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·29. September 2022

Bundesliga | Komplizierte Serie, simple Lösung – wie der FC Bayern aus seinem Tief kommen kann

Artikelbild:Bundesliga | Komplizierte Serie, simple Lösung – wie der FC Bayern aus seinem Tief kommen kann

Spotlight | Mit 0:1 unterlag der FC Bayern vor der Länderspielpause in Augsburg, blieb damit im vierten Bundesligaspiel in Folge sieglos. Für Trainer und Mannschaft wird es in den nächsten Wochen vor allem auf eines ankommen: Konsequenz.

Niederlage in Augsburg als Sinnbild der vergangenen Wochen

Es lief die 94. Minute in der WWK Arena zu Augsburg, als der FC Bayern, 0:1 in Rückstand, einen allerletzten Eckball bekam. Joshua Kimmich servierte. In der Mitte kam Manuel Neuer zum Kopfball, den Rafał Gikiewicz herausragend entschärfte und damit einen historischen Moment verhinderte.

Vielleicht ein Stück weit Wiedergutmachung. 2021 hatte Gikiewicz seinem Landsmann Robert Lewandowski per Abpraller mit der letzten Aktion der Saison sein 41. Saisontor aufgelegt. Diesmal sorgte er dafür, dass er selbst der letzte Torhüter bleibt, dem in den ersten beiden Profiligen ein Tor gelingt – am 7. Oktober 2018 im Trikot von Union Berlin gegen den 1. FC Heidenheim.

Durch dieses 1:0 der Augsburger konnte Gikiewicz‘ Ex-Team die Tabellenspitze verteidigen. Der FC Bayern rutschte von Rang 3 auf 5 ab und musste das vierte sieglose Bundesliga-Spiel in Folge hinnehmen. Dabei sah über weite Strecken der Partie vieles danach aus, als würden die Münchener ihre Sieglosserie noch vor der Länderspielpause beenden.

Vor allem in der ersten Hälfte agierte die Mannschaft von Julian Nagelsmann äußerst druckvoll, kam immer wieder über die rechte Seite zu Chancen. In Minute 13 war Sadio Mané frei durch, scheiterte allerdings genauso an Gikiewicz wie vier Minuten später Leroy Sané. Nach einer guten halben Stunde verzog Jamal Musiala nur knapp. Kurz vor der Pause kam Leon Goretzka einen Tick zu spät, um einen Musiala-Lupfer über die Linie zu drücken.

Genau diese Szenen stehen sinnbildlich für den FC Bayern im Herbst 2022. Sie arbeiten, sie arbeiten viel. Durch eigene Ungenauigkeiten verpassen es die Münchener aber, sich zu belohnen. So reicht ein Gegner, der unangenehm ist und an seine eigenen Chancen glaubt, um den Rekordmeister in Schwierigkeiten zu bringen. Bereits gegen Gladbach, an der alten Försterei sowie gegen den VfB Stuttgart war das zu beobachten. Die Partie in Augsburg trieb diese Unzulänglichkeiten nochmal auf die Spitze.

Gosens über Sieglosserie überrascht – „Haben uns überrumpelt und überrant“

Da Thomas Tuchel nach seiner Entlassung bei Chelsea noch immer arbeitssuchend ist und der FC Bayern bereits 2018, vor der Verpflichtung von Niko Kovač mit ihm in Kontakt war, schreiben sich die Krisengerüchte an der Säbener Straße schneller als sonst. „Nagelsmanns System ist gescheitert“, „Nagelsmann droht, die Kabine zu verlieren“, „Kam der FC Bayern zu früh für Julian Nagelsmann?“

Vereinsseitig allerdings bekannte man sich zu Nagelsmann. Sowohl Präsident Herbert Hainer, als auch Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidžić kritisierten die aktuelle Lage und betonten, dass man ab sofort Ergebnisse liefern müsse, nahmen dabei aber explizit die Mannschaft in die Pflicht. „Bei manchen Spielern hat sich wohl der Glaube eingenistet, man könne die Bundesliga nebenbei laufen lassen. Das geht nicht.“, so Kahn am Rande des Oktoberfestbesuchs. Über die Länderspielpause kündigte der FC Bayern eine gründliche Analyse der aktuellen Lage an.

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Photo by Francesco Scaccianoce/Getty Images

Tatsächlich scheint das Problem der Münchener hauptsächlich ein mentales zu sein. Auswärts in San Siro lieferte man einen über weite Strecken makellosen Auftritt ab und erzielte zwei Tore für die Galerie. Nationalspieler Robin Gosens zeigte sich ob Bayerns Sieglosserie in der Bundesliga überrascht: „Als wir gegen Bayern gespielt haben, saßen wir alle nach dem Spiel in der Kabine und dachten: ‚Wow, was die für eine Intensität im Spiel haben! Das ist schon absolutes Topniveau in Europa und auf der Welt. Sie haben uns überrumpelt und überrannt und die doppelte Intensität an den Tag gelegt wie wir.“ Auch nach einer schwachen Halbzeit gegen den FC Barcelona, als man gut und gerne 0:2 oder 0:3 hätte zurückliegen können, drehte man auf und gewann dank eines Doppelschlags von Lucas Hernández (50′) und Leroy Sané (54′) abermals 2:0, führt damit die wohl schwerste Gruppe an und ist – neben Club Brügge, Sporting CP sowie Real Madrid – noch ohne Gegentor.

