Aytaç Sulu: Zwischen Autohaus und Bundesliga | OneFootball

Aytaç Sulu: Zwischen Autohaus und Bundesliga

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Für Aytaç Sulu ist es wie eine Reise in die Vergangenheit. Dort, wo der aktuelle U17-Co-Trainer derzeit sein Mittagessen einnimmt, saß er vor 14 Jahren noch als junger Spieler und wohnte den Teambesprechungen mit TSG-Chefcoach Ralf Rangnick bei. Im Sommer ist der gebürtige Heidelberger als U17-Co-Trainer nach Hoffenheim zurückgekehrt – und kann von einer bewegten Karriere zwischen Autohaus und Bundesliga sowie von selbstgezogenen Zähnen und Gesichtsfrakturen erzählen.

Als Sohn türkischer Eltern wuchs Sulu, Jahrgang 1985, im beschaulichen Nußloch auf und begann in der Jugend des FV Fußball zu spielen. „Es hat mir von Anfang an Spaß gemacht, auch wenn ich als Kind nicht gerade der athletischste Typ war“, sagt der heute 35-Jährige und ergänzt: „Für die Kreisauswahl hat es noch gereicht, aber für die Badische war ich zu pummelig.“ Den Spaß am Fußball verlor er durch die Nicht-Berücksichtigung jedoch keineswegs, ganz im Gegenteil. „Ich wollte so sein wie Alessandro Nesta, weil er ein beinharter Verteidiger war, der mit wenigen gelben Karten ausgekommen ist und immer alles spielerisch gelöst hat.“

Mit einigen Teamkollegen wechselte Sulu zur ambitionierteren SG Heidelberg-Kirchheim, wo er unter anderem ein Jahr mit dem späteren TSG-Profi und heutigen U23-Trainer Kai Herdling zusammen kickte, ehe es ihn zum SV Sandhausen zog. Am Hardtwald verbrachte er als Sechser und Innenverteidiger die B- und A-Jugend-Jahre, durfte unter Trainer Rainer Scharinger hin und wieder in der ersten Mannschaft mittrainieren und gab unter dessen Nachfolger Günter Sebert am 15. Mai 2005 mit 19 sein Debüt im Herrenfußball – ein 0:1 in der Oberliga Baden-Württemberg gegen die TSG Hoffenheim II.

Da für ihn das Thema „Ausbildung“ immer sehr wichtig war, plante Sulu zweigleisig. „Ich habe mich schon immer sehr für Autos interessiert und daher ein Angebot des Bahlinger SC angenommen, der von einem Autohaus unterstützt wurde und mir eine Ausbildung in einem Autohaus ermöglicht hat.“ Dass er dafür in die Verbandsliga runter musste, nahm der Azubi in Kauf. Der BSC stieg über die Relegation auf und schaffte mühelos den Oberliga-Klassenerhalt. Sulu stand in allen 34 Saisonspielen in der Startelf und wurde nur einmal ausgewechselt. Nach dem letzten Spieltag, einem 1:1 gegen die TSG Hoffenheim II, sprach ihn TSG-Trainer Alfred Schön an und machte ihm einen Wechsel zu „Hoffe zwo“ schmackhaft, wo Sulu zur Saison 2007/08 erneut unter Scharinger trainierte.

Über Aalen und die Türkei nach Österreich

Die Bundesliga war nicht so weit weg. In Hoffenheim trainierte Sulu bei den Profi mit, die damals auf dem direkten Weg von der zweiten in die erste Liga waren, und reiste auch ins Trainingslager nach La Manga. „Da waren ein paar Jungs von internationaler Klasse dabei wie zum Beispiel Carlos Eduardo. Das war eine super Erfahrung für mich“, blickt Sulu zurück. „Es hat immer großen Spaß gemacht, und wenn du einmal im erweiterten Kreis bist und ein Trainer wie Rangnick auch ein bisschen was in dir sieht, dann willst du natürlich mehr.“ Und plötzlich stand Sulu im Spieltagskader. Am 2. Mai 2009 saß er im Auswärtsspiel der TSG beim angehenden Deutschen Meister VfL Wolfsburg erstmals auf der Bundesliga-Bank – und gibt heute zu: „Ich wollte nicht eingewechselt werden!“ Innenverteidiger Marvin Compper hatte sich früh verletzt und Sulu wurde zum Warmmachen geschickt. „Wolfsburg war damals bärenstark, Edin Džeko hat drei Mal getroffen, wir sind 0:4 untergegangen – und Marvin hat zum Glück bis zum Ende die Zähne zusammengebissen.“ Auf sein Bundesliga-Debüt musste Sulu schließlich noch sechs weitere Jahre warten.

