Coaches bei Top-Klubs: Warum "Stallgeruch" trendet

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Andrea Pirlo wird überraschend zum Chefcoach bei Juventus Turin befördert. Das Vorgehen liegt allerdings bei internationalen Top-Klubs im Trend. Ehemalige Weltklasse-Spieler sollen ihren Ex-Verein zum Erfolg führen.

Als der FC Bayern für die Saison 2018/19 Niko Kovac als neuen Chefcoach bekanntgab, wurde vom Verein auch der Faktor "Stallgeruch" für die Verpflichtung des Kroaten angeführt. Kovac hatte kurz nach der Jahrtausendwende zwei Jahre für die Münchner im Mittelfeld gespielt. Die Eingewöhnung als Trainer sollte Kovac demnach leichter fallen, bei Struktur und Philosophie der Münchner herrschte allem Anschein nach Einigkeit vor. In der Praxis brauchte Kovac dann aber doch eine gewisse Anlaufzeit, um am Ende das Double mit dem FC Bayern zu gewinnen. Das Wort "Stallgeruch" kam dabei vor allem bei den Bayern-Fans auf Twitter und einigen Bloggern sehr in Verruf. "Stallgeruch", Kovac und Erfolg bei Bayern passten für sie eher nicht zusammen. Die Saison darauf wurde Kovac nach einem Negativlauf auch schnell entlassen.

Beckenbauer reüssierte bei Bayern als Spieler und Coach

Doch dieses Einzelbeispiel wird dem Thema "Stallgeruch" nicht gerecht. Im Kern geht es um die Frage, ob es sinnvoll ist, einen ehemaligen Spieler als Coach im Verein zu installieren, um schneller und mit weniger Reibungsverlusten bei Reformen zu großen Erfolgen zu gelangen. Fußball-historisch gesehen gibt es dafür auf internationalem Top-Niveau keine eindeutige Antwort - und der FC Bayern ist dafür eigentlich das schlechteste Beispiel. Die Münchner haben in ihrer Geschichte nur äußerst selten einen Ex-Spieler als Coach geholt - und wenn, dann ging es fast immer schief. Sören Lerby und Jürgen Klinsmann gingen nach wenigen Monaten, Niko Kovac gewann immerhin zwei Titel. Glorreiche Ausnahme bleibt Interimstrainer Franz Beckenbauer, der 1994 noch den Meistertitel mit dem FC Bayern gewann und 1996 den UEFA-Cup. 

Auf der anderen Seite gibt es legendär-erfolgreiche Beispiele aus dem Ausland. Pep Guardiola gewann mit dem FC Barcelona als Spieler und Trainer mehrfach die Champions League, ebenso Zinedine Zidane bei Real Madrid. Beim Thema "Stallgeruch" gilt es also wirklich auf die einzelnen Fallbeispiele zu blicken. Derzeit aber ist ein Mega-Trend bei den Top-Klubs festzustellen: Nach Rückschlägen engagieren sie legendäre Ex-Spieler, um wieder große Erfolge einzufahren.

Solskjaer und Lampard führen ManUnited und Chelsea an

Manchester United beispielsweise lag vergangene Saison weit abgeschlagen von den Top Fünf der Tabelle in der Premier League entfernt. ManUnited tauschte daraufhin im Dezember 2018 Jose Mourinho durch den Champions-League-Sieger von 1999, Ole Gunnar Solskjaer, aus. Fortan ging es für die Red Devils bergauf. ManUnited spielt nächste Saison wieder Champions League, der Angriff auf Platz eins in der Premier League soll folgen.

Ähnlich verhält es sich beim FC Chelsea. Ex-Spieler Frank Lampard, Champions-League-Sieger von 2012, ersetzte im Sommer 2019 Maurizio Sarri, der in London trotz Europa-League-Triumph kaum zurecht gekommen war. Lampard bekommt nun die Zeit, bei den Blues eine junge Mannschaft aufzubauen, die in der Premier League bald wieder um den Meistertitel mitspielt.

