BVB vor dem Derby – Ambitionen und Ungewissheit

Logo: 90PLUS

90PLUS

Artikelbild: BVB vor dem Derby – Ambitionen und Ungewissheit

Der BVB startete ohne ein konkretes Ziel, aber mit hohen Ambitionen in die Saison. Der Auftakt verlief nahezu perfekt, doch eine Niederlage in Augsburg ließ alte Muster erkennen und warf Fragen auf. Zuletzt folgten Siege gegen den SC Freiburg und die TSG Hoffenheim, dann wiederum eine Niederlage bei Lazio Rom. Nun steht für die Mannschaft von Lucien Favre das 157. Revierderby im heimischen Westfalenstadion an.

Die zwei Gesichter des BVB

Bereits die Zielsetzung der BVB-Verantwortlichen für die Saison 2020/21 sorgte für Ungewissheit. Während Hans-Joachim Watzke (61) vor Beginn der letzten Spielzeit offen kommunizierte, dass das Saisonziel die deutsche Meisterschaft sei, hielt sich der BVB-Geschäftsführer vor dem Start der laufenden Spielzeit zurück. Eine mögliche Erklärung für die Zurückhaltung ist, dass die Führungsetage dem BVB-Trainer Lucien Favre (62) den medialen Druck im letzten Vertragsjahr ersparen möchte. Von Ambitionslosigkeit ist in Dortmund hingegen keine Spur erkennbar. Nach dem 5:0-Sieg in der ersten DFB-Pokalrunde gegen den MSV Duisburg kommunizierte der ansonsten eher wortkarge Dortmunder Trainer ungewohnt deutlich, dass man “den Pokal gewinnen wolle”.

Der Bundesliga-Auftakt verlief ideal, am 1. Spieltag gewann die Favre-Elf mit einem souveränen 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach. In der BVB-Offensive unterstrichen Jadon Sancho (20), Giovanni Reyna (17) und Erling Haaland (20) ihren Hochbegabtenstatus. Im Mittelfeldzentrum gab der 17-jährige Neuzugang Jude Bellingham sein überzeugendes Bundesliga-Debüt. Wenn der BVB konstant auf diesem Niveau spielen würde, könnten sich die Fans berechtigte Hoffnungen auf einen Titelgewinn machen. Die Dortmunder Mannschaft brillierte mit Kreativität und Spielfreude, doch am 2. Spieltag sollte schon der erste Rückschlag folgen.

BVB: “Alte” Lethargie nicht abstellbar

Die Dortmunder reisten als Favorit zum Auswärtsspiel beim FC Augsburg, doch verloren mit 0:2 und zeigten eine enttäuschende Leistung. Die Augsburger verteidigten diszipliniert und konnten trotz 20% (!) Ballbesitz im eigenen Stadion dreifach Punkten. Die Gastgeber legten den Fokus darauf, die Räume in der eigenen Hälfte zu verengen und präsentierte sich deutlich cleverer als die junge BVB-Mannschaft. Der BVB wirkten ideenlos und wussten mit dem Ballbesitz nicht viel anzufangen. Diese Niederlage warf in Dortmund Fragen auf, zumal beim BVB in der jüngeren Vergangenheit nicht der erste überraschende Punktverlust in der Fremde gegen einen qualitativ schwächeren Gegner war. Bei den Erklärungsversuchen gehen die Ansätze weit auseinander. Bereits in der vergangenen Saison wurden die Themen Mentalität und Taktik bei den Schwarz-Gelben bis ins Detail diskutiert.

Unter der Woche präsentierte der BVB sich dann im DFL-Supercup mit dem FC Bayern München auf Augenhöhe, verlor jedoch knapp mit 3:2. Es folgte ein überzeugender 4:0-Heimsieg gegen den SC Freiburg, bei dem die Dortmunder sich besonders in der zweiten Halbzeit von ihrer besseren Seite zeigten. In der anschließenden Länderspielpause zog Nico Schulz (27) sich einen Muskelfaserriss zu und Manuel Akanji (25) wurde positiv auf Corona getestet. Da zudem Marcel Schmelzer (32/Knie-Operation), Dan-Axel Zagadou (21/Außenbandriss) und Thorgan Hazard (27/Muskelfasserriss) nicht einsatzfähig waren, kam es in der Innen- und Außenverteidigung zu Engpässen.