Nach zwei Spielzeiten in der U23 folgte Sulu mit vier weiteren Hoffenheimern seinem Trainer Scharinger zum Regionalligisten VfR Aalen, wurde Kapitän und stieg in die Dritte Liga auf, wo er auch nach Scharingers Entlassung unter Ralph Hasenhüttl Stammspieler blieb. „Aalen war ein sehr wichtiger Schritt in meiner Entwicklung“, sagt Sulu, der sich dann aber doch zu einem Wechsel in die Heimat seiner Eltern entschied.

Als Heranwachsender hatte er mit Beşiktaş mitgefiebert und dessen Nationalspieler Alpay und Sergen bewundert. Nun stand er selbst in der ersten türkischen Liga bei Gençlerbirliği aus der Hauptstadt Ankara unter Vertrag. „Ich war ein No-Name und habe kaum gespielt. Trotzdem war es eine sehr lehrreiche und spannende Zeit. Wir waren lange im Rennen um einen Europa-League-Platz und haben ihn nur wegen des Torverhältnisses verpasst.“ Doch Sulu wollte Spielpraxis – und bekam sie in Österreich beim SCR Altach. Trainer: Scharinger. Eigentlich wollte ihn Dirk Schuster zu den Stuttgarter Kickers in die Dritte Liga holen, doch das hatte sich kurzfristig zerschlagen.

Das Wunder von der Alm

„In Altach habe ich regelmäßig gespielt, mich aber auch mit der Frage beschäftigt, in welchem Autohaus ich mich bewerben soll“, sagt Sulu. Im Januar 2013 folgte der Anruf des in Stuttgart entlassenen Schuster, der ihn unbedingt zu seinem neuen Arbeitgeber, dem SV Darmstadt 98, holen wollte. Sulu sagte zu – und seine Karriere ging von nun an steil nach oben.

Eigentlich wären die „Lilien“ am Saisonende aus der Dritten Liga abgestiegen, hielten aber die Klasse, weil ausgerechnet Erzrivale Kickers Offenbach keine Lizenz erhielt. Es wurde noch verrückter: Als Dritter der Folgesaison erreichte Darmstadt die Relegation, unterlag aber im Hinspiel zu Hause Arminia Bielefeld klar mit 1:3. Die Messe schien gelesen. Nicht für Sulu, den Schuster zum Kapitän gemacht hatte: „Bei einem Waldlauf vor dem Rückspiel war ich mir mit Keeper Jan Zimmermann und Linksverteidiger Michael Stegmayer einig: Wir drehen das!“ Und tatsächlich: Nach 90 Minuten auf der Alm hieß es 3:1 für die Hessen – Verlängerung! „Als Kacper Przybyłko das 2:3 erzielte, waren wir tot“, erinnert sich Sulu. Doch dann traf Elton da Costa in der zweiten Minute der Nachspielzeit mit einem Verzweiflungsschuss aus der Distanz. „Noch immer war es nicht vorbei. Bielefeld hat sogar noch einmal den Pfosten getroffen“, erinnert sich Sulu an surreale Momente. Dann war Schluss. Der Zweitliga-Aufstieg war perfekt, geschlafen haben die Spieler erst nach der Rückkehr von ihrem spontanen viertägigen Ausflug nach Mallorca.

Es kam noch besser. Die „Lilien“ starteten stark in die Zweitliga-Saison, übten sich aber trotz eines guten sechsten Platzes Mitte der Hinserie in Understatement. „Uns war aber klar, dass wir es packen können“, so Sulu. Am vorletzten Spieltag hätten sie den Aufstieg perfekt machen können, verloren aber 0:1 in Fürth. „Da waren wir viel zu aufgeregt, haben uns dann aber gesagt: Zu Hause aufsteigen ist sowieso schöner!“ Gesagt, getan – mit einem 1:0 am Böllenfalltor gegen den FC St. Pauli machten Sulu und Co. den Durchmarsch perfekt!