Zidane gewinnt mit Real drei Mal die CL

Bei Real Madrid geriet man mit Rafael Benitez 2015/16 in Turbulenzen - schnell wurde der ehemalige Erfolgscoach des FC Liverpool durch Zinedine Zidane ersetzt. Der Franzose, mit Real schon als Spieler Champions-League-Sieger 2002, machte Real zum Meister 2017 und holte drei Mal die Champions League in Folge - Rekord! Nach Zidanes Abgang 2018 lief es erneut schlecht bei Real, zwei Coaches (Lopetegui, Solari) warfen schnell das Handtuch - und erneut kam Zidane als "Retter" zurück. Dieses Mal reichte es immerhin dazu, den FC Barcelona nach zwei Meistertiteln in Folge zu stoppen.

Das wiederum dürfte Auswirkungen auf den FC Barcelona haben. Bei den Katalanen gelten die Tage von Quique Setien, erst seit Januar im Amt, als gezählt. Zur neuen Saison könnte mit Xavi ebenfalls ein ehemaliger Champions-League-Sieger das Regiment bei den Katalanen übernehmen. Barca hat mit "Stallgeruch"-Coaches besonders gute Erfahrungen gemacht. Schon Pep Guardiola gewann als Spieler (1992) und Trainer (2009 und 2011) die Königsklasse. Nicht zu vergessen: Luis Enrique, der mit Barca als Spieler den Europacup der Pokalsieger (1997) gewann - und als Trainer das Triple (2015).

Pirlo ersetzt Sarri

In Italien setzt nun also auch Juventus Turin auf diesen Schachzug. Wie bei Cheslea wird Maurizio Sarri trotz einem Titelgewinn (Meisterschaft in Serie A) erneut von einem Ex-Profi ersetzt: Andrea Pirlo. Der Weltmeister von 2006 gewann als Spieler des AC Mailand zwei Mal die Champions League. Als Spieler von Juventus Turin holte der Mittelfeldstratege vier Meistertitel in Folge, musste aber das Champions-League-Finale von 2015 an den FC Barcelona verloren geben. Pirlo verkörpert die Mischung aus Erfolg, Eleganz, natürlicher Anerkennung und "Stallgeruch", wodurch er Juventus auch in Europa wieder an die Spitze führen soll.

Flick hat mit dem FC Bayern Erfolg

In der Bundesliga, wie eingangs erwähnt, setzt der FC Bayern neuerdings konsequent auf die Methode "Stallgeruch". Als Niko Kovac im Herbst vergangenen Jahres entlassen wurde, übernahm Co-Trainer Hansi Flick das Amt des Chefcoaches. In beeindruckend kurzer Zeit brachte Flick alle Bereiche auf Vordermann und holte erneut das Double mit den Münchnern. Kam nun Flick zugute, dass er als Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft fast zehn Jahre alle Entwicklungen des Top-Fußballs aufsaugen konnte? Oder war es für ihn ebenso ein Vorteil, selbst Spieler des FC Bayern gewesen zu sein? Denn Flick spielte von 1985 bis 1990 für die Münchner. Rein zufällig wie die Pirlos, Zidanes, Guardiolas und Lampards im Mittelfeld.

Das Einzige, was Flick von den anderen Coaches mit "Stallgeruch" bei einem Top-Klub unterscheidet: Er verlor 1987 mit dem FC Bayern in dramatischer Weise das Europapokalfinale der Landesmeister. Gegen den FC Porto gab es nach 1:0-Führung noch eine 1:2-Niederlage. Porto traf in Minute 77 und 80. Münchner Überheblichkeit wurde damals bestraft. Womöglich eine "Stallgeruch"-Erfahrung, die Flick nun hilft, in der aktuellen Saison die Champions League mit den Münchnern in aller Bescheidenheit zu gewinnen. Dann hätte Flick etwas anderes mit Pep Guardiola (2009) und Luis Enrique (2015) gemeinsam: Flick dürfte sich Triple-Sieger nennen.