Das Transferfenster war zu diesem Zeitpunkt noch geöffnet und bis kurz vor Transferschluss wurde darüber spekuliert, ob Michael Zorc (58) noch einen Innenverteidiger verpflichten würde. Zwischenzeitlich wurde Barca-Innenverteidiger Jean-Clair Todibo (20) mit dem BVB in Verbindung gebracht. Schlussendlich verzichtete man in Dortmund auf die Verpflichtung eines weiteren Innenverteidigers, was Favre zur Improvisation zwingen sollte. Die Personalsituation der Dortmunder brachte jedoch auch Gewinner hervor. Felix Passlack (22), zuvor von vielen abgeschrieben, gab gegen Gladbach ein beachtliches Comeback und kam in vier von fünf Bundesliga-Spielen zum Einsatz.

Improvisation in der BVB-Innenverteidigung geglückt

Nach der Länderspielpause traf der BVB in der Bundesliga auf die TSG 1899 Hoffenheim. Aufgrund des engen Terminkalenders rotierte Trainer Favre in der Startaufstellung und ließ mit Marco Reus (31), Raphael Guerreiro (26), Bellingham sowie Haaland mehrere Stammspieler auf der Ersatzbank. In der Offensive hatte der Schweizer die Wahl zur Rotation, in der Innenverteidigung war diese hingegen unausweichlich. Favre entschied sich in der Innenverteidigung für eine Dreierkette aus Lukas Pisczcek (35), Mats Hummels (31) und Emre Can (26). Zu allem Unglück musste Pisczcek nach einem Zweikampf früh verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Die Improvisationslösung hieß Thomas Delaney (29). Der Däne spielte eine souveräne Partie auf der linken Halbverteidigerposition, die Adaption der ungewohnten Rolle gelang ihm gut.

In der Offensive lief es für die Dortmunder hingegen eher schleppend. Ein Treffer des eingewechselten Reus in der 76. Minute genügte um drei Punkte zu verbuchen. Die Rotationself des BVB zeigte gegen mäßige Hoffenheimer, die einige Ausfälle wegen Corona zu verkraften hatten, keine Glanzleistung. Dennoch kann man den Auftritt gegen die TSG Hoffenheim uneingeschränkt als Erfolgserlebnis bezeichnen. Die Dortmunder feierten damit den ersten Bundesliga-Sieg in Sinsheim seit dem 16. Dezember 2012.

Erschreckender BVB-Auftritt in Rom

Für den BVB folgte der Champions League-Auftakt gegen Lazio. Zuletzt musste die Italiener eine 0:3-Niederlage beim Sampdoria Genua hinnehmen, was durchaus zu dem schwachen Saisonstart in der Serie A passte. Bei den Buchmachern wurden die Dortmunder somit vor dem Spiel als leichter Favorit gehandelt. Ein besonderes Wiedersehen gab es mit Ciro Immobile (30). Der Italiener, der sich in Dortmund nie richtig wohl fühlte, ist in der Heimat endgültig zu einem Stürmer der Weltklasse gereift. In der vergangenen Saison verzeichnete Immobile in 37 Einsätzen herausragende 36 Treffer und wurde zum Torschützenkönig der Serie A gekrönt.

Der Auftritt des BVB in Rom weckte Erinnerungen an die Niederlage in Augsburg. Bereits nach sechs Minuten traf Immobile nach einem Ballverlust von Thomas Meunier (29) zum 1:0. In der 23. Minute erhöhte Luiz Felipe (23) nach einem Eckball auf 2:0. Der BVB wirkte in Defensive vollkommen überfordert und in der Offensive planlos, der daraus resultierende Spielstand ging zu diesem Zeitpunkt vollkommen in Ordnung. Im weiteren Spielverlauf ergaben sich in der anfangs noch so kompakten Lazio-Defensive mehr Lücken und Haaland gelang in der 71. Minute der Anschlusstreffer. Die Hoffnung auf einen Punktgewinn in Rom hielt nur kurz an. In der 76. Minute fiel nach einem Konter der Treffer zum Endstand, das 3:1.

Im Stadio Olimpico präsentierte der BVB sich naiv, fehleranfällig und besonders unmittelbar nach Spielbeginn ohne jegliches Selbstvertrauen. In Anbetracht der hohen Ambitionen und des Potentials im BVB-Kader sorgte die Leistung für Frust im gesamten Vereinsumfeld. Die Niederlage gegen Lazio offenbarte, dass es den handelnden Personen nicht gelungen ist, ein Mittel gegen die anhaltende Auswärtsschwäche zu finden.