Sieben Tore als Verteidiger

Eben noch Verbandsliga in Bahlingen, jetzt also Bundesliga – als Kapitän. Darmstadt startete mit drei Remis. „Der Unterschied zwischen Dritter und Zweiter Liga ist nicht so groß, aber die Bundesliga ist noch mal etwas ganz anderes“, sagt Sulu. „Hier wird jeder Fehler bestraft. Beim 1:1 auf Schalke waren wir mehr auf dem Boden gelegen, als dass wir Fußball gespielt hätten.“ Dann kam der vierte Spieltag in Leverkusen. Konstantin Rausch brachte einen Freistoß von der rechten Seite vors Tor, der aufgerückte Sulu köpfte ein – und Darmstadt nahm sensationell die drei Punkte mit. Der Heidelberger brachte es am Ende auf sieben Saisontore, alle auf fremdem Platz. So viele wie kein anderer Verteidiger, so viele wie er selbst noch nie in einer Spielzeit erzielt hatte. „Da war auch Glück dabei“, bleibt der 35-Jährige bescheiden, weiß aber auch, dass das hohe Niveau eine Rolle gespielt hat. „In der Bundesliga kommen die Flanken präziser.“ Darmstadt hielt die Klasse, stieg im zweiten Jahr ab, Sulu blieb die Konstante. Im Januar 2019 war dann Schluss. Nach genau sechs Jahren wagte er einen zweiten Versuch in der Türkei bei Samsunspor.

„Es waren sechs sehr schöne Jahre, auch wenn ich ständig unter Spannung gelebt habe. Aber so ist es im Profifußball nun mal. Die gemeinsam erlebten Erfolge prägen einen und ich werde dem SV Darmstadt 98 immer verbunden bleiben“, sagt Sulu, der mittlerweile zum ersten Ehrenspielführer der „Lilien“ ernannt worden ist. Kultstatus erreichte er am Böllenfalltor auch durch seine professionelle Einstellung. Zwar musste auch er hin und wieder Wehwehchen auskurieren, blieb aber von schweren Verletzungen weitgehend verschont. Bis auf das eine Mal, in der Aufstiegssaison, als ihn ein gegnerischer Stürmer unnötig schubste, so dass er unglücklich mit dem Keeper zusammenprallte und sich eine Gesichtsfraktur zuzog. Nach nur zwei Spielen Pause stand Sulu wieder auf dem Platz – mit Maske. „Das war gegen Aue, und ich habe mir gleich eine Platzwunde am Kopf zugezogen.“ Egal, es ging weiter. So wie drei Monate später auf St. Pauli, als er den Ellbogen des Hamburgers Ante Budmir im Gesicht spürte, und danach ein Zahn locker war. Sulu zog ihn sich kurzerhand selbst – und spielte weiter.

Neustart ins Trainerleben

Die aktive Karriere klang nach dem Gastspiel bei Samsun in der zweiten türkischen Liga sowie einem Abstecher zu Carl Zeiss Jena in die 3. Liga im Sommer 2020 aus. Ohne je in einem Leistungszentrum ausgebildet worden zu sein, hatte sich der einst zu pummelige Verteidiger hochgearbeitet und blickt heute auf fast 150 Spiele und 18 Tore in der ersten und zweiten Bundesliga zurück. „Ich habe das gerne mitgenommen, wusste aber immer, wo ich herkomme, und hatte nie Allüren. Klar hatte auch ich weniger gute Tage, war vielleicht mal arrogant, mal pampig, und ja, auch ich habe mir mal ein schönes Auto gegönnt. Aber ich bin kein anderer Mensch geworden und immer am Boden geblieben.“

Seit Sommer ist Sulu, der mit seiner Frau, der neunjährigen Tochter und dem zweijährigen Sohn in Heidelberg wohnt, nun also wieder in Hoffenheim. „Vom Typ her bin ich Trainer. Ich konnte nur meine Ideen nicht immer so ausleben.“ Als Co-Trainer der U17 unter Chefcoach Stephan Lerch kann er sich nun hervorragend einbringen. „Ich bin sehr froh, dass mir diese Möglichkeit gegeben wird, und will nichts überstürzen, sondern mich langsam an diesen Job gewöhnen. Wir haben ein super Trainerteam, in dem die Meinung des anderen gefragt ist und man sich sehr gut einbringen kann.“ Die Umstellung vom Spieler- auf das Trainerleben erfordere viel Disziplin: „Wenn man viele Jahre Kapitän war, muss man als Co-Trainer erst mal lernen, ein bisschen zurückstecken. Und man sollte sehr strukturiert sein, aber hier kommt meine deutsche Seite zum Tragen“, schmunzelt Sulu, der es bei den großen Turnieren mit beiden Nationalmannschaften hält.

Als einstiger Verteidiger hat Aytaç Sulu natürlich ein besseres Auge für die Defensive. Aber der 35-Jährige weiß auch, wie man Tore schießt. „Ich möchte einfach das, was ich bei meinen früheren Trainern gut fand, übernehmen, und was ich weniger gut fand, verfeinern“, sagt er. Wohin die Reise für ihn persönlich geht, wird sich zeigen. „Jetzt wollen wir mit der U17 eine ordentliche Saison spielen und die Jungs bestmöglich auf den Sprung in die U19 vorbereiten.“

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