In der Phase um die beiden Treffer zeigte sich der FC Bayern so präzise, dominant und effizient, wie es selbst die Katalanen über die gesamte Spieldauer kaum hinbekamen. Den Chancen, die sie vor der Pause kreierten, gingen hauptsächlich einfache Ballverluste und Unsauberkeiten im Passspiel der Münchener voraus, die sich dadurch selbst unnötig unter Druck brachten. Nach der Pause, als der FC Bayern so performte, wie es das eigene Selbstverständnis voraussetzt, sprang für Barcelona einzig der Pfostentreffer Pedris (63‘) heraus.

Bayern braucht mehr Konsequenz – von Nagelsmann und der Mannschaft

Diese Partien zeigen, dass es die Mannschaft hinbekommt, den Fußball zu spielen, den man an der Säbener Straße sehen will. Allein, wie das hochbegabte Kind, das seinen Klassenkameraden weit voraus ist, braucht auch der FC Bayern wiederholt neue Reizpunkte, um die Motivation innerhalb der Mannschaft aufrechtzuerhalten. Der eine, fokale Punkt im Angriff, den man immer mitnehmen konnte und der – unabhängig von jüngsten Ergebnissen – immer zu Lösungen und Toren geführt hat, wie Arjen Robben oder Robert Lewandowski, ist nicht mehr da. Im Moment ist Jamal Musiala derjenige, der von der reinen Konstanz in seinen Leistungen, beiden am nächsten kommt. Aber einem 19-Jährigen, egal wie talentiert er sein mag, die Last eines Weltklubs aufzubürden, spräche nur bedingt für die Führungsqualitäten seiner Mitspieler.

Julian Nagelsmann und vor allem die Mannschaft müssen lernen, dass diesmal jeder einzelne, der auf dem Platz steht, selbst Verantwortung zu übernehmen und sie nicht mit handballgleichen Pässen auf den Nebenmann abzuwälzen hat, wie beispielsweise in den Partien des DFB-Teams gegen Ungarn (0:1) sowie in Wembley (3:3).

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Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images

Dazu braucht es seitens des Trainers die richtigen Einwechslungen. Eric Maxim Choupo-Moting blieb gegen Augsburg weitestgehend wirkungslos, während Neuzugang Mathys Tel sowohl gegen Viktoria Köln als auch den VfB Stuttgart traf. Es braucht eine Startelf, die sich strikt an Leistungen orientiert. Wenn beispielsweise Ryan Gravenberch wiederholt für seine guten Trainingsleistungen gelobt wird, muss Ryan Gravenberch auch spielen. Es braucht ein System, in dem die Mannschaft erfolgreich ist und in dem jeder klar seine Rolle kennt. Das war in den letzten Jahren das 4-2-3-1. Der aktuelle Kader ist allerdings mehr auf ein 4-2-2-2 ausgelegt, das über die ersten drei Saisonspiele 15 Tore brachte. Und Julian Nagelsmann muss die Spieler auf ihren besten Positionen einsetzen. Sadio Mané ist als Teil einer Doppelspitze am Wirkungsvollsten, Leroy Sané gehört auf die linke Seite, nicht die rechte.

Der Rest, die Pässe, die Angriffe präzise und sauber ins Ziel zu bringen, liegt an der Mannschaft selbst. Dass Nagelsmanns Arbeit grundsätzlich Früchte trägt, zeigt die Statistik. Mit 16,26 xPoints (understat.com) führt der FC Bayern die Bundesliga an. Diese konnten lediglich in ein Dutzend Zähler umgewandelt werden. 4,26 Punkte sind die größte Unterperformance der Liga, vor Bayerns kommendem Gegner Leverkusen (+3,60). Gleichzeitig weist Tabellenführer Union Berlin gerade einmal 9,40 xPoints auf, aus denen sie 17 Zähler geholt haben – mit -7,60 Punkten zeigen sie im Moment die größte Überperformance der Liga, gefolgt vom FC Augsburg (-4,54). Das spricht dafür, dass das aktuelle Tabellenbild eher als Momentaufnahme zu verstehen ist, denn als grundsätzlicher Trend. Beide Extreme sind auf lange Sicht – bei der individuellen Qualität der einen und trotz des Kampfgeistes der anderen – nur sehr schwer aufrechtzuerhalten.

Um an der Tabelle etwas zu ändern, braucht es für den FC Bayern allerdings Siege. Die nächsten Gegner könnten mit Bayer Leverkusen, aber vor allem Borussia Dortmund (A), dem SC Freiburg (H) sowie der TSG Hoffenheim (A) keine dankbareren sein, da sie den Münchenern die Chance bieten, aktiv in der Tabelle Boden gutzumachen, statt einzig auf die Patzer der Konkurrenz zu hoffen. Gleichzeitig können sie sich mit zwei klaren Siegen über Viktoria Plzeň in der Champions League bei optimalem Verlauf zwischen Inter und dem FC Barcelona weiter absetzen. Die nächsten Wochen werden für den FC Bayern zum Charaktertest. Vergangene Generationen sind daran gewachsen. Die aktuelle täte gut daran, sich das als Vorbild zu nehmen.

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