du wirst nur ein weiterer Spieler sein. Hier kannst du etwas mehr sein“, warnte ihn sein damaliger Coach vor einem Abschied.

Klopp würde recht behalten. Coutinho spielte mit sieben Toren und genauso vielen Vorlagen in 18 LaLiga-Spielen eine ordentliche Rückrunde in Barcelona. Es sollte allerdings seine beste Zeit bei den Blaugrana bleiben, denn in der folgenden Spielzeit klappte wenig. Der Gestalter blühte im Schatten Messis nicht so auf wie erhofft und suchte vergeblich seine Rolle im Spiel der Katalanen.

Die schwere Aufgabe, Neymar zu ersetzen, der große Druck der Mega-Ablöse und daraus resultierende Selbstzweifel sorgten ebenfalls dafür, dass der „Little Magician“, wie ihn die Liverpool-Fans noch genannt hatten, seine magischen Fähigkeiten verlor. Ganz ähnlich wie es dem emotional überforderten Spiderman passierte, der plötzlich wieder deutlich mehr Peter Parker als Superheld war.

Dabei ließ auch Superstar Lionel Messi nichts unversucht, den begnadeten Techniker in die Spur zu bringen, ihm neuen Zauber einzuflüstern. Der Argentinier überreichte Coutinho ein rotes Armband, das ihm endlich mehr Glück bringen sollte. Ein Talisman, den der Brasilianer Jahre später noch heute trägt.

Mit seinem Barça-Vorgänger Neymar verbindet ihn eine gemeinsame Vergangenheit. In der Jugend duellierten sie sich häufig bei den brasilianischen Stadtmeisterschaften. Anders als der begnadete Paradiesvogel ist Coutinho aber eher introvertiert.

Das dürfte ihm auch seine Zeit bei Inter, seiner ersten Station in Europa, erschwert haben. Die Mailänder hatten 2010 gerade die Champions League gewonnen, als sich der 18-jährige Edeltechniker im Sommer anschloss. José Mourinho, der einer der größten Befürworter des Transfers war, hatte die Nerazzurri jedoch in Richtung Madrid verlassen.

2015 bezeichnete Coutinho die Zeit in Italien gegenüber ‚CNN‘ als die „schlimmste Phase meiner Karriere“. Mit Trainern, die ihn nicht nach Mailand gelotst hatten, mit vielen Blessuren und vor allem Anpassungsschwierigkeiten, wie sie nicht selten bei Spielern von außerhalb Europas sind.

Der erste Höhenflug in Europa gelang ihm während der Leihstation bei Espanyol in Barcelona. Dort zeigte er, was er leisten kann, wenn ein Trainer ihm Vertrauen und alle Freiheiten schenkt. Nach seiner Rückkehr zu Inter folgte jedoch erneut Stagnation. Es ging wieder abwärts.

Ein weiterer Ortswechsel an die Liverpool Bay sorgte den für den bislang größten Aufschwung. Geniale Passfähigkeit, höchstpräzise Standards und Dribblings zum Dahinschmelzen. In Liverpool gelang vieles, was bei Inter noch im Rohr krepierte. Mit zunehmender Spielzeit blühte der Offensivakteur immer weiter auf und avancierte zum Weltstar.

Von diesem Ruf ist vier Jahre später nicht mehr viel übrig geblieben. Zwar gewann Coutinho mit Barcelona zwei Mal die spanische Meisterschaft, aber letztlich hatten sich alle Parteien mehr von dem Deal versprochen.

Zwischendurch war der heute 29-Jährige für satte 8,5 Millionen Euro an den FC Bayern ausgeliehen worden. Dort hoffte er darauf, dass seine Spidey-Kräfte zurückkehren würden und er sich wieder nach oben schwingen könnte. Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidžić zeigte sich begeistert von dem Showtransfer, bezeichnete Coutinho als „Weltklassespieler“.

Die neuentfachte Euphorie hielt jedoch nicht lange. Bis auf eine Gala gegen Werder Bremen (Dreierpack und zwei Vorlagen), eine überragende Viertelstunde bei der 8:2-Ohrfeige für seinen Stammverein Barcelona (zwei Tore und eine Vorlage) ist nicht viel von den restlichen 36 Pflichtspielen in Erinnerung geblieben. Silberware gab es zwar reichlich, aber sein Anteil daran war überschaubar.

Bayern zog die die Kaufoption von 120 Millionen Euro bekanntlich nicht, begründete das zum Teil mit der Corona-Pandemie, dem Gehaltsgefüge oder dem Verletzungspech des Brasilianers. Auch bei seiner Rückkehr zu Barça machte ihm sein Körper einen Strich durch die Rechnung. Im Sommer drauf folgte das große Messi-Beben, auch Antoine Griezmann flüchtete. Und Coutinho? War immer noch da. Nicht zuletzt, weil Barça einfach keinen Abnehmer für den Topverdiener fand.

Coutinho blieb die undankbare Aufgabe die jungen Wilden wie Ansu Fati, Gavi und Co. zu entlasten. War er bis zur Koeman-Entlassung zumindest noch als Ergänzungsspieler im Einsatz, blieb er unter Xavi dann fast ganz außen vor.

Und nun ging es wieder zurück in die Premier League, wiedervereint mit seinem ehemaligen Teamkollegen Steven Gerrard, der Aston Villa als neuer Trainer übernommen hat. Gerrard weiß, zu welchen Glanzleistungen seine neue Nummer 23 fähig ist, wenn man ihm vertraut und ihn fördert. „Du bekommst den Spitznamen ‚Der Magier‘ nicht, wenn du kein besonderer Fußballer bist“, sagte er deshalb direkt bei der Vorstellung Coutinhos.

Der dankte es im bei seinem Debüt gegen Manchester United gleich mit einem Tor und einem Assist. Gerrard könnte genau der richtige Trainer sein, um Coutinho nach oben zu bringen. Die Hoffnung besteht, dass er seine Selbstzweifel durch das entgegengebrachte Vertrauen wieder ablegen kann und es für ihn endlich wieder aufwärts geht. Es würde zumindest zum Rest seiner Karriere passen.