BVB-Trainer Favre – Weiterhin in der Diskussion

Die Zukunft von Favre bleibt in Dortmund ein Dauerthema. Während die BVB-Verantwortlichen vor Beginn der vergangenen Saison den Vertrag des Schweizers bis 2021 verlängerten, um eine Trainerdiskussion zu vermeiden, verzichteten die BVB-Verantwortlichen in diesem Sommer auf eine erneute Verlängerung. Somit befindet sich Favre beim BVB im letzten Vertragsjahr und auf eine Ausdehnung der Laufzeit deutet aktuell wenig hin. Nach Informationen der Sportbild hegten einige Spieler bereits unmittelbar nach dem Saisonstart Zweifel daran, ob man mit dem Schweizer an der Seitenlinie Titel gewinnen könne. Wirft man einen Blick auf Favres Bilanz gegen europäische Topklubs, merkt man, dass diese Zweifel nicht ganz unbegründet wären.

Seit dem Amtsantritt des Schweizers leidet der BVB unter einer auffälligen Auswärtsschwäche. Die Gastspiele bei Atletico Madrid, den Tottenham, Inter, dem FC Barcelona und Paris St.-Germain verlor man mit mindestens zwei Toren Abstand. In der Bundesliga verloren die Dortmunder die letzten beiden Vergleiche mit dem FC Bayern München in der Allianz Arena mit 4:0 und 5:0. Während die hochbegabten BVB-Talente sich stetig weiterentwickeln, wirkt es so, als wäre die Mannschaft im Verbund nicht lernfähig.

Punkteschnitt beim BVB spricht für Favre

Die Kritik, die an Favre geäußert wird, befindet sich dennoch auf hohem Niveau. Mit einem überragenden Wert von 2,14 Punkten pro Bundesliga-Partie weist der Schweizer den besten Punkteschnitt aller BVB-Trainer seit Gründung des Vereins vor. Zuletzt bestätigte Watzke im aktuellen Sportstudio, dass man in der Führungsetage mit der Arbeit des Trainers “sehr, sehr zufrieden sei”. Die Zukunft des Schweizers ist dennoch ungewiss, was auch daran liegt, dass der Schweizer mit dem BVB noch keinen Titel gewinnen konnte.

Eine endgültige Entscheidung in der Causa Favre wird voraussichtlich erst im kommenden Jahr fallen. Mit einem Titelgewinn würde der 62-Jährige ein aussagekräftiges Argument für eine Vertragsverlängerung liefern, doch in den nationalen Wettbewerben sind die Rollen klar verteilt. Den Favoritenstatus hat, wie jedes Jahr, der amtierende Champions League-Sieger aus München inne.

Trotz Ungewissheiten – Favoritenrolle für BVB im Revierderby

Zuletzt waren rund um den BVB eher negative Schlagzeilen zu lesen, doch vergleicht man die Situation dem Reviernachbarn aus Gelsenkirchen, wirken die Probleme der Dortmunder absurd klein. Der FC Schalke 04 ist Monaten von Krisen geplagt und die Mannschaft von Trainer Manuel Baum (41) wartet seit mittlerweile 20 Pflichtspielen (!) auf einen Sieg. Zudem befinden die Königsblauen sich in finanziellen Schwierigkeiten.

Drei Punkte im Revierderby sind für die Mannschaft von Favre angesichts der eigenen Ambitionen zur Pflichtaufgabe geworden, aufgrund der fehlenden Konstanz allerdings keine Selbstverständlichkeit. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Schalker in Dortmund überraschen würden. Am 31. Spieltag der Bundesliga-Saison 2018/19 verloren die Dortmunder überraschend gegen den Erzrivalen und ließen entscheidende Punkte im Meisterschaftsrennen liegen. Der BVB galt auch damals als klarer Favorit, während es für den FC Schalke 04 aus sportlicher Perspektive kaum noch eine Rolle spielte, ob man eine enttäuschende Saison auf dem 15. oder dem 13. Tabellenplatz beendete. Daran, dass die Schalker das lang ersehnte Erfolgserlebnis am kommenden Samstag im Westfalenstadion feiern werden, glauben dennoch nur die wenigsten.

(Photo by Andreas Gebert – Pool/Getty Images )